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Jovanovs HSV: Zwischen Held des Tages und Depp des Jahres – es fehlt an Objektivität

Die wöchentliche HSV-Kolumne von Daniel Jovanov – jeden Dienstag exklusiv auf Goal.com.

Liebe Leser,

ich habe den Eindruck, dass es in der öffentlichen Wahrnehmung nur zwei Extreme gibt: Entweder ist alles gut, oder es ist alles schlecht. Bestes Beispiel dafür ist Heung-Min Son. Vor zwei Wochen waren vielerorts noch Sätze wie „den fahr’ ich auch persönlich nach England“ zu hören, nach seinen beiden Toren schwappt der Tenor in eine ganz andere Richtung. Plötzlich hält man es für ausgesprochen wichtig, dem eigenen Nachwuchsspieler einen neuen Vertrag zu geben und möglichst lang in Hamburg zu behalten. Plötzlich sieht man die schwankenden Leistungen auch aus einer ganz anderen Perspektive, argumentiert mit viel mehr Nachsicht.

Das ist Fußball. Er ist selten sachlich, oftmals unfair und man neigt schnell zu Übertreibungen. Als Verantwortlicher könnte ich das nicht ernst nehmen. Wenn die Medien nach zwei, drei schlechten Spielen in Folge die Trainerfrage stellen, muss man sich wie im falschen Film vorkommen. Aber wenn ich von „den Medien“ spreche, tue ich im Grunde genau das, was alle anderen tun. Es ist mir schon länger ein Dorn im Auge, wie mit Formulierungen wie „in den Medien wird über Bla Bla spekuliert“ eine Möglichkeit gesucht wird, bloß nicht selbst derjenige zu sein, der unbequeme Fragen stellt. Getreu nach dem Motto: Die anderen waren’s. Ich versuche es künftig zu unterlassen.

Wenn ich allerdings über die Arbeitsweise der Medien herziehe, schneide ich mir auch ein wenig ins eigene Fleisch. Es kommt nicht selten vor, dass man sich von der Meinung der Allgemeinheit dazu verleiten lässt, seinen eigenen Standpunkt zu verlassen. Ein Beispiel: Als Per Skjelbred vor einigen Monaten keine Rolle in der Mannschaft gespielt hat und man sich über ihn lustig machte, habe ich nach einigen Diskussionen irgendwann aufgegeben. Im Pöbeln sind wir eh alle besser. Dabei war ich stets der Auffassung, dass Skjelbred ein sehr agiler, passsicherer und zweikampfstarker Spieler ist. So habe ich es im Training beobachten können. Die Statistik gegen Mainz gibt mir in dieser Sacher erneut recht. Fast jeder Pass von ihm kam beim Mitspieler an, er gewann 65 Prozent seiner Zweikämpfe und lief in 83 Minuten 10,8 Kilometer.

Ich will darauf hinaus, dass man sich bei all den Berichten und Analysen doch möglichst selbst ein Bild über die Dinge macht, die man zu beurteilen versucht. An den Fragen nach Europa erkennen wir doch, dass man erneut den Blick für die Realität aus den Augen verliert. Welche Frage stellen wir denn, wenn es gegen Fortuna am kommenden Wochenende schief läuft? Ob man die Mannschaft nicht besser vom Spielbetrieb abmeldet? Es ist im Sport einfach so, dass man vorher nichts konkret planen kann. Der Trainer kann die Mannschaft mit der besten Taktik aufs Feld schicken, doch wenn die Spieler diese, aus welchen Gründen auch immer, nicht umsetzen können, steht man als der große Depp da. Gegen Mainz war Fink der große Held, weil er die Spieler offenbar richtig eingestellt hat. So schnell geht das.

Es ist und bleibt in dieser Saison eine Achterbahnfahrt. Leider haben die Spieler in einigen ihrer Auftritte ausreichend Argumente geliefert, um nach der Saison eine umfassende Analyse und unter Umständen einen erneuten Strich zu ziehen. Ich halte es nicht unbedingt für sinnvoll, wenn man öffentlich darüber spricht und die Spieler dadurch unter Druck setzt, die handelnden Personen können die Situation jedoch besser beurteilen. Einzig die Hoffnung bleibt, dass sie auch die richtigen Schlüsse aus dieser Spielzeit ziehen.

EURE MEINUNG: Wie bewertet ihr die Leistungsschwankungen des HSV?

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