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Joachim Löw: Plötzlich ein ganz Großer

Löw vollendete die Mission "Vierter Stern" mit ihm eigener Couleur: Er zeigte Einsicht, blieb seiner Doktrin, dem Führungsstil, jedoch treu. In Brasilien gab er sein Meisterstück.

KOMMENTAR
Von Christoph Köckeis

Rio de Janeiro. Er war bemüht, in der kollektiven Hochstimmung, vier Tage nach dem 7:1-Schützenfest gegen Brasilien, seine Gemütsruhe zu bewahren. "In der Offensive", warnte er, "haben sie überragende Spieler wie Messi und Higueu." Higu, wer?!? Gemeint war Gonzalo Higuain, Torjäger aus Napoli, Argentinier. Kurzerhand machte Joachim Löw aus ihm einen Franzosen. Wenngleich man ihm zugutehalten sollte, dass Higuain ob des Fußballerlebens seines Vaters tatsächlich in der Bretagne das Licht der Welt erblickte.

Der Bundestrainer ließ sich davon jedenfalls nicht beirren. Er wirkte sympathisch, womöglich der originellen Artikulation geschuldet, und schindete Eindruck. Brasiliens heißblütige Fans bewunderten ihn dank seiner kühlen, typisch deutschen Herangehensweise. Ihren Helden, so der Tenor, hätte etwas Sachlichkeit gut getan. Bei der diesjährigen Weltmeisterschaft stieg Löw zum Trainer von Weltformat empor. Er katapultierte sich mit dem ersten Titel in Sphären, welche den Größten seiner Zunft, den Pep Guardiolas, den Jose Mourinhos, vorbehalten blieben. Dort, wo er längst hingehört.

Deutschland: Endlich das Sahnehäubchen

In der Heimat begegnete man Löw bisweilen missgünstig, zweifelnd. Gewohnheit für ihn. Er musste sich während der Vorbereitung einiges anhören, verteidigte gleichwohl seine Prinzipien, die gescholtenen Führungspersönlichkeiten. Und er bewies selbst, dass er zu einer solchen reifte. Dabei machte er all das richtig, was ihm einst angelastet wurde.

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Löw bleibt sich treu

Klischee I: Löw messe mit zweierlei Maß. Ihm die Einberufung Sami Khediras vorzuwerfen ist schlicht lachhaft. Jener darf sich im erlauchten Zirkel der Anführer wähnen, bekleidet eine Schlüsselrolle. Obwohl er erst unmittelbar vor der WM nach Kreuzbandriss fit wurde, ihm die Wettkampfhärte fehlte, hielt Löw zu ihm. Ein Vabanquespiel, betonte er doch zuvor, lediglich topfitte Akteure mitzunehmen. Khedira fand im Turnierverlauf zu sich und seiner Form. Aus der Mannschaft war er, bis zum Finale, als ihn eine Wadenblessur außer Gefecht setzte, nicht wegzudenken.

Mario Gomez wiederum vermisste das Vertrauen. Große Teile der Saison verpasst, musste er zu Hause bleiben. Obwohl ein einziger echter Knipser im Aufgebot stand, obwohl Miroslav Klose mehrmals kleinere Blessuren zurückwarfen. Löw hat mit zweierlei Maß gemessen, bewusst, die Sache ist aber differenziert zu bewerten. Khedira ist für ihn der verlängerte Arm neben Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm, die Klarheit und seine Selbstverständlichkeit im Aufbau essentiell. Gomez verkörpert indes den Torjäger alter Garde. Davon hält Löw, gelinde formuliert, wenig.

Löw zu Götze: "Zeig', dass du besser bist als Messi"

Er braucht an vorderster Front jemanden, der Löcher stopft, den Verteidiger instinktiv richtig anläuft, als erster Mann die Pressingschlinge zuzieht. Klose ist das. Thomas Müller ist das. Gomez nicht - formschwach, ohne Selbstvertrauen noch viel weniger. Er schärfte sein Profil, verzichtete entgegen der Forderung manch Ehemaliger auf Stefan Kießling, und terminierte die Debatte. In ungewohnter Härte, entschlossen.

