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Big Phil, der große Flop: Wie konnte Scolari so falsch liegen?

Brasiliens Trainer muss die Verantwortung für die peinlichste Niederlage der großen Fußball-Nation übernehmen. Sogar das Maracanazo 1950 war nicht so schlimm.

Von Ben Hayward in Belo Horizonte

Belo Horizonte. Als Argentinien bei der Weltmeisterschaft 2010 mit 0:4 gegen Deutschland verlor, wurde Trainer Diego Maradona seine naive taktische Herangehensweise gegen eine der stärksten Mannschaften des Turniers vorgeworfen. Aber das, was Brasilien am Dienstag zu Hause gegen das Team von Joachim Löw passierte, war noch viel schlimmer.

Alles, was schief laufen konnte, ging auch schief. Nach all den brasilianischen Ankündigungen, wie gut die Mannschaft ohne ihren beiden besten Spieler zurechtkommen werde, sah die Startelf des Gastgebers ohne Neymar und Thiago Silva ziemlich durchschnittlich aus.

Erst wurden Brasiliens Defensivqualitäten hervorgehoben - und dann wurde diese Abwehr nach Belieben auseinander genommen. Schon das erste Tor war ein Geschenk: Niemand deckte Thomas Müller, der ungehindert nach einer Ecke traf. Mit Thiago Silva im Team wäre das wahrscheinlich nie passiert, aber der Kapitän fehlte, weil er sich gegen Kolumbien eine unnötige Gelbe Karte abgeholt hatte. Und nicht mal er hätte sich vorstellen können, wie entscheidend das werden würde.

Ohne ihn spielte Dante neben David Luiz, aber die Abwehrreihe stand regelmäßig zu hoch. Mit Neymar im Team vertraute Luiz Felipe Scolari - oder "Big Phil", wie er in England genannt wird - darauf, dass seine Mannschaft sich weit zurückfallen lässt und mit Kontern gefährlich wird. Aber gegen Deutschland spielte sie weit vorne - und das spielte Löws Offensivspielern in die Karten. Die großen Löcher im Mittelfeld sorgten dafür, dass die Deutschen im Mineirao alle Freiheiten hatten.

Was ist los? | Die Brasilianer schauen ungläubig, Deutschland jubelt

Brasiliens Fans schauten schockiert zu, als nach dem 0:1 das 0:2, das 0:3, das 0:4 und das 0:5 innerhalb von nur sechs Minuten folgten. Die Ungläubigkeit verwandelte sich im Stadion in Belo Horizonte in Niedergeschlagenheit - und dabei war noch nicht einmal eine halbe Stunde gespielt. Brasiliens Traum vom WM-Sieg im eigenen Land war laut geplatzt.

Die Spieler gingen schon zur Pause unter Buh-Rufen vom Platz. Und immerhin hatten die Worte von Trainer Scolari in der Halbzeit einen Effekt: Brasilien begann stark, aber an Manuel Neuer vorbeizukommen, war an diesem Abend deutlich schwieriger, als an Julio Cesar vorbeizukommen. Der Bayern-Keeper zeigte zwei tolle Paraden und verhinderte den frühen Ehrentreffer.

Brasiliens Zwischenhoch dauerte aber nicht lange, Deutschlands Einwechselspieler Andre Schürrle erzielte die Tore sechs und sieben. Der Ehrentreffer für die Gastgeber durch Oscar erhielt den größten Applaus des Abends - aber wohl eher aus einem Gefühl der Anspannung und des Ärgers heraus. Für die Brasilianer war es eine Niederlage von historischer Dimension. Eine Niederlage, die das berühmte Maracanazo des Jahres 1950 in den Geschichtsbüchern als peinlichste Pleite aller Zeiten ablöst. Es war das Mineirazo.

Und das lag an Scolari. Der Brasilien-Trainer muss die Verantwortung für die meisten Sachen übernehmen, die schief gingen. Wenn man die Brasilianer nach ihrem besten Torhüter fragt, werden nur wenige 'Julio Cesar' antworten, der sich zuletzt bei den Queens Park Rangers schwer getan hatte. Außerdem fehlte der stark aufspielende Verteidiger Joao Miranda von Atletico Madrid im Kader. Das Verhalten Brasiliens im Fall Diego Costa war auch nicht optimal: Der wohl einzige Weltklasse-Stürmer entschied sich, für Spanien aufzulaufen. Ohne Neymar wäre sogar Ronaldinho ein Gewinn gewesen, auch mit 34 Jahren. Er ist ein Spieler, der aus dem Nichts für Akzente sorgen kann, etwas, das mit diesem Kader nicht möglich ist. 

Die fünf Mittelfeldspieler waren schlecht. Oscar ließ sich immer wieder zurückfallen, um den Ball zu holen, aber er bekam ihn nicht. Hulk verlor die Kugel reihenweise und arbeitete defensiv nicht mit. Bernard zeigte nicht, warum Scolari ihm die Rolle des Neymar-Ersatzes anvertraut hatte. Und der Paulinho, der bei der WM auf dem Platz steht, ist ein ganz anderer Paulinho im Vergleich zum dem Spieler, der letztes Jahr beim Confederations Cup glänzte.

Die Spielerauswahl, die Taktik, der Zusammenhalt in der Mannschaft - Scolari hat alles falsch gemacht. Brasilien ging am Druck einer Heim-WM kaputt. Scolari musste sogar einen Psychologen bemühen, weil seine Spieler, die die Träume und Hoffnungen einer ganzen Nation erfüllen sollten, regelmäßig in Tränen ausbrachen.

Jetzt brauchen sie erneut die Hilfe des Psychologen. Und "Big Phil" braucht sie wahrscheinlich auch, denn die WM, die sie eigentlich gewinnen sollten, endete für Brasilien auf die schlimmstmögliche Art und Weise.

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