thumbnail Hallo,

Die wöchentliche HSV-Kolumne von Daniel Jovanov – jeden Dienstag exklusiv auf Goal.com.

Liebe Leser,

in diesem Verein, der mir in meiner Kindheit aus irrationalen Gründen ans Herz gewachsen ist, liegt außerhalb wie innerhalb des Platzes viel im Argen, sodass ich mich ernsthaft fragen muss, ob er sich je aus der Gefangenschaft seiner eigenen Strukturen befreien kann. Und hinter Strukturen stehen Menschen, die zwar stets ihre „Raute im Herzen“ betonen, vor Eitelkeit und Verblendung jedoch die größte Last darstellen, die diese Raute zu tragen hat. Dies haben die Ereignisse der letzten Wochen und insbesondere des gestrigen Tages unterstrichen. Es darf und wird kein Blatt mehr vor den Mund genommen werden.

Gestern machte ich mich auf den Weg zum Training der zweiten Mannschaft des HSV, wo ich eigentlich die aussortierten Slobodan Rajkovic und Michael Mancienne erwartet hatte. Auch ein Kamerateam war vor Ort. „Mit uns hat keiner gesprochen, wir wissen von nichts“, erklärte U23-Coach Cardoso auf meine Nachfrage hin. Eigentlich sollten die beiden neben Gojko Kacar und Robert Tesche ins Regionalligateam abgeschoben werden, wenn sie den Verein nicht verlassen. Doch Fehlanzeige. „Die Jungs haben ganz normal ihren freien Tag und kehren dann morgen ins Training zu den Profis zurück“, stellte Mediendirektor Jörn Wolf klar.

Sei‘s drum. Sportchef Oliver Kreuzer ist meines Erachtens seiner Linie nicht treu geblieben. Es ist mir grundsätzlich ein Rätsel, mit welchem Maß hierbei gemessen wird. Die Spieler Kacar und Tesche, die sich nichts vorwerfen lassen müssen, trainieren beim Regionalligateam, während Slobodan Rajkovic und Michael Mancienne an der Arena trainieren dürfen. Warum? Das werde ich Herrn Kreuzer bei der nächsten Gelegenheit persönlich fragen. Kacar zumindest hatte darauf bislang auch keine Antwort: „Ich muss jetzt hier bleiben. In Tomsk habe ich für meine Karriere keine Perspektive gesehen. Es ging dabei nicht ums Geld, das ist nicht wahr“, erzählte Kacar.

Der Serbe wirkt geknickt. Er ist zwar mit Abstand der beste Spieler bei der U23, läuft trotzdem nur mit gesenktem Haupt über den Rasen. „Natürlich bin ich unglücklich. Ich konnte bei meiner Verpflichtung nicht ahnen, dass mein Gehalt irgendwann ein Problem sein könnte“. Es wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Den Vertrag gab er sich allerdings nicht selbst und einen Wechsel nach Sibirien, wo er angeblich sogar mehr verdient hätte, kann man ihm nicht übel nehmen. Jeder, der das kritisiert, denkt nicht weit genug. Fußballspieler sind Menschen, machen sich auch Sorgen um ihre Zukunft und ihr Kontostand schützt sie nicht vor Mobbing und Einsamkeit.

Es ist unübersehbar, dass das Prinzip der Doppelmoral regiert. Vielleicht ist es auch einfach nur Willkür. Was auch immer es ist, ich kann mich damit nicht anfreunden. Weil es dem Verein schadet, sein Image als unberechenbar und panisch potenziert. Der Verein braucht stattdessen eine klare Linie, eine einheitliche Außendarstellung. Für mich erweckt es eher den Eindruck, dass die eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Und das zieht sich vom obersten Gremium bis auf den Fußballplatz runter. Besserung erhofft man sich von der Ausgliederung, die in Hamburg nur Strukturreform genannt werden darf, weil man das andere Wort nicht hören mag. Das klingt irgendwie nach abschieben.

Beim Senioren-Treff am gestrigen Abend hätte es eine wunderbare Möglichkeit gegeben, die beiden Modelle von Ex-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff und Ex-Präsident Jürgen Hunke vorgestellt zu bekommen. Leider wurde ich allerdings des Raumes verwiesen, weil die Presse nicht erwünscht war. „Das haben wir noch nie so gehabt“, begründete einer, „das ist ein sehr HSV-interner Kreis“, ein anderer. Man wollte nicht, dass die Informationen über die Strukturpläne an die Öffentlichkeit gelangen. Den Senioren möchte ich an dieser Stelle ein paar persönliche Worte mitgeben:
Liebe Senioren des HSV, ich akzeptiere ihre Entscheidung, nehme sie nicht persönlich, möchte allerdings auf einige Dinge hinweisen: Glauben Sie wirklich, dass ich im Zeitalter des Internets nicht trotzdem an Informationen komme? Glauben Sie wirklich, dass sich ihre Mitglieder der Verschwiegenheit verpflichtet fühlen? Sie haben den Verein, um den es hier primär gehen soll, einer Chance beraubt. Eine Chance auf unabhängige, sachliche und faire Berichterstattung.

Es wäre doch zudem ein Leichtes gewesen, auf die heutige Pressekonferenz von Ernst-Otto Rieckhoff zu verweisen, mit mir ein Agreement einzugehen, meinen Bericht erst nach der offiziellen Vorstellung zu veröffentlichen. Aber Sie haben sich mit der für mich sehr einleuchtenden Begründung, dass man das „noch nie so gemacht“ habe, für einen anderen Weg entschieden. Welche Konsequenzen diese Geisteshaltung auf eine mögliche Ausgliederung haben kann, brauche ich nicht zu erläutern. Bei der Stimmabgabe auf der Mitgliederversammlung wünsche ich Ihnen dennoch die richtige Wahl. Treffen Sie sie im Sinne des HSV.
Nun gut, wir erfahren also gegen 13 Uhr mehr von den Reformplänen. Drei Spieler der 83er-Mannschaft sollen dabei sein, wenn Rieckhoff vor die Presse tritt. Ich glaube aufgrund der unüberlegten Äußerungen von Klaus-Michael Kühne dennoch nicht an die Chance einer Dreiviertelmehrheit auf der Mitgliederversammlung im Januar. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Ausgliederung zum Scheitern verurteilt. Die Traditionalisten, die bislang alles „schon immer so gemacht“ haben, werden sich nicht von einem externen Investor ihre Posten wegnehmen lassen. Da haben sich die Strippenzieher strategisch unklug angestellt.

PS: Alle tagesaktuellen Ereignisse poste und kommentiere ich auf oder .

Dazugehörig