Die Taktik adaptiert

Klischee II: Löw sei stur sowie beratungsresistent. Nein, er hat schlicht verstanden, autonom und frei von äußeren Einflüssen seine Maxime zu verfolgen, Entscheidungen zu fällen. Dabei vertraute er auf seine Stars, deren taktische Finesse. Der hervorragend geschulte Bayern-Block bildet das Rückgrat, lernte unter Pep Guardiola neue Facetten, kann diese stets einbringen. Aus Fehlern der Vergangenheit zog er persönliche Schlüsse.

Löw stabilisierte das System. Der betörende Euphorie-Fußball, der zwar Fans weltweit verzückte, nur Deutschland keinen Titel bescherte, wich dem Kalkül. Die plausible wie altbewährte Prämisse: Hinten muss zunächst die Null stehen. Zu präsent, zu prägend waren die Eindrücke der Halbfinal-Niederlage bei der EURO 2012. Damals stellte er für Andrea Pirlo, das Hirn der Italiener, einen Kettenhund ab. Eine Fehleinschätzung. Zumal Toni Kroos, dem filigranen Passgeber, diese Rolle keineswegs behagte. Löw wich von seinem Weg ab – und wurde gnadenlos abgestraft. Erst mit dem Ergebnis, dann von der Journalie.

Bei der WM brillierte er mit Weitsicht. "Er erkannte, dass einige Prognosen nicht eintrafen", betonte Mehmet Scholl im Ersten. "Darauf reagierte er und schuf kurzerhand ein neues Gebilde." Im Vorfeld davon überzeugt, mit einem 4-3-3 sowie vier Innenverteidigern ans Ziel zu gelangen, korrigierte er die Überlegungen, nachdem sich das Team gegen Algerien beinahe in den Abgrund manövrierte.

DEUTSCHLAND EROBERT COPACABANA
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Den Titel eingewechselt

Löw stellte um, griff auf das altbewährte 4-2-3-1 zurück – und beorderte Lahm auf die angestammte Rechtsverteidiger-Position zurück. Die Öffentlichkeit, manch Experte verbuchte es als Erfolg seiner medialen Kampagne. Löw relativierte: "Anfangs war es richtig, ihn im Mittelfeld aufzustellen. Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich brauchten wir einen neuen Reiz. Schweinsteiger und Khedira waren fit und bereit."

Das WM-Finale in Bildern

Er bewies das, was ihm abgesprochen wurde, das Gefühl für den Moment, und widerlegte Klischee III: Löw sei zu unflexibel. Selten wie nie vertraute er seinen "Spezialkräften", versuchte, neue Impulse zu setzen. Anfangs mit Klose. Später mit Andre Schürrle. Oder Mario Götze. Er schürte den Teamgeist und bewies ein goldenes Händchen. Bei der Kader-Nominierung, als er überraschend Gladbachs Christoph Kramer nominierte, der im Endspiel gegen Argentinien bis zum verletzungsbedingten Aus eine blitzsaubere Vorstellung ablieferte. Und an der Seitenlinie. So wechselte er den 1:0-Triumph gewissermaßen ein. Erst Initiator Schürrle, später Vollstrecker Götze.

Er schenkte dem Bayern-Jungstar sein Vertrauen, obwohl dieser, ähnlich wie Özil, massiv in der Kritik stand. Mal wieder entschied sich Löw dazu aus vollster Überzeugung. Ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht stur, schon gar nicht unflexibel, dafür bewusst mit zweierlei Maß messend. Nun wird er hierzulande gefeiert. Nach 24 Jahren schenkte er Deutschland den vierten Stern und hievte sich in eine Riege mit Franz Beckenbauer, Sepp Herberger, Helmut Schön. Weil er alles richtig gemacht hat, auf seine ihm ganz eigene Weise.

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