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EXKLUSIV - Journalist Raphael Honigstein begleitet als Kolumnist für Goal.com die EM-Endrunde. Heute geht es um die Frage, was zwischen der DFB-Elf und einem Titel steht.

 Raphael Honigstein
 Euro 2012 Kolumnist
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Ein großer Teil der Attraktion, die internationale Turniere auslösen, liegt darin, dass sie scheinbar ein sehr kompliziertes Spiel in einen „Open Source Code“ verwandeln: Millionen zufällige Zuschauer sehen sich in der Lage, getrost und überzeugt über ein Team reden zu können, indem sie es komplett mit dem Land verschmelzen lassen, das es repräsentiert („Ich mag Dänemark“) und/oder den Mannschaften schmucke, stereotype Labels aufdrücken. Durch das Abklappern der müden, alten Klischees wird diese falsche Vertrautheit durch die Mainstreammedien verstärkt – das alles in dem irrtümlichen und herablassenden Glauben, dass ihre Zielgruppe bunte Schlagzeilen einer ernsthaften Analyse vorziehe.

Folglich war es keine allzu große Überraschung, als der BBC-Experte Martin Keown seinen Zuschauern erzählte, dass Deutschland „arrogant“ gegen Italien aufgetreten sei. Der ehemalige Arsenal-Verteidiger versäumte jedoch zu erklären, inwiefern die Änderung der eigenen Aufstellung, um der spezifischen Gefahr der Azzurri zu begegnen, und die Rückkehr zweier von drei Spielern (Gomez und Podolski), deren Fehlen gegen Griechenland in ähnlichen Kreisen ebenfalls als „arrogant“ geschmäht wurden, etwas mit übersteigertem Selbstbewusstsein zu tun habe. Es brauchte Gianluca Vialli, um den schmerzhaft offensichtlichen Punkt aufzuwerfen, dass Löw wenn überhaupt den Fehler gemacht hat, sich zu sehr auf das Spiel des Gegners einzustellen, indem er sich für ein dichtes Mittelfeld entschieden hat.

Taktik, individuelle Fehler und andere wichtige Details waren der wahre Grund dafür, dass Löws Jungs Donnerstag in Warschau gegen eine weniger talentierte italienische Mannschaft verloren haben, und nicht ein als solcher wahrgenommener Überlegenheitskomplex ganz Deutschlands. Außerdem ist eine gute Mannschaft wegen eines schlechten Spiels nicht gleich „überbewertet“ oder „durchschaut“ - Deutschlands Entwicklung in den vergangenen Jahren kann niemand bestreiten. Aber das vierte knappe Scheitern in Folge bei einem Turnier wirft tatsächlich größere und beunruhigende Fragen über Löw und sein Team auf. Enttäuschte Reporter und Fans zu Hause fragen sich langsam: Läuft da etwas grundsätzlich falsch bei dieser Elf, etwas, das über die bloßen Taktik- und Aufstellungsstreitigkeiten hinausgeht? Warum können sie keine Titel holen?

In der deutschen Öffentlichkeit geht es dabei hauptsächlich um drei Themenfelder. Manche sind etwas relevanter als die anderen, aber alle sind es wert, einmal beleuchtet zu werden, sogar wenn sie all die bewährten und vertrauten Binsenweisheiten von Vorgestern über die Nationalmannschaft infrage stellen.

