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Wöchentlich nehme ich die Geschehnisse rund um Borussia Mönchengladbach aufs Korn. Was tut sich im BORUSSIA-PARK, was geht ab? Meine befangene Meinung findet ihr hier.

Mönchengladbach. Was sich bei Borussia Mönchengladbach bereits in der Vorbereitung andeutete, ist nun gewiss: Die Neuzugänge Max Kruse, Raffael und Christoph Kramer sind eine absolute Bereicherung für die Fohlenelf, der Kader ist homogen wie nie, die Mischung passt. Nach dem Patzer bei Darmstadt 98, einer guten aber verlorenen Partie bei Bayern München, klappte es dann auch mit den ersten eigenen Toren gegen Hannover 96, bevor die Niederlage bei Bayer Leverkusen den Fans einmal mehr Rätsel aufgab. Die Neuen erwiesen sich im BORUSSIA-PARK ja gleich als entscheidende Akteure, was lief also bei der Werkself schief? Da stellt sich für mich die Frage nach Lucien Favres System beziehungsweise nach der taktischen Ausrichtung des Teams.

"Magisches Quartett?"

Vor allem in der Offensive griff ein Rädchen ins andere. Vermisste man in den ersten beiden Pflichtspielen noch die Torgefahr und damit den "Bankangestellten" Luuk de Jong, so schien die Abschlussschwäche endlich abgestellt.  Kruse und Raffael ergänzten Herrmann und Arango zu einem "magischen Quartett" – gegen Hannover. Allerdings spielte die Abwehrkette der Niedersachsen zum allerersten Mal zusammen und konnte sich aufgrund der unterschiedlichen Herkunft ihrer Mitglieder auf dem Platz allenfalls rudimentär verständigen.

Jubel beim Sieg gegen Hannover: Kruse, Arango und Raffael

Fehler im System

Gegen Hannover gelang einer der besten Heimauftritte der letzten beiden Jahre, allerdings kaschierte dieses Spiel auch einen "Systemfehler", der in Leverkusen offensichtlich wurde. Die Borussia war im letzten Jahr fast ausschließlich Kontermannschaft, auch wenn sie sich aufgrund einiger Stock- und Abspielfehler manchmal selbst im Weg stand, wurde diese Spielphilosophie durchgezogen und brachte letztlich immerhin Rang acht in der Abschlusstabelle. Es fehlten kombinationsstarke und technisch beschlagene Spieler wie Raffael oder Kruse, die dem Spiel der Fohlen mehr Dominanz hätten verleihen können.

Mit den Transfers der beiden Offensiv-Künstler stellte man diesen Mangel ab und konnte sich auf das ballorientierte Spiel fokussieren, welches Favre so zu lieben scheint. Zudem geht es für die Fohlen nun nicht mehr ausschließlich durch die Mitte, die Außenverteidiger stehen wie die Doppel-Sechs höher und schalten sich nun mehr über die Flügel mit in den Angriff ein. Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Wann darf Tony Jantschke auf Luuk de Jong flanken?

Die Offensivqualitäten von Filip Daems und Tony Jantschke werden bei den Fans der Borussia völlig konträr gesehen. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die beiden Außenverteidiger zwar von Xhakas Diagonalpässen profitieren und die Möglichkeiten bekommen, bis zur Grundlinie durchzukommen, dort aber in Ermangelung eines Abnehmers in der Zentrale, den Ball wieder zurückspielen müssen. So ist es bezeichnend, dass ausgerechnet Juan Arango unser kopfballstärkster Offensiver ist. Dies ist an dieser Stelle auch als kleiner Hinweis an einige Journalisten-Kollegen zu verstehen, die unserem Hurrikane diese Stärke nicht zugestehen. Allerdings ist Arango nun auch kein Kopfballungeheuer und rückt bei allen Positionswechseln vorne selten vor das gegnerische Tor. Und so brach vor allem Jantschke gegen Leverkusen ein ums andere Mal ab, zögerte zu Recht mit einer Hereingabe und suchte den Rückwärtsgang.

Kopfballstärke fehlt!

Dem "magischen Quartett" fehlt also eine entscheidende Komponente: Kopfballstärke! Wenn die Fohlen selbst gegen eine enorm starke Bayer-Elf eine Ballbesitzquote von 58 Prozent erreicht hat, dann kann man davon ausgehen, dass diese mit Ausnahme von Borussia Dortmund, gegen jeden Gegner in der Hinrunde so aussehen wird. Dies bedeutete, Gladbach wird mit Ausnahme einiger Kontersituationen häufig eine "Vollversammlung" im gegnerischen Strafraum vorfinden, der man mit gezielten, flachen Hereingaben nur selten beikommen kann. Damit schließt sich der Kreis: Luuk de Jong, der über Torgefahr und Präzision beim Kopfball verfügt, fehlt.

Hier könnte eine simple personelle und taktische Veränderung Abhilfe schaffen. So würde unser System in der Offensive keine Qualität einbüßen, wenn Favre auf ein 4-2-3-1 umstellte, dabei abwechselnd Arango oder Herrmann eine Pause gönnte, um dafür Kruse zurückzuziehen. Raffael könnte außen agieren und de Jong als zentrale Spitze für Gefahr sorgen. Diese Variante scheint mir gerade gegen vermeintlich schwächere Gegner ein Muss zu sein, denn wer glaubt denn, dass sich beispielsweise Werder Bremen im BORUSSIA-PARK auskontern lässt? Also, ich nicht!

Favre wie der Borusse ihn sehen will: Engagiert und erfolgreich!

Potenzial nutzen

Bei allem Respekt vor Lucien Favre, nicht nur die Spieler auch der Coach sollte aus Partien wie gegen Leverkusen lernen. Unser Tiki-Taka gegen Hannover war toll anzusehen, aber dies wird gegen besser organisierte Bundesligamannschaften nicht funktionieren, weil die oben angesprochene Variable fehlt.

Deshalb meine Bitte an den Trainer: Spring über deinen Schatten und nutze das gesamte Potenzial unseres Kaders! Die ohnehin späten Einwechslungen von Amin Younes und Branimir Hrgota haben nichts gebracht und wenn man Luuk de Jong erst in der 86. Minute beim 2:4 als letzte Maßnahme bringt, dann ist das eine Ohrfeige für den Spieler, selbst wenn dieser dafür eine überdimensionale Auflaufprämie kassieren sollte. Vielleicht liege ich ja auch komplett falsch und Luuk klaut goldene Löffel oder lässt sich mit dem Golfwagen auf den Trainingsplatz fahren, aber unterm Strich sehe ich meine Systemkritik als berechtigt an. Favre kann es auch gerne mit Hrgota oder Mlapa als echten Stürmer versuchen kann, was mich jetzt nicht total begeisterte, aber zumindest meiner geforderten Taktik entspräche. Wenn diese irgendwann adaptiert wird, nicht funktioniert und mich somit widerlegt, lass ich mich gerne zerreißen. Bis dahin …

Schwarzweißgrüne Grüße

Euer

Gregor Becker

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