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Raphael Honigstein: Always change a winning team

EXKLUSIV - Journalist Raphael Honigstein begleitet als Kolumnist für Goal.com die EM-Endrunde. Heute geht es um Löws Aufstellung gegen die Griechen. Arroganz oder Zweifel?

 Raphael Honigstein
 Euro 2012 Kolumnist
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Letztlich war sein Vorhaben nicht ganz von Erfolg gekrönt, aber Joachim Löw versuchte sein Bestes, am Freitagabend in Danzig jedem einen riesigen Gefallen zu tun. Nach einer nicht enden-wollenden, überladenen Anhäufung von Euro-/Schulden-/Rettungsaktion-Witzen versorgten seine drei Änderungen in der Aufstellung erfolgreich eine brandneue, andere Erzählung für faule Köpfe aller Ortens. „Ein großer Poker“. „Spielerschonung“. „Arroganz“. „Selbstgefälligkeit“. Das waren die Lieblingsworte derer, die eine genaue Überprüfung der Entscheidungen eines Trainers lieber durch Wohnzimmersessel-Psychoanalysen tauschen und dabei nationale Stereotypen („Deutscher Hochmut“) und Fußball-Klischees („Never change a winning team“) vom letzten Jahrhundert.

Es war interessant mit anzusehen, dass selbst mehr aufgeschlossene Beobachter die drei Wechsel von Löw – Klose, Reus und Schürrle für Gomez, Podolski und Müller – durch das Prisma der Fußballideologie ihres eigenen Landes sahen. „Wow. Finden die (ausgetauschten) Spieler das in Ordnung?“, fragte mich ein durchaus respektierter niederländischer Journalist vor dem Anpfiff. Er stellte sich offenbar vor, wie die Mannschaft von Bert van Marwijk auf solch berühmte Änderungen nach der Hälfte des Turniers reagiert hätte. (Nun gut, das vermute ich) Die offensichtliche Antwort im Falle der Deutschen war, dass „sie keine andere Wahl hatten, als damit einverstanden zu sein“. Podolski, Müller und Gomez hielten alle pflichtbewusst in der Mixed Zone nach dem Schlusspfiff, um zu erklären, dass die Breite im Kader eine gute Sache sei, dass sich Wechsel angedeutet hätten und dass sie Löws Entscheidung komplett verstehen und unterstützen würden.

Eine griechische Mannschaft, die mit fast allen Mann verteidigte, aber nicht im Ansatz so gut wie es Löw befürchtet hatte, wäre vielleicht mit jeder Aufstellung überrannt worden, wer weiß. Aber das komfortable 4:2 sollte nicht der einzige Grund sein, wieso die negativen Vorberichte so veraltet erbracht wurden. Die Entscheidungen des 52-Jährigen erzählten uns so viele bemerkenswerte Dinge über ihn selbst und sein Team, sodass sie wirklich eine tiefergehende Inspektion verdienen.

Der erste Punkt ist, dass seine Wechsel eigentlich das exakte Gegenteil von Arroganz und aufgeblasener Selbstsicherheit beweisen – sie zeigen Zweifel auf. Trotz dreier Siege in der Gruppenphase zeigte Deutschland nicht den Angriffsfluss, den Löw erwartet hatte. Einerseits hatte das weniger mit dem Team selbst zu tun, sondern mit den destruktiven Gegnern. „Keiner gibt uns mehr denselben Raum wie 2010, die Mannschaften sind besser organisiert als bei der WM, sie rennen nicht mehr wie im Kindergarten umher“, erklärte Müller, der damit auch implizierte, dass England und Argentinien genau das in Südafrika getan hatten. Aber Löw realisierte auch, dass einfach nur an derselben Aufstellung festzuhalten in diesen wechselhaften, gefährlicheren Umständen, nicht das erwünschte Ergebnis brachte. Es lief nicht so gut wie es sich der Fußballperfektionist Löw gewünscht hatte, sodass er sich zugunsten trickreicherer, spielstärkerer Spieler entschied.


„Löws Wechsel beweisen eigentlich das exakte Gegenteil von Arroganz und aufgeblasener Selbstsicherheit - sie zeigen Zweifel auf.“

- Raphael Honigstein

Zweitens wissen wir jetzt, dass das ganze Gerede um eine „flache Hierarchie“ innerhalb der Mannschaft tatsächlich wahr ist. Die Schnelllebigkeit im Fußball wird im Auf und Ab der Leistungsgesellschaft im Team wiedergespiegelt. Mertesacker zum Beispiel dachte er wäre die Säule des Teams vor gerade einmal zwei Monaten. So dachten auch Podolski und Müller. Neuer, Lahm, Özil und Khedira bleiben die letzten Unantastbaren derzeit, aber Letzterer war nicht komplett sicher vor dem Turnier, ob er spielen würde. Selbst Schweinsteiger musste über seine Schulter schauen nach einigen schwachen Leistungen. Weitere 45 schlechte Minuten im Halbfinale werden von Löw nicht toleriert werden.

Ein dritter, eng damit verbundener Punkt ist der von der erhöhten Kadertiefe. 2010 vollzog Löw nur einen einzigen Wechsel in der Startaufstellung – Boateng für Badstuber nach dem 0:1 gegen Serbien – der ihm nicht durch eine Sperre aufgezwungen wurde. Er machte das Beste aus limitierten Möglichkeiten, indem er ein eingespieltes Team pflegte, doch der Mangel an ordentlichen Alternativen wurde im Halbfinale gegen Spanien offensichtlich. Dieses Mal ist es andersrum. Eine limitierte Vorbereitungszeit hielt ihn von jenem akribisch genauen Training ab, wie er es in der Vergangenheit tat, doch die extra Optionen, interne Konkurrenz und Frische wiegen das wieder auf. Und ganz nebenbei, deutsche Trainer haben nie daran geglaubt, dass Teams nicht umgestellt werden sollten. Franz Beckenbauer würfelte seine Mannschaft auf dem Weg zum WM-Titel 1990 maßlos durch, um nur ein Beispiel zu nennen.

Italien und England, Deutschlands mögliche Halbfinalgegner, können sich ein paar Hoffnungen darüber machen, dass sich Löw und die Deutschen immer noch nicht gänzlich gefunden haben und immer noch nach der perfekten Formel suchen, die das Beste aus der Mannschaft rausholen. Doch man könnte von ihnen erwarten, dass sie die passenden Lösungen rechtzeitig finden.

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