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Die wöchentliche HSV-Kolumne von Daniel Jovanov – jeden Dienstag exklusiv auf Goal.com.

Liebe Leser,

als hätte man rund um den Verein nicht schon genug Unruhe, ist die Geschichte um Rafael van der Vaart das absolute i-Tüpfelchen einer äußerst bescheidenen Phase in Hamburg. Diejenigen, die den Spielern den „Charakter“ absprechen, haben nun ein sehr schlagkräftiges Argument mehr, und der Verein eine neue Baustelle. Zwar betrifft es die sportliche Situation nur peripher – dennoch werden die Diskussionen um den Teamgeist der Mannschaft nicht leiser werden.

Am Stuhl des Trainers zu sägen, halte ich für ebenso unangebracht, wie die Zusammenstellung des Kaders zu hinterfragen, doch das sind branchenübliche Mechanismen. War der „Charakter“ der Mannschaft vor zwei Jahren nicht einer der Gründe, warum man einen Umbruch eingeleitet und sich von etlichen Spieler getrennt hat? Die Frage sollte eher lauten, warum sich diese Geschichte wiederholt. Wieso ist ständig etwas von einer Grüppchenbildung zu hören? Warum erzählt man sich, wie arrogant und selbstgefällig besonders die jüngere Generation auftritt?

Dass es offensichtlich ein großes Problem in der Mannschaft gibt, kann ich bestätigen. „Heute sollen mal die Jungen reden“, entgegnete René Adler, als er nach dem Spiel um ein Statement gebeten wurde. Der Grund seiner Reaktion ist klar: Spielt die Mannschaft gut, stellen sich alle gerne zum Interview hin und lassen sich feiern. Läuft es schlecht, verziehen sie sich in die Kabine. Zudem drangen Interna aus der Halbzeitpause in München an die Öffentlichkeit. Wie kann es sein, dass die Presse davon erfährt, wenn niemand dem Kapitän zuhört?

Doch die eigentlichen Baustellen liegen auf dem Platz. Davon gibt es leider ebenso reichlich, wie außerhalb des Platzes. Angefangen mit dem zweiten Innenverteidiger: Thorsten Fink hat kein Pendant zu Heiko Westermann auf der Position des rechten Innenverteidigers. Gegen Gladbach hatte Fink versucht, das linkslastige Spiel seiner Mannschaft dadurch zu beheben, indem er Westermann auf die rechte Innenverteidigerposition einsetzte. Auch wenn viele das ganz anders sehen mögen, ist Westermann für das Spielsystem enorm wichtig, denn er ist der einzige Verteidiger, der sich überhaupt mal traut, einen Vertikalpass über 20 Meter zu spielen.

Sorgt leider nur außerhalb des Platzes für Schlagzeilen

Dass dies ein risikoreiches Unterfangen ist und es oftmals auch aufgrund der Schläfrigkeit seiner Mitspieler zu haarsträubenden Fehlpässen führt, ist der Sache an sich geschuldet. Tempofußball funktioniert nicht, wenn man sich dreihundert Mal den Ball hin und her und anschließend zum Torwart spielt. Finks Versuch ist dennoch nicht aufgegangen, weil die rechte Seite des HSV viel schlechter funktioniert, als das Duo Jansen / Aogo. Nicht nur, dass Diekmeiers Flankenläufe berechenbar sind – ihm fehlt auch ein fester Partner eine Reihe davor, mit dem er sich einspielen kann.

Zweites und eines der größeren Probleme ist die Position von Rafael van der Vaart. Fink hat bisher noch keine Lösung dafür finden können. Mal agiert van der Vaart als „Libero“ und holt die Bälle zwischen den Innenverteidigern ab, oder er läuft sich in vorderster Front kaputt. Weder in der einen, noch in der anderen Rolle kommen seine offensiven Qualitäten zur Geltung. Das liegt auch größtenteils daran, dass Milan Badelj kein klassischer Sechser ist. Dazu ist er technisch viel zu stark und mit der Verantwortung als Abräumer vor der Viererkette zu sehr überfordert.

Mein Vorschlag wäre, van der Vaart und Badelj in einer Reihe als „Achter“ auflaufen zu lassen, mit einem Abräumer dahinter. Im Sturm sollte Fink Artjoms Rudnevs eine Pause gönnen, da der Lette derzeit weit unter seinen Möglichkeiten spielt und für seine Kollegen auch nicht als Anspielstation zu finden ist. Im Gegenteil sieht es eher so aus, als spiele der HSV nur mit zehn Spielern. Gegen Freiburg war das sehr deutlich zu erkennen: Nahezu jeder Ball, der zu Rudnevs gespielt wurde, war nach zehn Sekunden wieder verloren.

Man darf bei aller Kritik auch nicht vergessen, dass der HSV gegen den wohl besten deutschen Meister aller Zeiten untergegangen ist, und eine Woche später auf einen Gegner traf, der taktisch überragend und mit viel Herz und Leidenschaft den Sieg verteidigte. Teilweise standen sechs Freiburger auf einer Linie – zählt man die Verunsicherung und den Frust der HSVer hinzu, ist die Niederlage schnell erklärt.

Der Verein ist gut beraten, an seiner Marschroute festzuhalten und nicht erneut dem Druck der Medien nachzugeben und in Aktionismus zu verfallen. Niemand möchte doch ernsthaft jetzt wieder einen kompletten Austausch der sportlichen Leitung erleben, oder?

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