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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

irgendetwas war diesmal anders. Nicht nur, dass es an Sonntagnachmittag für diese Jahreszeit angenehm warm war, ich auf dem Weg zur Arena im Stau stecken blieb und trotzdem kurz vor Anpfiff auf meinem Platz saß (welch ein Wunder bei diesem Chaos), ich war mir zudem sicher, dass es aus HSV-Sicht ein guter Tag wird. Denn das Vertrauen in den neuen Trainer war so groß wie selten zuvor. Ohne voreilig in überschwängliche Euphorie zu verfallen – auf dem Platz war eine andere Mannschaft zu sehen. Erneut! Eine Mannschaft, die lebte, kämpfte und nach jedem Niederschlag wieder aufstand.

Und genau das ist der große Unterschied. Während man vor einigen Wochen nach dem frühen Rückstand noch in alle Einzelteile auseinandergefallen wäre, sich gegenseitig bepöbelt und lamentiert hätte, blieb der HSV ruhig. Zum Teil waren Ballstafetten zu beobachten, die man im Volkspark wahrscheinlich mehrere Jahre nicht mehr gesehen hat. Das Publikum reagierte entsprechend und mit zunehmender Spieldauer verbanden sich Mannschaft und Fans zu einer Einheit. Solch eine Stimmung habe ich zuletzt beim 1:0 gegen Hannover am Tag des Vereins-Jubiläums erlebt.

Es geht primär nicht um das Ergebnis. Auch nicht darum, das kritisiere ich immer wieder, euphorisch zu werden und nach der Champions League zu rufen. Vielmehr geht es darum, dass der HSV wieder Spaß macht. Das war vielen Fans und uns Journalisten einfach anzumerken. Und auch die Spieler haben wieder jede Menge Spaß am Fußball. Das soll keinesfalls als Affront gegen Thorsten Fink verstanden werden. Ich glaube, dass er in Hamburg in Anbetracht der Umstände einen guten Job gemacht und alle Ziele erreicht hat. Aber er war kein großer Taktiker und seinen besten Mann, den Kopf des Erfolges in Basel, Heiko Vogel, ließ er zurück.

Fink war im Umgang mit Medien, Fans und seinen Spielern ein wenig als ein Kumpeltyp aufgetreten. Seine Autorität holte er sich deshalb mit unpopulären Entscheidungen zurück. Zum Beispiel, als er Slobodan Rajkovic vor einem Jahr nach einer Rauferei im Training suspendierte. Einige Monate zuvor hatte sich bereits der Jugendspieler Muhamed Besic daneben benommen. Das, was Thorsten Fink an Autorität fehlte, hat Bert van Marwijk im Überfluss. Und er untermauert sie mit langjähriger Erfahrung, Fachwissen und Sachlichkeit. Selbst bei den Journalisten ist festzustellen, dass man einem Vize-Weltmeister anderes gegenübertritt, als jemandem, den man mit Abklatschen begrüßen kann.

Die sogenannte "Handschrift" des Trainers, auch wenn ich diesen Begriff eher meide, war tatsächlich zu erkennen. Dazu muss man kein großer Taktik-Experte sein, denn die Statistik belegt das Engagement des HSV: 20 zu 9 Torschüsse, 10 zu 0 Ecken, Passquote von über 85 Prozent. Insgesamt wirkten die Angriffe schneller und konsequenter ausgespielt, Hakan Calhanoglu fiel in dieser Hinsicht speziell auf. Aber auch die Auftritte von Tolgay Arslan oder Milan Badelj (hatte die meisten Balleroberungen und höchste Laufdistanz aller Spieler), den van Marwijk zum besten Mann auf dem Feld erkor, sind nicht zu unterschätzen. Insbesondre deshalb, weil im zentralen Mittelfeld gleich drei offensive Spieler agieren, zählt man van der Vaart hinzu. Insofern ist es beachtlich, wie das Sechser-Duo sowohl Defensiv- als auch Offensivaufgaben löste.

Es war allerdings noch lange nicht alles gut. Denn wer in einem Heimspiel drei Gegentore kassiert, hat mindestens drei Mal etwas falsch gemacht. Dennoch möchte ich niemandem einen Vorwurf machen, da mir zum jetzigen Zeitpunkt die Art und Weise des Fußballspielens wichtiger ist, als das Ergebnis. In der taktischen Weiterentwicklung war in den letzten Monaten ein Stillstand zu beobachten, den van Marwijk mit seiner Erfahrung wieder löst. Mehr noch: Er hat einen neuen Teamgeist geweckt. Glaube ich. Lasogga brachte es auf den Punkt: "Wir vertrauen uns und harmonieren immer besser auf dem Platz. Es macht einfach wieder Spaß." Dem ist nicht zu widersprechen.

Was mir in der vergangenen Woche weniger Spaß bereitet hat, waren die Reaktionen auf meine Kolumne. An dieser Stelle möchte ich nochmals öffentlich um Entschuldigung dafür bitten, dass ich zwei Dinge miteinander in Verbindung gebracht habe, die nicht in einen journalistischen Text gehören. Das grundsätzliche vereinspolitische Problem ist allerdings selbst mit einer Entschuldigung nicht gelöst. Solange der Ausspruch, dass es allen doch nur um den Verein gehe, nicht auch wahr und in die Tat umgesetzt wird, kann sich nichts ändern. Das mag wie eine dahergesagte Floskel klingen, ist im Kern aber nicht falsch.

So ist es dem HSV zu wünschen, dass alle nebensächlichen und irrationalen Themen schnell vom Tisch kommen, sich ein Beispiel am Auftritt der Mannschaft genommen wird, um gemeinsam einen Schritt aus der Krise zu machen. Selbst wenn man seinen Nebenmann nicht mag – es geht doch letztlich um Fußball. Eine schöne Nebensache, aber nicht der Mittelpunkt unserer Existenz.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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