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Jovanovs HSV: Selbst hinter dem Zufall steckt ein Plan

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

was treibt Menschen an, sich zu vermummen, Feuerwerkskörper zu zünden und durch das Stadion zu werfen? Wahrscheinlich ein erhebliches Defizit an Aufmerksamkeit und Akzeptanz im sozialen Umfeld oder ein Ausdruck von Frustration und Ungerechtigkeitsempfinden. Vielleicht wissen diejenigen, die so etwas tun, überhaupt nicht, warum sie es tun. Es erinnert mich an Klingelstreiche in der Kindheit, denen keine rationalen Überlegungen zugrunde lagen. Man tat es einfach, lief weg, keiner wollte es später gewesen sein.

Klingelstreiche sind allerdings nicht mit dem Zünden von Bengalos zu vergleichen. Die Motivation könnte jedoch dieselbe sein: es gibt überhaupt keine. Und wenn doch, ist es die Aufmerksamkeit, die einem für einen Moment zuteil wird. Was würde passieren, wenn sich niemand mehr darüber aufregt? Wenn weder Medien noch Funktionäre oder Politiker dieses Verhalten beachten und kommentieren? Ich sehe selten Ansätze oder Bestrebungen, diese Menschen zu verstehen. Vielmehr wird das Thema gerne dafür genutzt, um den moralischen Finger zu heben und den Unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Fans deutlich zu machen.

Der gute Fan zahlt brav 60 Euro für seine Sitzplatzkarte, konsumiert zwei Getränke und isst eine Stadionwurst. Der schlechte Fan zahlt 15 Euro für eine Stehplatzkarte, konsumiert schon vor dem Stadionbesuch reichlich alkoholische Getränke, kostet den Verein bei Fehlverhalten im schlimmsten Fall sogar Geld. Es scheint daher eine zwangsläufige Konsequenz zu sein, dass man sich hinstellt und in aller Öffentlichkeit von „Idioten“ und „Chaoten“ spricht. Das ist ziemlich einfach und keiner wird dem widersprechen.

Vom Defizit an Beachtung und Verständnis komme ich nun zum Defizit an Konzentration. Freiburgs Keeper Oliver Baumann wird in seiner Karriere wohl nie wieder einen schlechteren Tag erwischen. Es passt aber erstaunlicherweise wunderbar zur Situation beider Vereine – während der Sport-Club ein sportliches Tal durchläuft, braucht der HSV nicht einmal guten Fußball zu spielen, um deutlich mit 3:0 als Sieger vom Platz zu gehen. Da ich ein großer Freund von Statistiken und Auswertungen bin, habe ich mir die Werte der beiden Mannschaften angeschaut. Und tatsächlich: Nur in der Torschussbilanz kann der HSV einen besseren Wert vorweisen.

Mit nur 234 gespielten Pässen lag man im Vergleich zur Vorwoche bei einem nur halb so hohen Wert. Auch in der Zweikampf- und Ballbesitzstatistik zog die Mannschaft von Bert van Marwijk den Kürzeren. Aber sie gewann dieses Spiel. Und genau deshalb ist dieser Sport so spannend – es gibt keine Erfolgsformel. Vielmehr basiert Fußball auf Willkür und Zufälle, die man allerdings insofern beeinflussen kann, als dass man sie „erzwingt“. Denn ohne die Zuspiele zwischen der Abwehrkette und dem Torhüter hätte es niemals zu solchen Szenen kommen können. Doch das Team war auf das Abwehrverhalten der Freiburger eingestellt, dessen Verteidiger bei eigenem Ballbesitz etwa 25 bis 30 Meter vom eigenen Tor entfernt positioniert standen.

Die Zuspiele von Milan Badelj und Rafael van der Vaart kamen nämlich genau dort an, wo es gefährlich wird. Das hat wiederum weniger mit Willkür zu tun, sondern mit taktischen Anweisungen. Die Mannschaft war auf diese Situationen vorbereitet und erzwang somit immer wieder das Herauslaufen von Baumann aus seinem Strafraum. Dennoch kann van Marwijk mit der Leistung insgesamt nicht zufrieden sein, wie er in den Interviews auch klarstellte. Im Grunde war das spielerisch ein kleiner Schritt zurück.

Einen Schritt vorwärts will Ernst-Otto Rieckhoff mit seinem Ausgliederungskonzept machen und ist deshalb auf Tour durch die Republik. Im Kampf um Stimmen hat er im Gegensatz zu seinen Kontrahenten eindeutig die Nase vorn. Mich stört es allerdings, wenn dieser „Wahlkampf“ auf einer persönlichen Ebene ausgetragen wird. Wenn es um Rieckhoff gegen Hunke oder Liebnau geht, statt um die Sache. Um die besseren Argumente, Lösungsansätze und Strategien. Das tut es allerdings nicht immer.

Im Zuge der Ausgliederungsdebatte habe ich mir zudem die Frage gestellt, welche Position die großen Verlage einnehmen, die vom ungehinderten Informationsfluss aus den unterschiedlichsten Gremien am meisten profitieren. Der Aufsichtsrat der von Rieckhoff angedachten Aktiengesellschaft würde nicht mehr im Besitz dieser Informationsfülle sein. Dann hilft nur noch die NSA oder jede Menge Kreativität beim Schreiben neuer Geschichten. Ich weiß nicht, was für den HSV besser ist.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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