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Welches Sturmproblem? Thomas Müller wischt alle Zweifel weg

Vor dem Turnier gab es große Fragezeichen hinter den Angriffsoptionen von Joachim Löw. Aber Bayerns Wunderwaffe zeigte es gegen Portugal allen.

Ein Kommentar von Enis Koylu

London . Als sich Joachim Löw dazu entschied, weder Mario Gomez noch Kevin Volland oder Max Kruse für die Weltmeisterschaft zu nominieren, begann hierzulande eine neue Ära. In der langen Geschichte des deutschen Fußballs gab es immer starke Mittelstürmer - von Uwe Seeler bis Miroslav Klose, mit Spielern wie Gerd Müller, Karl-Heinz Rummenigge und Jürgen Klinsmann.

Klose, mit seinen inzwischen 36 Jahren, ist wieder dabei, doch er hatte sich in der italienischen Liga bei Lazio vergangene Saison mit vielen Verletzungen herumgeschlagen. Die Öffentlichkeit erkor deshalb Mario Götze und Lukas Podolski als Alternativen für die Position ganz vorne aus. Götze hatte schon als "falsche Neun" im Verein und Nationalteam gespielt. Podolski kann das auch, obwohl seine Qualitäten eher auf dem linken Flügel zum Tragen kommen.

Die Sturm-Problematik hatte zahlreiche Größen nachdenklich gestimmt: Uwe Seeler sagte: "Ich weiß nicht, ob Klose alleine reicht. Er war auch verletzt." Ulf Kirsten ergänzte: "Ich bin skeptisch. Das ist riskant von Löw." Olaf Thon forderte bei Goal gar, dass Löw "zum Wohle des Teams über seinen Schatten springen" sollte. Dabei war die Lösung so nah: Thomas Müller.

Müller steht dort, wo ein Torjäger steht

Der dreifache Weltmeister startete das Unternehmen Titel am Montag mit einem glänzenden 4:0-Erfolg über Portugal - dabei durfte sich der Bayern-Star in der Offensive austoben. Es zahlte sich schnell aus. Nach zehn Minuten war er an dem tollen Spielzug beteiligt, an dessen Ende Mario Götze den Elfmeter herausholte. Er selbst verwandelte und legte kurz vor der Pause noch einen Treffer nach, nachdem Mats Hummels auf 2:0 erhöht hatte und Pepe mit Rot vom Platz musste.

Beim zweiten Tor zeigte Müller seine Stürmer-Qualitäten, als er einen Befreiungsschlag blockte, dann schnell abzog und Rui Patricio im portugiesischen Tor überwand. "Ich fragte mich, ob ich dort gestanden wären", so Mehmet Scholl in der ARD: "Nein, wäre ich nicht. Und das ist so besonders an ihm." Die wilde 13, angelehnt an seiner Rückennummer, machte später den Dreierpack per Abstauber perfekt. Bei Löw dürfte er nun gesetzt sein.

"Thomas hat mit seinen Wegen für viel Verwirrung gesorgt", so der Bundestrainer. "Er hat immer ein Näschen, ist immer da, wo die größte Gefahr für den Gegner ist. Er hat eine ganz unorthodoxe Spielweise, ist dadurch wahnsinnig schwer auszurechnen und hat nur einen Gedanken im Kopf: Wie kann ich ein Tor erzielen." Genau dieser Gedanke treibt ihn an - und macht ihn so wertvoll.

Im Halbfinale 2010 wurde er vermisst

Müller muss vorne drin spielen, denn er ist der Schlüsselspieler, wenn es darum geht, den großen Wurf zu landen. Für Deutschland steht eine Generation von Spielern auf dem Platz, die sich durch starke Technik und Flair auszeichnet, vielleicht aber eine gewisse Zerbrechlichkeit besitzt.

In diesem Kader sieht Müller beinahe wie ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten aus. Sein Spiel basiert auf Laufeinsatz, Durchhaltevermögen und einer unbarmherzigen Einstellung. Er verkörpert genau diese klassischen Tugenden, die Deutschland zu einer gefürchteten Turniermannschaft erwachsen ließ. Der 24-Jährige brilliert damit, seitdem er seinen Durchbruch bei den Bayern geschafft hat.

Vor vier Jahren war er WM-Torschützenkönig, obwohl er erst 20 Jahre alt war. Schon damals war er wichtig für die Mannschaft, seine Beiträge wurden im Halbfinale gegen Spanien schmerzhaft vermisst, als er gesperrt fehlte. Deutschland brachte in der Offensive nichts auf die Reihe und verlor 0:1.

Ein Müller ist immer die Lösung

Oft werden ihm dynamischere Kollegen im Verein oder im Nationalteam vorgezogen - wie auch bei der Europameisterschaft 2012, als er im Halbfinale nach einem für seine Verhältnisse ruhigen Turnier gegen Italien nicht berücksichtigt wurde.

Deutschland vergab zunächst viele Chancen und wurde dann von Mario Balotelli mit zwei Toren bestraft. Wenn Müller auf dem Platz gestanden hätte, hätte alles ganz anders aussehen können. Joachim Löw hat seinen Fehler inzwischen eingesehen. Seit dem Turnier ist Müller ein Stammspieler. Ob hinter dem einzigen Stürmer, auf der linken Seite oder rechts - ganz egal: Er ist der gefährlichste deutsche Offensivmann.

Er glänzt auf der ganz großen Bühne und hat schon acht WM-Tore in nur sieben Spielen erzielt. Die neue Lösung für Deutschlands Sturmproblem ist eine ganz alte: Ein Stürmer von Bayern München, der Müller heißt und das Trikot mit der Nummer 13 trägt.

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