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Gerade 18 Jahre alt ist Gladbachs Kurt bereits in aller Munde. Zuletzt gab es allerdings eine Menge Ärger um das selbstbewusste Super-Talent, dem nun der Karriere-Knick droht.

KOMMENTAR
Von Gregor U. Becker

Mönchengladbach. Es wäre die perfekte Bühne für Sinan Kurt gewesen: Doch während Borussia Mönchengladbach am Donnerstagabend (ab 20.45 Uhr im LIVE-Ticker) beim FK Sarajevo um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League kämpft, bereitet sich der talentierte Angreifer mit der zweiten Mannschaft der Fohlen auf den nächsten Spieltag in der Regionalliga West vor. Sportfreunde Siegen statt Europapokal. Die 4. Liga ist für einen Nachwuchsspieler sicher keine Schande. Der Hochveranlagte ist aber ungeduldig, lehnte einen Profivertrag seines Ausbildungsvereins ab und träumt nun vom FC Bayern.

Ein Mehrteiler des Bezahlsenders Sky, der die Karriere Kurts begleitete, möglicherweise fehlender Beistand, ein wenig hilfreicher Berater und ein vorpreschender Münchner Sportvorstand Matthias Sammer - all das ist Gift für Sinan Kurt, der am Scheideweg steht. Entweder untermauert der Rekordmeisters sein Verlangen nach dem Juwel mit einer stattlichen, für Gladbach akzeptablen Ablösesumme und dem Jungstar gelingt dort schnell der nächste Schritt, oder er kämpft am Niederrhein außerhalb des Rampenlichts und ohne große Förderung um einen Stammplatz bei den Amateuren.

In Mönchengladbach ist man stolz auf das jüngst ausgebaute und modernisierte Jugendleistungszentrum, auf den neuen Fohlen Campus. Im Jugendinternat hängen die Trikots von Spielern wie Julian Korb, Marc-Andre ter Stegen, Amin Younes - von den Talenten, die den Sprung in den Erstliga-Kader geschafft haben. Auch das Trikot von Patrick Herrmann hängt dort. Herrmann, der in seiner Spielweise Kurt ähnelt und ihm ob seiner Bilderbuchkarriere als Vorbild dienen könnte. Doch Kurt ist anders, er denkt in anderen Kategorien. Wer ihm zum Ideal taugt? "Lionel Messi" natürlich, darunter macht er es nicht.

"Ein Stern der deinen Namen trägt"

"Ein Traum, ein Ziel, Bundesliga", ließ der ambitionierte Nachwuchskicker Ende Januar noch verlauten. Zuvor absolvierte er sein erstes Trainingslager mit den Profis im türkischen Belek und wusste zu gefallen. Von Lucien Favre gelobt, von der Mannschaft akzeptiert, musste er sogar einem berüchtigten Brauch nachkommen. Dieser sieht vor, dass die Neuen vor versammelter Truppe auf einen Stuhl steigen und a capella ein Liedchen trällern. Eine Ehre für Kurt, der sich für "Ein Stern der deinen Namen trägt" von DJ Ötzi entschied und auch dieses Ritual mit Bravour meisterte.

Ein Stern! Der 18-Jährige ist ein ganz normaler Jugendlicher, der die neuen Medien nutzt, bei Facebook vertreten ist. Dort veröffentlichte er eine Zeichnung von sich im Nationaltrikot des frisch gebackenen Weltmeisters. Darunter die Worte: "Dieser vierte Stern sieht schon gut aus." Damit greift er seiner Karriere voraus, löste vielleicht keinen Shitstorm aus, aber unter dieser Karikatur posteten zahlreiche Gladbach-Fans mitunter nicht veröffentlichungswürdige Kommentare. All das prallt an Kurt ab, er kann damit umgehen, aber irgendwann wird die Luft um das Talent dünner.

Sammer prescht dazwischen

Mit dem ihm offerierten Profivertrag seines Ausbildungsvereins in der Tasche, mit einer "Ein-Schritt-nach-dem-anderen-Philosophie" unter den Fittichen Favres würde sich das Talent in ruhigerem Fahrwasser befinden, könnte seine Laufbahn vorantreiben. Aber irgendwann gab es einen Bruch. Spätestens als Sammer an die Pforten des "Fohlenstalls" klopfte. Sammer, der in Diensten des DFB nicht müde wurde, den Schutz der Jugend zu predigen, ausgerechnet der Sportvorstand des FC Bayern sieht sich nicht vor den Toren der Allianz Arena nach Nachwuchs um. Nicht beim FC Unterföhring, nicht beim FSV Allach, nicht beim VfR Garching - nein, er bemüht sich um den 500 Kilometer weit entfernt lebenden gebürtigen Mönchengladbacher Kurt.

