PINGELig: Manchen kann’s nicht schnell genug gehen

Goal.com präsentierte einen prominenten Kolumnisten-Neuzugang für die Saison 2011/12: TV-Moderater Uli Pingel wird jeden Montag seinen Blick auf die Fußball-Dinge liefern.

Von Uli Pingel

Uli Pingel
Kaffenberger-PR
Hambug. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich in den vergangenen Fußballtagen so manches schneller ging, als man es für möglich hält.

Fangen wir doch mal ganz oben an, quasi beim obersten Fußballer, auch wenn er nicht mal selbst spielt: Da sitzt man vor dem Live-Ticker und verfolgt die Auslosung zur EURO 2012 und zack kommt die Eilmeldung rein, dass Dr. Theo Zwanziger zurücktreten will. Nicht sofort, aber bald dann, vielleicht im Oktober 2012, aber vielleicht auch wann anders. Ja warum macht der DFB-Präsident das dann zeitgleich bekannt, wenn ganz Fußball-Europa gerade auf Mannschaften schaut und nicht auf Verbands-Politik? Und zu einem Zeitpunkt - etwas langfristiger als die Auslosung betrachtet – als es gerade für den DFB das wichtige Verbandsthema der aufflammenden Fangewalt inklusive extra eingesetzter Taskforce gibt? Ich gebe offen zu: Ich verstehe das Timing Zwanzigers nicht. Natürlich ist es legitim, dass der DFB-Präsident sich von seinem Amt zurückziehen will, aber warum denn diese so langatmige Ankündigung? Und dann noch die öffentliche Bekanntgabe ohne den Stab der Nationalmannschaft einzuweihen... also da muss doch die PR-Abteilung die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben. Und wir Fans schütteln eben diesen. Irgendwie vermittelt der schon verdiente Präsident damit einen unsouveränen Eindruck und wenn in den kommenden Wochen die Spekulationen aufkommen über Freunde Zwanzigers und solche, die er nicht mag und deshalb nicht einweihte, dann ist er allein dafür verantwortlich.

Jogi Löw und sein Team mit Oliver Bierhoff und Co. freuen sich sicherlich schon auf die zig Journalistenfragen, warum Zwanziger sie denn nicht in Kiew wenigstens kurz mal angerufen hat. Das brauchen sie gerade sicherlich genauso wenig wie die Fragen, ob sie denn denken, dass sie bei der EURO 2012 die Gruppenphase überstehen werden. Ich muss ja schon sehr schmunzeln, als nach der Auslosung in die natürlich schwierige, aber deswegen doch gerade auch richtig attraktive Gruppe, schon wieder das Fachleute-Gemurmel losging, dass die Europameisterschaft ganz schwierig wird für Deutschland. Zack, die vergangenen Wochen wurde das Nationalteam durchgehend gelobt und sowieso als die beste Mannschaft überhaupt dargestellt, und jetzt war’s das ganz schnell schon wieder. Unser Team ist in der super Gruppe B und das Ausscheiden wird schon mal an die schwarze Wand gemalt. Ich war ja richtig dankbar für Oliver Bierhoffs Phrasen-Aussage noch in Kiew: „Wer Europameister werden will, muss alle anderen Teams schlagen können.“ Jawohl, nicht vergessen, dass es so ist! Und da leg ich doch gleich noch eine „5 Mark fürs Phrasenschwein“-Aussage hinterher: Ob in der Gruppenphase oder in der K.O.-Runde, in jedem Spiel muss Deutschland ein Tor mehr schießen als der Gegner, egal, wer das ist.

Böse Fanzungen könnten ja jetzt schon beruhigen, dass Holland dann sowieso ohne Arjen Robben auflaufen wird, da der mit hoher Wahrscheinlichkeit dann verletzt ist. Am Wochenende sorgte er ja – mal wieder in der Startelf und fit – dafür, dass sich Bayern ganz schnell die Tabellenführung zurückeroberte. Dank einer überzeugenden Mannschaftsleistung und dem Glück des Unentschiedens im Borussen-Duell. Aber wie Robben vor dem zweien Elfmeter ganz schnell Gomez den Ball wegnahm und zum Punkt stapfte, ohne auch nur auf ein Wort oder Zeichen seiner Teamkameraden zu achten, fand ich interessant. Und dann wagt sogar nach Abpfiff Robben-Intimus Ribéry zum ersten Mal vor einem Kollegen-Mikrofon so etwas wie Majestätsbeleidigung: Er hätte lieber „Super Mario“ schießen sehen, damit dessen Torkonto weiter gefüllt wird. So schnell kann’s also gehen, da ist der niederländische Edeltechniker mit dem Hang zum ewig gleichen Spielzug (OK, auch ewig erfolgreich) in diesem Jahr kaum spielfit und schon hört die Lobhudelei aus dem Team auf ihn auf.

Vor lauter Lobeshymnen dürften Thorsten Fink derzeit die Ohren weihnachtlich klingeln – aber der HSV macht es gerade beim Blick auf die Tabelle vor, wie schnell es von ganz unten dann doch wieder auf Platz 11 geht – und das mit gerade mal einem Sieg gegen Hoffenheim und am Sonntag dann eben noch über Nürnberg. Da gibt ein Verein Vollgas und hat noch freundliche fast allgemeine Unentschieden-Unterstützung am Spieltag.

Zum Abschluss in dieser Woche gab es leider noch einen zu schnellen Abschied. Nicht bei uns, sondern in Brasilien, wo Sócrates mit gerade einmal 57 Jahren verstarb. Natürlich hatte sich der so geniale Fußballer und ausgebildete Mediziner (!!) in den letzten Jahren selbst zugrunde gerichtet mit Alkohol, aber dennoch starb er viel zu früh. Und für alle, die mit dem Namen Sócrates nicht geniale Fußballkunst verbinden, weil sie in den 80er Jahren noch nicht wie ich die Weltmeisterschaften verfolgten, die klicken am besten mal ganz schnell auf eines der vielen Videos, die seit Sonntag wieder im Internet ausgegraben wurden. Ach ja, diesem Kicker, der von sich selbst sagte “Ich bin kein Athlet, ich bin Fußball-Künstler“, war es Zeit seiner Karriere immer egal, gegen wen er spielte. Hauptsache er hatte einen Gegner. Das sollte vielleicht auch die Losung für unser Nationalteam sein fürs Jahr 2012.


Woche für Woche schaut Uli Pingel genau hin - nicht ob Abseits oder noch gleiche Höhe, Tor oder doch nur auf der Linie, sondern auf das, was neben Fakten und Ergebnissen die Fußballwoche prägte. Richtig „PINGELig“ ist Uli Pingel, wenn es um seinen Lieblingssport geht. Und das darf er auch sein, denn der Moderator und Journalist gehört seit Jahren zu Deutschlands renommierten Fußballexperten, geschätzt von Profis, Vereinsmanagern und natürlich den Fans. Seine Expertenmeinung zeigt er auch in seiner täglichen TV-Sendung rund um das aktuelle Fußballgeschehen. Und wenn die Kamera aus ist, dann entsteht seine neue Kolumne auf Goal.com.

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