Die erste Frage bezieht sich auf Löws taktische Flexibilität. Deutsche Mannschaften schienen bis 2000 immer im 3-5-2 mit einem Abräumer zu spielen und verpassten so den modernen Fußball um rund ein Jahrzehnt. Doch seitdem ist die Steigerung unermesslich. Klinsmanns und Löws anfängliches direktes 4-4-2 hat sich zu einem 4-2-3-1 entwickelt, das auf viele verschiedene Arten gespielt werden kann: auf Konter oder Ballbesitz orientiert, mit Stoßstürmer oder ohne, weit gestaffelt oder auf engem Raum. Löws Wechsel gegen Griechenland haben gezeigt, dass es sicherlich nicht falsch ist, sich auf den Gegner einzustellen, aber es wird zum Problem, wenn man sich so sehr am Spiel des Gegners orientiert, dass man 90 Minuten sich selbst sucht. Nun hat Löw diesen Fehler zweimal in wichtigen Halbfinals begangen. Gegen Spanien 2010 wurde das Team furchtbar tief, beinahe Hodgson-mäßig im 4-4-1-1 aufgestellt. Es war ein Spiel auf Konter ins unlogische Extrem ausgereizt: Ohne Ball stellte Deutschland jegliche Angriffe komplett ein. Trotz vieler Statements, die das Gegenteil besagten - „Wir werden unseren Stil nicht verändern“ - hat Löw den selben Fehler gegen Italien wiederholt, weil er im Mittelfeld wieder Gleiches mit Gleichem vergelten wollte. Man kann es übermäßige Grübelei oder Angst nennen, aber das Ergebnis ist gleich. Löw muss zukünftig seinem eigenen Spiel mehr vertrauen. Die Konfusion, die im Mittelfeld nach den zwei Toren von Balotelli regierte, waren Symptome des verworrenen Denkens auf der Bank. Oder um es in anderen Worten auszudrücken, die von den Keowns dieser Welt vielleicht leichter verstanden werden: Löw muss im taktischen Sinne um einiges arroganter werden, davon überzeugt, dass sein Weg der richtige ist.

 


„Löw muss zukünftig seinem eigenen Spiel mehr vertrauen. Die Konfusion, die im Mittelfeld nach den zwei Toren von Balotelli regierte, waren Symptome des verworrenen Denkens auf der Bank.“

- Raphael Honigstein

Fehlende Siegermentalität ist die zweite Anklage, die gegen diese Mannschaft erhoben wird. Die Genese dieser Theorie geht auf die Niederlage gegen Spanien im Finale 2008 zurück, nach der Jens Lehmann sagte, er glaube, einige Spieler seien „zu glücklich darüber, ins Finale gekommen zu sein, um es zu gewinnen“. Bayern Münchens zwei Niederlagen im Champions-League-Finale haben diese These natürlich untermauert. Aber hält sie stand? Offensichtlich reden wir hier über eine Tautologie: Die, die gewinnen, haben eine Siegermentalität, die, die nicht gewinnen, besitzen sie nicht. Aber das soll nicht bedeuten, es gäbe hier kein Problem. Man könnte behaupten, dass dieses Team nach den Miseren von 2000 und 2004 ein hübsches Leben genießt, während es die Öffentlichkeit daheim und im Ausland sehr unterhaltsam mit einem in äußerst unterhaltsamer knapp verpassten Titel nach dem anderen von den Socken haut. Vielleicht haben es sich ein paar Spieler in dieser Position wirklich zu gemütlich gemacht? Toni Kroos, um das extremste Beispiel zu nennen, scheint seltsam unberührt vom Ausgang der Spiele, in denen er zu sehen ist. Umgekehrt besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass Spieler wie Lahm oder Schweinsteiger wirklich wollen. Aber im Ganzen könnte man befürchten, dass dieser Haufen intelligenter, ausgeglichener und überaus sympathischer junger Männer zurückgehalten werden von eben genau diesen Eigenschaften. Im Gegensatz zu den ultra-ehrgeizigen Egoisten der Matthäus-Generation scheinen sich Lahm & Co. niemals wirklich davon überzeugen zu können, dass Fußball immer „Sieg oder Tod“, dass „der Sieg wichtiger ist als alles Andere“. Weil es einfach nicht stimmt! Und sie wissen es.

Der dritte Punkt ist hiermit verbunden. Löw und sein gesamtes Team müssen unbedingt rücksichtsloser werden. Löw ist ein Mann, der den offenen Konflikt meidet und die Harmonie schätzt. Podolski, stellt man sich vor, wurde wegen des Spiels gegen Griechenland mit einem Einsatz in der Startelf gegen Italien bedacht, wobei Reus die klar bessere Option gewesen wäre. Auch Schweinsteigers Form hätte objektiver eingeschätzt werden müssen. Wenn Löw seine Drohung, nach der Weltmeisterschaft 2014 aufzuhören, wahr macht, muss er den „netten Herrn Löw“ hinter sich lassen und viel kühler und kalkulierender im Handling seiner Spieler werden. Falls nicht, ist sein großes Projekt in akuter Gefahr, unvollendet zu bleiben.

 

EURE MEINUNG: Woran hapert es bei Löw und unseren Jungs?

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