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Die wöchentliche HSV-Kolumne von Daniel Jovanov – jeden Dienstag exklusiv auf Goal.com.

Liebe Leser,

der HSV ist durch das 4:0 in Jena souverän in die nächste Runde des DFB-Pokals eingezogen, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass man teilweise sogar auf ein Ausscheiden gehofft hat. Vonseiten der „HSV-Fans“ wohlgemerkt. Es hätte ja irgendwie zur Situation gepasst - nach dem 0:4 gegen einen Zweitligisten nun auch das Aus gegen einen Oberligisten. Diese Haltung ist keine Seltenheit und ein Produkt vieler unterschiedlicher Faktoren.

Zum einen wird der Fußball an sich selten objektiv bewertet. Wer sich gegen einen Gegner gefühlt 20 Chancen herausarbeitet, macht keinen schlechten Job. Dass es am Ende „nur“ 4:0 heißt, offenbart vielmehr das grundsätzliche Problem im Kader: Es fehlt an Torgefahr. Und an dieser Stelle erwarte ich von Oliver Kreuzer, dass er seine Kontakte spielen lässt und weniger Phrasen hinausposaunt wie „der HSV muss jedes Spiel gewinnen wollen“. Damit passt er sich dem Denkmuster derer an, die geistig offenbar im Jahr 1983 stehen geblieben sind.

Grundsätzlich leiden der Verein und seine Anhänger ja an einer chronischen Selbstüberschätzung. Vielleicht schreibe ich jetzt etwas, dass viele erschüttert, aber es muss gesagt werden: Das einzig Große am HSV ist doch nur noch die Stadt, in der er beheimatet ist. Sportlich ist man längst von der europäischen und deutschen Spitze entfernt. Und genau so sollte man den Maßstab legen, wenn man über den HSV urteilen will. Es geht nicht um Umsätze, Zuschauerzahlen oder Etats. Es geht um Fußball.

Wer mein Interview mit Thorsten Fink noch nicht gelesen hat, sollte das nachholen. Hier sagt er nämlich einige entscheidende Dinge, die den Entwicklungsprozess der Mannschaft betreffen. Und damit hat er recht. Wer einen Umbruch fordert, muss mit den Turbulenzen leben. Fink und Arnesen haben die Mannschaft vor dem Abstieg bewahrt und im darauf folgenden Jahr auf Platz 7 geführt. Platz 7! Das bedeutet, dass 11 Mannschaften im letzten Jahr punktetechnisch schlechter als der HSV abgeschnitten haben. Nach den Umständen fragt doch niemand mehr. Daher gibt es doch auch wenig Grund, in Panik zu verfallen.

Wobei offensichtlich erkennbar wird, dass der Trainer nicht mehr aus der Zielscheibe zu schreiben ist. Das nächste Opfer muss dargelegt werden, weil Fink eben nicht den Fußball spielen lässt, den man hier erwartet. Man ist ja schließlich der HSV und muss jeden an die Wand klatschen. Diese Geisteshaltung kann man von mir aus als Bayern-Fan haben, aber doch bitte nicht als HSVer. Wobei auch erwähnt sein muss, dass die Erwartungshaltung merklich zurückgegangen ist. Die Fast-Abstiegssaison hat die Augen für das Wesentliche geöffnet und den Blick für die Realität geschärft. Jetzt scheint es allerdings doch eher so, als verfalle man in alte Gewohnheiten.

Man habe sich ja „lange genug schlechten Fußball gefallen lassen“. Purer Egoismus, wie ich finde. Es zeigt allerdings sehr schön, wie der Durchschnitts-HSVer mit seinem typischen Konsumverhalten gestrickt ist: Ich bezahle Geld, also erwarte ich Leistung. Dass Sport nicht planbar ist und nach diesem Muster funktioniert, will man nicht begreifen. Fußballer sind keine Maschinen, die man programmieren kann. Sie sind Menschen, die einem Beruf nachgehen, der sehr gut bezahlt wird. Doch das ist noch längst kein Argument, daraus Leistungsansprüche abzuleiten.

Diejenigen, die das dennoch tun, würde ich gerne sehen, wenn es in ihrem eigenen Job schlecht läuft und womöglich auch noch aus der Zeitung erfährt, dass man ausgetauscht werden soll. Ob sich das motivations- und leistungsfördernd auswirkt? Und ist genau das nicht ein permanenter Zustand in Hamburg? Wer die Spieler seines Vereins nach Fehl-, Quer- oder Rückpässen auspfeift, soll sich doch bitte nicht mehr Fan nennen, sondern Kunde.

An wen der Wanderpokal im Schlechtreden in diesem Jahr weitergereicht wird, steht noch nicht fest. Das nahe Umfeld gehört für mich definitiv zum engeren Kreis. Der Stolz aus dem letzten Spiel der vergangenen Saison, als die Mannschaft trotz der Niederlage gegen Bayer Leverkusen mit Applaus verabschiedet wurde, ist der großen Skepsis gewichen. Auf den nächsten Fehltritt folgt die Panik, ich bin mir sicher.

Gut für mich, dass ich mich dieser entziehen kann. Denn die Kolumne wird aus persönlichen Gründen für einige Zeit eine Pause einlegen. Die räumliche und somit emotionale Distanz sind zudem notwendig, um den Fußball im Allgemeinen und den HSV im Speziellen nicht als einzigen Lebensmittelpunkt zu betrachten, sondern als das, was es tatsächlich ist: ein Spiel.

                 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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