thumbnail Hallo,

KOLUMNE - Der renommierte Journalist Raphael Honigstein ist auf der Insel eine echte Hausnummer. Für Goal.com hat er Lukas Podolskis Start in England unter die Lupe genommen.

 Raphael Honigstein
 Goal.com Kolumnist
Folge ihm auf

Lukas Podolski wirkte glücklich und entspannt nach seinem Premier-League-Debüt. Und das trotz einer Nullnummer gegen Sunderland. „All diese großen Namen, die Fans, die beim Aufwärmen meinen Namen gesungen haben: Es hat Spaß gemacht, dieses Trikot heute zu tragen“, strahlte er vor den Umkleidekabinen im „Emirates“. Sein Stolz, nun für die „Gunners“ zu spielen, hat an jenem Tag seine Emotionen diktiert. Doch es muss auch ein wenig Enttäuschung in ihm gewesen sein. Denn Stürmer wissen, dass jedes Spiel ohne Torerfolg zu einem Fragezeichen hinter ihrem Namen führen kann. Besonders, wenn sie neu in der Liga sind.

Ein trefferloses Spiel gegen Stoke City später und die Fragezeichen sind da. Zyniker meinen sogar, sie seien zahlreicher als die Punkte, die Arsenal bis dato angehäuft hat.

Doch es gibt auch Gewissheiten. Eine ist zum Beispiel, dass dieses Loch, das die Form Robin van Persies trägt, noch lange Zeit in Arsenals Angriffslinie zu sehen sein wird. „Es ist ganz egal, wer für Robin reinkommt. Du kannst nicht von ihm verlangen, dass er so gut wie er ist“, gab Mikel Arteta zu.

Arsene Wengers Aufstellung am Sonntag machte dieses Dilemma deutlich. Wo einst ein van Persie war, da braucht es nun zwei Stürmer: Olivier Giroud und kurz dahinter Lukas Podolski, der auf die linke Seite auswich, wenn Arsenal in der Rückwärtsbewegung war. Auf dem Papier können die beiden das komplette Spektrum abliefern, das van Persie bot: die Tore, die Sprints, die Pässe.

Aus dem Umfeld Podolskis ist zu vernehmen, dass er es für äußerst vielversprechend hält, an der Seite des Franzosen ranzudürfen. Deutlich vielversprechender jedenfalls, als in der Rolle einer „Nummer 9“ den Sturm anzuführen oder auf dem Flügel ranzumüssen. Mit anderen Worten: Die Variante aus dem Stoke-Match war in der Theorie die beste Kombination. Sie gab Podolski die Möglichkeit, sich zurückfallen zu lassen und viele Ballkontakte zu haben. Gleichzeitig konnte er auch in die Spitze stoßen. Arsenal agierte bei eigenem Ballbesitz zu eintönig: Gervinho griff auf der rechten Seite an, während der Deutsche viel Zeit in halblinker Position vor dem gegnerischen Sechzehner verbrachte.

FC ARSENAL
PLATZ 12
DIE ERSTEN ACHT SPIELTAGE
Ergebnis
FC Arsenal - FC Sunderland
0:0
Stoke City - FC Arsenal
0:0
FC Liverpool - FC Arsenal
 
FC Arsenal - FC Southampton
 
Manchester City - FC Arsenal
 
FC Arsenal - FC Chelsea
 
West Ham United - FC Arsenal
 
Norwich City - FC Arsenal
 

Ein starkes Solo, das von Robert Huth gestoppt wurde, und ein paar Distanzschüsse deuteten eben jene schnörkellose Direktheit an, die Arsenals Spiel in den letzten Jahren vielleicht gefehlt hat. Was diesen kleinen Aspekt angeht, hat er sich also bereits eingefügt. Doch am Ende zählen natürlich Tore und Assists. Und was das angeht, knausert er noch, ebenso wie der Rest seiner Mannschaft.

