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Ein Verein, über dem immer noch die Möglichkeit einer Transfersperre schwebt, verpflichtet einen Spieler, der noch bis Oktober aus dem Verkehr gezogen ist.

KOMMENTAR
Von Ben Hayward

Mehr als ein Klub? Jahrelang rühmte sich der FC Barcelona damit, anders zu sein als der Rest. Die Philosphie änderte die Richtung des modernen Fußballs und versetzte die Fachwelt in Staunen. Barcas Werte wurden überall bewundert.

Im letzten Jahr haben die Katalanen allerdings eine Menge Glanz eingebüßt, ihre blütenweiße Weste längst beschmutzt. Zwei nicht miteinander verbundene Transferskandale haben dem Traditionsverein geschadet. Und nun wurde auch noch der gesperrte Luis Suarez verpflichtet. Das lange sorgfältig gepflegte Image liegt in Scherben.

Der Spielstil wird nach wie vor bewundert, aber Tiki-Taka ist längst nicht mehr die Macht im europäischen Fußball. Sportlich ging es für die Blaugrana in kleinen Schritten stetig bergab, seitdem Pep Guardiolas Amtszeit 2011/12 endete. Dieser wurde von seinem Assistenten und Freund Tito Vilanova ersetzt. Schon bald musste Vilanova gegen eine Krebserkrankung kämpfen. Fans aus aller Welt bangten um ihn und gemeinsam mit dem ebenfalls schwer erkrankten Eric Abidal wurde er zu einem Symbol der Hoffnung. Im letzten Sommer musste Vilanova schließlich nach einem Rückschlag endgültig aufgeben - im April verstarb er.

Versprechen an Abidal gebrochen

Abidal war nach einer erfolgreichen Lebertransplantation zurückgekehrt. Barcelona hatte ihm öffentlich einen neuen Vertrag versprochen, sollte er nochmals auflaufen können. Dieses Versprechen wurde vom Verein nicht eingehalten. Der Franzose wechselte schließlich, erste Zweifel an den oft gepriesenen Werten kamen auf.

GLÜCKLICHE ZEITEN | Doch der Neymar-Deal führte am Ende zu Rosells Rücktritt
 

In der Zwischenzeit war ein Trikotsponsor-Deal abgeschlossen worden, der viele Fans verärgerte. Jahrelang war es einzigartige Tradition gewesen, die Brust frei von Werbung zu halten. Unter Präsident Joan Laporta wurde der begehrte Platz auf dem rot-blauen Dress der Wohltätigkeitsorganisation Unicef zur Verfügung gestellt. Anschließend nahm dann die Qatar Foundation den Platz ein und Unicef rückte auf den Rücken.

Es folgte die öffentliche Kritik von Sprecher Toni Freixa an Guardiola, die bei einem Gros Kopfschütteln hervorrief. Auf der anderen Seite gelang es den Bossen nicht, Eigengewächs Thiago Alcantara davon zu überzeugen, dass seine Zukunft im Camp Nou liege. Und dann kam die Verpflichtung von Santos-Star Neymar, die das Boot so richtig ins Schwanken brachte und Rosells Amtszeit beendete.

Barca behauptete ursprünglich, der Brasilianer habe 57,1 Millionen Euro gekostet. Eine Beschwerde von Socio Jordi Cases über den Verwendungszweck des Geldes führte schließlich zu einem juristischen Verfahren. Der Klub und Rosell wurden der Veruntreuung von Vereinsgeldern schuldig gesprochen. Rosell trat zurück, betonte aber hartnäckig, dass er unschuldig sei.

Schamlos im Fall Suarez

Der neue Präsident Josep Maria Bartomeu verkündete auf einer Pressekonferenz die wahren Zahlen des Deals. Barcelona hatte mehr als 100 Millionen Euro für Neymar bezahlt und 40 Millionen Euro an die Eltern des Spielers überwiesen. Der Ruf nach Neuwahlen des Vorstands im Sommer wurde laut, aber so weit kam es nicht.

Stattdessen bekam der Verein wegen Unregelmäßigkeiten bei den Verpflichtungen junger Spieler aus Übersee eine Transfersperre der FIFA aufgebrummt. Ein weiterer Schlag für die Führungsetage, die in den letzten Jahren einen puritanischen und selbstgerechten Eindruck hinterlässt.

Nun also die Entscheidung, Suarez zu holen. Einen Spieler, der bis Ende Oktober von allen fußballerischen Aktivitäten suspendiert ist, weil er zum dritten Mal binnen vier Jahren einen Gegenspieler gebissen hat. Die Illusion, dass Barcelona ein Klub mit einem Höchstmaß an Integrität sei, dürfte endgültig zerstört sein. Barca ist keinen Deut besser, als alle anderen fußballerischen Großmächte. Nur der Sieg zählt, die Moral ist zweitrangig. Dass ein gesperrter Spieler trotz der drohenden Transfersperre gekauft wurde, ist eine Schamlosigkeit.

Mehr als nur ein Klub? Nur ein weiterer Klub, traurigerweise.

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