thumbnail Hallo,

Wöchentlich nehme ich die Geschehnisse rund um Borussia Mönchengladbach aufs Korn. Was tut sich im BORUSSIA-PARK, was geht ab? Meine befangene Meinung findet ihr hier.

KOLUMNE

Von Gregor Becker

Mönchengladbach. Nach 30 Minuten Abtasten, taktischem Geplänkel und vor allem der von Lucien Favre ausgerufenen "Geduld" explodierte der BORUSSIA-Park am Samstag um kurz nach vier förmlich. Borussia Mönchengladbach brannte ein Offensiv-Feuerwerk ab und kombinierte sich auch nach dem zwischenzeitigen Anschlusstreffer zu einem nie gefährdeten 4:1-Erfolg gegen Werder Bremen. Die Protagonisten: Juan Arango, Max Kruse, Raffael und Patrick Herrmann, die allesamt einen Treffer zum formidablen Sieg beisteuern konnten.

Die Geburt der "Fantastischen Vier"

Filigrantechniker Raffael, Denker und Lenker in der Offensive, verbuchte endlich seine Torpremiere, nachdem er sich in den Partien zuvor im Abschluss erstaunlich dürftig präsentierte, "Chiller" Arango brachte im Jahr 2013 den Ball gar erst zum zweiten Mal über die gegnerische Torlinie und bewies damit seine aufsteigende Form.  Max Kruse, der schon Hannovers Viererkette auseinandernahm, rechtfertigte spätestens mit seinem zweiten Treffer im Borussendress die Nominierung für die WM-Qualifikationsspiele der deutschen Nationalelf und ein zuvor unglücklich agierender Patrick Herrmann machte in seinem 100. Bundesligaspiel schließlich den Deckel drauf. Die "Fantastischen Vier" waren geboren. Doch "der eigentliche Held" war eine perfekt harmonierende Doppel-Sechs.

Zeige- statt Stinkefinger: Dennoch wechselte Lucien Favre den rotgefährdeten Granit Xhaka für seine Verhältnisse gegen Bremen schon früh aus - unter tosendem Applaus der tollen Borussia-Fans

Doppelsechs aufgemotzt

Granit Xhakas virtuose Vorlage zu Arangos 1:0 war nur das Sahnehäubchen auf eine außerordentliche Leistung des Schweizer Nationalspielers. Sein Pass- und Umschaltspiel sowie seine Übersicht kommen in dieser Saison endlich zum Vorschein, wobei sich das Wort "endlich" bei einem erst 20-Jährigen eigentlich verbietet. Ihm zur Seite steht mit Christoph Kramer ein 22-Jähriger, dem man nicht glauben mag, dass er gegen Bremen erst sein viertes Erstligaspiel absolvierte. Roman Neustädter und Havard Nordtveit interpretierten die Doppel-Sechs selbst in der Sensationssaison 2011/2012 eher statisch und verließen sich auf die Offensivpower eines Marco Reus oder eines Juan Arango. In der letzten Spielzeit agierten dann Nordtveit und Marx eher hausbacken und offensiv schüchtern, weil Xhaka noch nicht funktionierte und es vornehmlich darum ging, die Defensive zu stabilisieren.

So funktioniert es offensiv

Doch nun ist alles anders: Die Borussia verfügt über ein Sechserpärchen modernster Prägung, welches, durch die starke Defensivarbeit der Außen Arango und Hermann entlastet, immer wieder schnell umschalten kann. Dabei zeichnet sich Xhaka eher durch Zuspiele in die Schnittstellen aus, während Kollege Christoph Kramer mit nach vorne stößt und durch seine Präsenz die Optionen im letzten Drittel des Spielfelds erhöht. Es wird eine Überzahl in der Offensive geschaffen, die durch Xhaka zum einen bedient und zum anderen gegen Konter abgesichert wird. Durch die neu gewonnene Passsicherheit der gesamten Mannschaft lässt sich zudem das Ballbesitzspiel verfeinern, was dann dreißig Meter vor dem Tor Fahrt aufnimmt und mit der Hilfe der Variabilität der "Fantastischen Vier" meist zielführend ist.

Flyin´Kramer - immer einen Schritt schneller

So funktioniert es defensiv

Mit dem aktiven Pressen von Raffael und Kruse und der gleichzeitigen Absicherung der Außenpositionen durch Arango und Herrmann ergibt sich für Xhaka und Kramer die Möglichkeit weiter vorzuschieben. Damit lässt man dem Gegner weniger Raum, der zudem weit vom eigenen Tor entfernt ist. Die Doppelsechs markiert die Gegenspieler zentral enger und macht es diesen schwierig, die durch das Pressen oft weniger genau gespielten Bälle zu verarbeiten. Wählt der Kontrahent das Flügelspiel, so sieht er sich dort wieder Arango oder Herrmann mit jeweils einem Außenverteidiger gegenüber. Werden diese mal überlaufen, kann im Prinzip nur eine Flanke folgen, die nur präzise geschlagen und mit dem richtigen Abnehmer zu einem probaten Mittel wird. Keine allzu gute Option, findet auch Favre und hat nichts dagegen, wenn der Gegner über Außen kommt.

Nordtveit und Marx chancenlos

So zumindest die Theorie, die gegen Bremen trefflich aufgegangen ist. Natürlich hat das in Leverkusen mit dem starken Duo Bender und Castro im zentralen Mittelfeld und den agilen Son und Sam sowie Knipser Kießling noch nicht so gut funktioniert. Doch Übung macht den Meister und solche Kaliber gibt es in der Bundesliga nicht viele. So wird sich Borussias Schaltzentrale in diesem taktischen Gefüge weiterentwickeln können, zumal sich Xhaka auf den Weg zum Führungsspieler macht und man Kramer in jeder Bundesligaminute beim Reifen zusehen kann. So wird es für die Konkurrenz schwer. Thorben Marx´ Arbeitsbereich ist ersatzlos gestrichen, da die Kompaktheit im Team nun vorhanden ist und ein Zerstörer nicht mehr gebraucht wird. Havard Nordtveit, der nie aus der Mannschaft wegzudenken war, muss gehörig zulegen, wenn er die ihm gegenüber dem Stammpersonal fehlenden Attribute in irgendeiner Form wettmachen will.

Auch wenn Lucien Favre und Max Eberl nicht müde werden zu betonen, dass jeder Spieler gebraucht werde und auch wenn der Kader auf den Positionen 12 bis 18 über eine hohe Qualität verfügt, ist die Stammelf vorbehaltlich möglicher Verletzungen in Stein gemeißelt. Darauf schwöre ich Stein und Bein.

Schwarzweißgrüne Grüße

Euer

Gregor Becker

Dazugehörig