Interessanterweise erklärte Wenger, Podolski sei physisch noch nicht ganz auf der Höhe gewesen. Doch das größere Problem scheint vielmehr die mangelnde Abstimmung im letzten Drittel des Platzes zu sein. Bis zu einem gewissen Punkt ist das nicht unerwartet. Arsenals Spieler wirken wie Fremde, und das sind sie auch nach nur ein paar Spielen miteinander. Sicher, sie werden sich mit zunehmender Spielzeit verbessern. Wenn man sich allerdings anschaut, wie schnell Shinji Kagawa und Eden Hazard sich zurechtfinden, fragt man sich, ob diese Analyse nicht zu oberflächlich ist. Könnte es vielleicht sein, dass es für Giroud und Podolski wegen ihrer Mitspieler so schwierig ist?

Van Persies brillante letzte Saison erscheint im Licht des Sunderland-Spiels noch beeindruckender. Podolski und Giroud wirkten bei den Läufen von Gervinho und Theo Walcott wie verlorene Gestalten. Zwei Flügelspieler, die ebenso talentiert wie unvorhersehbar sind. Das gilt auch für sie selbst, so scheint es. Santi Cazorla dagegen agierte mit viel Gelassenheit und Klarheit. Die umtriebigen Läufe des Spaniers bedeuteten allerdings auch, dass Podolski noch weniger Platz hatte, wenn er sich mangels Zuspielen ins Mittelfeld zurückfallen ließ. Abou Diaby drang ebenso in diese Räume vor.

Die Situation wurde verfahrener und ein weiteres Problem wurde offensichtlich: Podolski versuchte viel und wirkte manchmal unsicher, in welche Richtung er denn nun laufen sollte. Wenger wird es schaffen, mehr Schlichtheit in die Aktionen Gervinhos und Walcotts zu bringen. Podolski und Giroud ihre rätselhaften Handlungen auszutreiben, dürfte wohl etwas länger dauern. Aber man sollte nicht vergessen, dass Robin van Persie nicht über Nacht im „Emirates“ der Erfolgsgarant wurde.

 

Es wird faszinierend zu sehen sein, wie Podolskis großes Talent zum ersten Mal bei einem Klub ausgeschöpft wird.“


- Raphael Honigstein

Eine bessere räumliche Aufteilung in der Zentrale sollte sich zügig erreichen lassen. Wenger war einst bekannt dafür, seinen Spielern bestimmte Angriffsattribute einzubleuen. Er war auf diesem Gebiet ein Pionier, während viele europäische Trainer (und ganz besonders die britischen) ihren Spielern noch immer fröhlich mit auf den Weg gaben, sie sollten sich auf dem Rasen austoben. Der Schlüssel zu Podolskis Erfolg liegt in London Colney (dort liegt Arsenals Trainingsgeländer, Anm. d. Red). Nun, da das sich stets verbessernde Genie Robin van Persie nicht mehr da ist, muss Wenger die Fragezeichen durch Großbuchstaben ersetzen: Jedem muss er genau sagen, was er wo und wann zu tun hat.

Podolski hat in Löws Nationalmannschaft mit seinen Leistungen gezeigt, wie gut er auf ein spezifisches Trainingsprogramm anspringt. Es wird faszinierend und am Ende auch befriedigend zu sehen sein, wie sein großes Talent zum ersten Mal bei einem Klub wirklich ausgeschöpft wird.

Raphael Honigstein ist beim Guardian Experte für den Deutschen Fußball. Bei talkSPORT ist er der Fachmann für alle Fragen rund um den Fußball in Deutschland und schreibt zudem für die BBC, Sports Illustrated und die Süddeutsche Zeitung.

Bevor er sich auf den Journalismus einließ, studierte Honigstein Jura und schrieb Bücher. Unter anderem „Harder, Better, Faster, Stronger: Die geheime Geschichte des englischen Fußballs“.


EURE MEINUNG: Stimmt Ihr Raphael Honigstein zu? Wann sehen wir Podolski im Arsenal-Dress in Topform?
Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf oder werde Fan von Goal.com auf !

Dazugehörig