So läuft es inzwischen in der Bundesliga. Vielversprechende Jugendspieler werden gelockt, kosten aber auch mehr Geld als die einst aufgerufenen 50.000 Euro Ausbildungsentschädigung. Man kann Sammer keinen Vorwurf machen, wenn er sich um das vielleicht größte Talent des deutschen Fußballs bemüht. Nur hat er Kurt den Kopf verdreht und für alle Beteiligten eine unerträgliche Situation geschaffen.

"Meine Entscheidung pro Bayern steht!"

Nico Brandenburger, ein weiteres ambitioniertes "Fohlen", erklärte gegenüber dem Express: "ich bin weder mit Düsseldorf noch mit Freiburg oder Verona in Verhandlungen." Das Eigengewächs bleibt und weiß, was er an der Borussia hat. Marvin Schulz glänzte in der Vorbereitung und unterschrieb seinen ersten Profivertrag. Vor Mo Dahoud, der gerade erst bis 2018 unterschrieben hat, fürchten sich die etablierten "Sechser". Alle wollen bleiben. Wollen ihre Chance bei dem Klub nutzen, der inzwischen zur Beletage der Bundesliga gehört. Kurt, geadelt durch den Rekordmeister, will weg.

Mo Dahoud bleibt Borussia Mönchengladbach erhalten

"Meine Entscheidung pro Bayern steht! Ich habe meine Entscheidung pro Bayern getroffen, daran wird sich nichts mehr ändern. Dabei bleibe ich", ist sich Sinan sicher und erklärt weiter: "Ich habe Manager Max Eberl immer ehrlich gesagt, was ich vorhabe. Deshalb habe ich mir nichts vorzuwerfen." Ein Selbstverständnis, was es zu respektieren gilt. Keine Frage. Selbst wenn das der Sportdirektor gänzlich anders sieht, Kurts Umgang mit seinem Ausbildungsverein gar als "Frechheit" bezeichnet und von Sammer erwartet, "dass er sich an die Spielregeln hält".

Welche Rolle spielt Kurt-Berater Michael Decker?

Eine verfahrene Situation, zu deren Auflösung auch Berater Michael Decker nichts beizutragen hat. "Der Vertrag von Sinan läuft noch bis 2015. Wir gehen derzeit davon aus, dass er im kommenden Jahr ablösefrei zum FC Bayern wechselt", erklärte er gegenüber der Sportbild. Unabhängig davon, dass man einem Jugendspieler kaum empfehlen sollte, einen Vertrag auszusitzen, gibt es sogar Unstimmigkeiten über die Laufzeit des Arbeitspapiers. Während man in Gladbach von einer Laufzeit bis 2016 ausgeht, ist sich Decker sicher, dass der Kontrakt wegen der "Sonderbedingungen im Jugendspielerbereich" bereits kommenden Sommer endet. Wie auch immer sich diese Angelegenheit juristisch darstellt, wenn ein Berater seinem Schützling zur Unterschrift rät, dann sollten zu diesem Zeitpunkt alle Details geklärt sein. Nun nach Schlupflöchern zu suchen, durch fragwürdige Winkelzüge einen Teenager zum Spielball zu machen, um damit einen Wechsel zu erzwingen, das hat einen äußerst faden Beigeschmack.

Dabei will Sinan Kurt doch nur spielen. Schiebt man mal alle Querelen um das Riesentalent beiseite, bleibt unterm Strich ein toller Fußballer, der mit seinem linken Fuß meist über außen kommend in 24 Partien in der A-Junioren Bundesliga West 16 Tore erzielte, der für Deutschlands U18 in neun Spielen vier Mal traf. Kurt ist ein technisch beschlagener Kicker, Gladbachs größtes Talent seit Sebastian Deisler. Einer, der in der Bundesliga, vielleicht in der DFB-Elf für Furore sorgen kann. Darauf sollten sich Berater, Bayern, Gladbach und der 18-Jährige schleunigst besinnen, sich in welcher Form auch immer einigen - dann wird Fußball-Deutschland noch viel Freude an Sinan Kurt haben.

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