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Der geborene Anführer: Wie Didier Deschamps die Franzosen wieder auf Kurs brachte

Der Trainer der Equipe Tricolore hat aus einer nicht funktionierenden Einheit ein verschworenes Team geformt. Dabei hat er mehrere mutige Entscheidungen getroffen.

KOMMENTAR
Von Robin Bairner in Fortaleza

Am Freitagabend wird Frankreich gegen Deutschland um einen Platz unter den besten vier Mannschaften dieser Weltmeisterschaft kämpfen. Das ist im Wesentlichen ein Verdienst von Didier Deschamps, der mit ruhiger Hand die Geschicke seiner Mannschaft leitet.

Es hat sich im Lager von "Les Bleus" einiges geändert seit der WM 2010. Damals sorgte der Finalist von 2006 für die spektakulärste Implosion einer Mannschaft, die es je bei einem größeren Turnier gab.

Auch Blanc konnte das Krebsgeschwür nicht entfernen

Der umstrittene Raymond Domenech stand damals bei den Franzosen an der Seitenlinie und er sah sich wegen zahlreicher fragwürdiger Entscheidungen bereits vor der Endrunde in Südafrika massiver Kritik ausgesetzt. Zu nennen wären da beispielsweise die rätselhafte Ausbootung Robert Pires' oder der öffentliche Heiratsantrag an seine Freundin unmittelbar nach dem Aus bei der Europameisterschaft 2008.

Höhepunkt der verkorksten WM war schließlich der peinliche Streik in Knysna, als die Mannschaft sich weigerte, zu trainieren. Auslöser war der Ausraster Nicola Anelkas gewesen: Der Starstürmer hatte Domenech in der Halbzeitpause des Gruppenspiels gegen Mexiko einen "dreckigen H****sohn" genannt.

Der Mangel an einem Anführer waberte wie ein Krebsgeschwür in der Nationalmannschaft und auch Laurent Blanc konnte es während seiner kurzen, erfolglosen Amtszeit nicht gänzlich beheben.

Persönliche Probleme der Protagonisten gab es häufig bei den Franzosen. David Ginola wurde zum Beispiel aus dem Nationalteam geworfen, nachdem er Trainer Gerrard Houiller beschimpft hatte. Der unberechenbare Eric Cantona lief trotz seiner Begabung nur selten für die Equipe Tricolore auf. Er hatte Coach Henri Michel als "Beutel voll Sch****" bezeichnet.

Härtefälle Clichy und Nasri

Deschamps gelang es nun, Harmonie und Stolz innerhalb der Mannschaft wiederherzustellen.

Eine Menge Kritiker, vorwiegend aus England, war stinkig, weil Manchester Citys Gael Clichy und Samir Nasri es nicht in seinen 23-Mann-Kader für die WM schafften. Das hochbegabte Duo wurde noch nicht einmal in das provisorische Aufgebot berufen.

Es war ein Glücksspiel des ehemaligen Trainers von Olympique Marseille und Juventus Turin. Aber was seine Maßnahmen zum Teambuilding angeht, lag er damit bislang sowas von richtig.

Nasri war nicht zur Anpassung bereit

"Ich baue die beste Mannschaft, ich habe nicht die 23 besten französischen Fußballspieler ausgewählt", verkündete Deschamps am Tag seiner Kadernominierung.

Und weiter: "Samir ist ein wichtiger Spieler für Manchester City, aber hat er für Frankreich nicht gut gespielt. Bei City ist er Stammspieler, das ist er bei uns nicht und er hat klargestellt, dass er nicht glücklich ist, wenn er nicht von Beginn an spielt. Ich kann ihnen sagen, dass man dies in der Mannschaft spüren kann."

Es ist nicht gesagt, dass Nasri diese Mannschaft aus den Gleichgewicht gebracht hätte. Aber sein Unwillen, seine Einstellung zu ändern, ist ihm zum Verhängnis geworden.

Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel Patrice Evra. Er war bereit, sich anzupassen und der Linksverteidiger von Manchester United hat sich zu einem stillen Anführer dieses Teams entwickelt. Was einst ein nicht funktionierendes Gebilde war, ist nun zu einer der aufregendsten und am flüssigsten spielenden Mannschaften des Turniers geworden.

Deschamps, neben Zidane die Lichtgestalt

Deschamps war es wichtig, Charaktere, die Frankreich so weh getan hatten, nicht mehr in seine Mannschaften zu lassen. Selbstverliebte, egoistische Kicker hatten der Mannschaft auf der großen Bühne geschadet und dazu geführt, dass sich auch die französische Öffentlichkeit von ihren einstigen Lieblingen abgewandt hatte,

Dies hat Deschamps geschafft und man muss sich fragen: Wem wäre das außer ihm gelungen? Womöglich niemandem.

Selbst Volksheld Blanc wurde von Teilen der Mannschaft nicht respektiert. Vermutlich besitzt nur Zinedine Zidane eine ähnliche Ausstrahlung wie Deschamps. Als Spieler hatte er Frankreich zu WM- und EM-Titel geführt. 1992 war er auch Kapitän, als Olympique Marseille den Titel in der Ligue Un gewann. Damit war er der jüngste Spielführer, dem dies gelang.

Auch seine Trainerlaufbahn ist beeindruckend. Mit Monaco erreichte er das Champions-League-Endspiel, arbeitete erfolgreich bei Juventus Turin und gewann mit Marseille erstmals nach einer gefühlten Ewigkeit wieder die Meisterschaft.

Viele Trainer wären vor den großen Problemen innerhalb der französischen Elf zurückgeschreckt. Und viele hätten sie vermutlich auch unter den Teppich gekehrt - nur damit sie in dem Moment, in dem es am meisten drauf ankommt, wieder auftauchen. Deschamps hat das nicht getan und Les Bleus profitieren davon.

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