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HSV: Schluss mit Vereinsmeierei

Am Sonntag entscheiden bis zu 10.000 Mitglieder über die Zukunft des Hamburger SV. Ohne Veränderungen droht dem traditionsreichen Klub der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.

KOMMENTAR
Von Daniel Jovanov
 

Hamburg. Der Hamburger SV braucht einen radikalen Schnitt. Nach Jahren der Misswirtschaft ist klar, dass die mitgliederorientierte Vereinsstruktur gescheitert ist. Der Einfluss Fußballfremder auf das komplexe Profigeschäft muss auf ein Minimum reduziert werden, wenn der HSV langfristig in der Bundesliga überleben will.

Die Mannschaft – unabhängig von ihrer Besetzung – ist ein Abbild des Vereinslebens: zerstritten, selbstsüchtig, illoyal und charakterschwach. Der traditionsreiche Klub scheint in seinem retrospektiven Selbstverständnis gefangen zu sein, statt sich an der Gegenwart messen zu lassen. Kompetente Fußballfachleute und talentierte Spieler sind regelmäßig zu Opfern der Vereinsmeierei geworden. Kein Wunder, dass viele nach kurzer Zeit die Flucht antreten.

Die Initiative HSVPlus um Ex-Aufsichtsrat Otto Rieckhoff will dem am Sonntag ein Ende setzen und den Profifußball nach Vorbild vieler Klubs aus dem Gesamtverein ausgliedern. Als Teil des Problems hat der 62-Jährige nach seiner Zeit im mächtigsten Gremium des Vereins die richtigen Schlüsse gezogen. Jürgen Hunke nicht. Der aktuelle Aufsichtsrat versucht mithilfe der „HSV-Allianz“ Rieckhoffs Reformen zu verhindern.

In der Debatte wird deutlich, worunter der HSV seit Jahren zu leiden hat. Er ist eine Spielwiese für Männer jenseits der 60, die fürchten künftig nicht mehr gehört zu werden. Hunkes Allianz greift deshalb zu demagogischer Rhetorik, versucht Ängste zu schüren und bezichtigt HSVPlus der Lüge. Doch weder Hunke noch sein kongenialer Partner Rainer Ferslev können argumentativ überzeugen.

Auch die Leitung des Supporters Club sowie die ihnen nahestehenden Ultras fürchten um ihren Einfluss im Verein. Als Hüter der Demokratie und des Universalsportvereins getarnt, setzen sie mit über 50 Anträgen auf eine Verzögerungstaktik. Je länger die Veranstaltung am Sonntag dauert, umso größer die Chance auf Verhinderung. Und selbst wenn dieses Vorhaben scheitert, bliebe noch die Anfechtung des Wahlergebnisses.

Dass ihnen nur ihre eigene Mitbestimmung wichtig ist, wird spätestens bei ihrer Haltung zum Fernwahlrecht deutlich. Seit Jahren torpediert ein kleine, aber äußert aktive Gruppe jegliche Versuche allen Mitgliedern eine Möglichkeit zu schaffen an Wahlen teilzunehmen. Mit Basisdemokratie und Vereinskameradschaft hat das nichts zu tun.

Die vielen Gremien im HSV haben Fußballfremden viel zu lange eine Plattform geboten, auf der sie sich wichtig fühlen konnten. In langatmigen Sitzungen wurden Kleinkriege aufgrund persönlicher Eitelkeiten ausgetragen, die den Profifußballbereich immer wieder entscheidend gelähmt haben. Kein Trainer und kein Sportdirektor hat es je geschafft, aus dieser Gefangenschaft auszubrechen. Dies liegt nun in den Händen der Mitglieder.

Die größte Aufgabe des „neuen“ HSV wird sein, die Versäumnisse der vergangenen Jahre aufzuholen und den Anschluss an das Profifußballgeschäft zu finden. Ohne moderne Strukturen wird dies nicht gelingen. Welche Bank, welcher Sponsor sollte denn künftig in ein so instabiles Konstrukt wie den HSV investieren, wenn alles beim Alten bleibt? Selbst den größten Kritikern der Ausgliederung ist klar: Es kann so nicht weitergehen.

Der HSV ist so weit weg von den wirklich wichtigen Themen, so sehr mit sich beschäftigt, dass der Nichtabstieg in dieser Saison einem kleinen Wunder gleicht. Um den Fußball wieder in den Vordergrund zu stellen, ist ein Neuanfang unabdingbar. Die bereits angedrohte Austrittswelle einiger Traditionalisten wird der HSV überleben. Einen Stillstand allerdings nicht.

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