thumbnail Hallo,

Die wöchentliche HSV-Kolumne von Daniel Jovanov – jeden Dienstag exklusiv auf Goal.com.

Liebe Leser,

es ist auch drei Tage nach dem Debakel von München schwierig, die richtigen Worte zu finden. Das 9:2 – in Worten neun zu zwei – ist für mich noch immer ein schlechter Aprilscherz. So ein Ergebnis kenne ich aus der Kreisklasse, in der Bundesliga hielt ich das für unmöglich. Aber wem sonst, außer dem HSV, hätte man sonst zugetraut, Teil eines solch historischen Bundesligaspiels zu werden?

Nein, ich möchte diese Niederlage keinesfalls überbewerten. Zumindest nicht für diese Saison. Der HSV hat nur ein Bundesligaspiel verloren. Viel zu hoch, aber davon geht die Welt nicht unter. Was weitaus schlimmer ist, sind die Nachwirkungen dieser Niederlage. Und es begann schon am selben Abend, als mich Freunde aus dem Ausland anriefen und fragten, was denn meine Mannschaft da für einen Zirkus veranstalte.

Ich befürchte, dass der HSV für die nächste Jahre, vielleicht Jahrzehnte, nur noch im Zusammenhang mit dem 9:2 in den Köpfen vieler hängen bleiben wird. Rasant verbreiteten sich auf YouTube, Facebook und Twitter Zusammenfassungen dieses Spiels. Überall auf der Welt wird gelacht. Ein Imageschaden mit ungeahntem Ausmaß. Und da die Chancen auf einen möglichst baldigen Titelgewinn verschwindend gering sind, wird im In- und Ausland nur von der Versagertruppe die Rede sein, die sich von Bayern auseinandernehmen ließ.

Zugeguckt statt zugelangt - die Mannschaft hat sich ihrem Schicksal früh ergeben

Auch die Spieler sind für den Rest ihrer Karriere gebrandmarkt. In jeder Bundesliga-Rückschau wird dieses Spiel als ein Paradebeispiel für die Dominanz der Bayern und das Unvermögen des HSV gezeigt werden. Diese Niederlage hinterlässt tiefere Narben in der Historie des Vereins, als man derzeit noch annimmt. Es wird auch mit ein paar Würstchen nicht aus den Köpfen der Menschen zu löschen sein.

Doch was ist jetzt zu tun? Alles infrage stellen? Davon halte ich nichts. Weder am Trainer noch am Sportdirektor sollte jetzt gerüttelt werden. Ich möchte den Trainer hier auch ausdrücklich aus der Schusslinie ziehen. Was kann Thorsten Fink dafür, wenn einfache taktische Vorgaben nicht eingehalten werden? Wenn herumgetrabt und zugeschaut wird? Ich kenne Thorsten Fink nicht so gut wie manch anderer in dem Geschäft, auf mich wirkt er aber wie ein überaus ehrgeiziger Mensch. Ein Sieger-Typ eben.

 Aktuelle News von HSV-Reporter Daniel Jovanov gibt es auch auf

Seine Spieler haben davon nicht im Ansatz etwas gezeigt. Das war ein totales Versagen auf allen Ebenen. Es gibt keine Ausreden und keine Entschuldigungen. Sportlich ist dieses Debakel relativ einfach zu erklären. Warum die Mannschaft es aber überhaupt dazu kommen lassen hat, wird ihr Geheimnis bleiben. Die Charakterfrage wird in diesem Zusammenhang völlig zurecht gestellt. Doch nur draufzukloppen, führt auch nicht zum Ziel.

Ich habe gestern die Möglichkeit gehabt mit Otto Addo, dem Trainer der A-Jugend, zu sprechen. Der sagte zu dem Ergebnis Folgendes: „Das Schöne am Fußball ist, dass am nächsten Wochenende wieder ein Spiel ansteht. Da sieht die Welt vielleicht wieder ganz anders aus. Das Ergebnis ist so etwas wie ein Weckruf. Die Antwort muss auf dem Platz folgen“.

Wie würde er als Trainer in einer vergleichbaren Situation reagieren, wollte ich zudem von ihm wissen. „Aus der Ferne kann man dazu überhaupt keine Empfehlung abgeben. Jeder Trainer kennt seine eigene Mannschaft am besten und weiß, welche Maßnahmen zu welchem Zeitpunkt sinnvoll sind. Das kann kein Außenstehender beurteilen. Ich schätze Fink als Trainer sehr. Er wird die richtigen Worte finden.“ Das hoffe ich auch.

War überall und nirgendwo - van der Vaart steht jetzt in der Pflicht

Addos A-Jugend steckt leider auch in der Krise. In der Junioren-Bundesliga kämpft der HSV um den Klassenerhalt. Zwei Punkte trennen sein Team von einem Abstiegsplatz. Drei Spiele haben sie zudem mehr absolviert. „Unsere Situation hat viele verschiedene Gründe. Fakt ist, dass wir alles dafür geben, um die Klasse zu halten. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, teilweise standen Spieler aus der B-Jugend bei uns in der Startelf“, womit Addo auf personelle Probleme anspielt.

Nicht viel besser sieht es in der Regionalliga aus. Fünf Punkte trennt das Team von Rodolfo Cardoso vom rettenden Ufer, wobei sie ein Spiel mehr als Konkurrent FC Oberneuland absolviert haben. Ich gehe deshalb hier etwas ausführlicher darauf ein, weil die Lage absolut bedrohlich ist. In ungefähr zwei Jahren soll das neue Nachwuchsleistungszentrum im Volkspark stehen. Doch warum wird es in Anbetracht dieser düsteren Aussichten im Nachwuchs überhaupt gebaut?

Ihr seht, es gibt leider viele Baustellen beim HSV. Dennoch muss der Verein die Ruhe bewahren. Die Mannschaft muss sich jetzt am eigenen Schopf aus der Scheiße ziehen und in den nächsten Trainingseinheiten und Spielen alles für den Erfolg des Teams tun. Nicht für den eigenen. Es liegt in ihrer Hand, ob sie ihren Fans einen versöhnlichen Abschluss der Saison bereiten. Oder sie ziehen sang- und klanglos von dannen.

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf oder werde Fan von Goal.com auf !

Neu: Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und erhalte Live-Tweets aus dem Volkspark!

Dazugehörig