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Warum Schulden-Klub Atletico Madrid nicht als "Everybody's Darling" taugt

KOMMENTAR: Wildes Geldleihen und ein undurchsichtiges Transfergebahren machen Atleticos Erfolgsgeschichte weit weniger romantisch, als es aktuell viele wahrhaben wollen.

Es gibt wohl nur wenige Fans auf dem Kontinent, die Atletico Madrid im Moment nicht sympathisch finden und die der Mannschaft von Diego Simeone nicht den ganz großen Wurf in Champions League und Primera Division wünschen. Die Entwicklung vom Europa-League-Sieger zum Königsklassenfinalisten verdient eine Menge Respekt und der argentinische Erfolgscoach ist zurecht aktuell in aller Munde.

Simeone hat eine leidenschaftliche und fleißige Einheit geschmiedet, die jederzeit in der Lage ist, es mit den besten Teams der Welt aufzunehmen. Der Klub gehört nun zur Elite. Atleti hat Real Madrid in La Liga in dieser Saison vier Punkte abgenommen und im Vorjahr im Endspiel um die Copa del Rey besiegt. Den FC Barcelona haben die Rojiblancos aus der Champions League geworfen. Und trotz des Ausrutschers am Wochenende gegen Levante ist der Außenseiter noch immer Favorit auf den Titelgewinn in der spanischen Meisterschaft.

Es wäre nun aber ein Fehler, dies als sprichwörtlichen Erfolg des "kleinen Mannes" gegen das übermächtige Clasico-Duo zu sehen. Sicher, Simeones Leistungen mit seiner Mannschaft auf dem Feld verdienen allen Respekt der Welt. Aber Atletico verdient es nicht, nun der Liebling der Massen zu sein. Der Verein aus der Haupstadt verkörpert nämlich seit Jahren das, was den modernen Fußball in Probleme bringt: Transferrechte, die bei einer dritten Partei liegen, horrende Schulden und ein Leugnen der Verantwortung für Versäumnisse.

Atletico ist der drittgrößte Verein Spaniens, was Umsatz und Fanaufkommen angeht. Doch seit der Klub 1992 zu einer AG wurde, hat er es nicht geschafft, gesund zu bleiben. Seitdem Jesus Gil Mehrheitsanteileiger wurde, muss das Finanzmanagement infrage gestellt werden.

Es geht hier um einen Verein, der seit Jahren ganz offen Regeln und Vorschriften auf dem Finanzsektor missachtet hat. Der Verein musste absteigen, kurz nachdem im Zuge der "Caso Atletico" die Büros der Geschäftsstelle durchsucht worden waren. Sie führte auch zur Gefängnistrafe für Gil von dreieinhalb Jahren und Sanktionen gegen Enrique Cerezo und Miguel Angel Gil Marin - diese Beiden blieben Atletico erhalten. Nach dem Abstieg hörte Atletico einfach auf, Steuern zu zahlen - zwei Jahre lang. Etwa 46 Millionen Euro wurden dadurch eingespart und der schnelle Wiederaufstieg war damit kein großes Problem.

Der Pate des modernen Atletico | Jesus Gil war der Mehrheitsanteilseigener und er verstarb 2004

Im Jahr 2011 schuldete der Verein seinen Gläubigern wahnsinnige 517 Millionen Euro, darunter allein 171 Millionen Euro den Steuerbehörden. Die spanische Regierung hätte sicherlich mehr unternehmen können, um die Schulden einzutreiben. Stattdessen gestattete sie dem Klub, 15 Millionen Euro pro Jahr zu einem günstigen Zinssatz von 4,5 Prozent abzustottern.

Es ist pervers, dass die Wirtschaftskrise in Spanien mit einer Arbeitslosigkeit in Höhe von 26 Prozent Atletico die Möglichkeit gab, die missliche Lage abzufedern. "Die Regierung kann keine Zahlungen von angeschlagenen Vereinen verlangen, ohne die Fans zu verärgern", sagte Wirtschafts- und Finanzprofessor Jose Maria Gay der Welt 2012. Er ergänzte: "In jener Situation, in der sich das Land jetzt befindet, wäre es unvernünftig, dysfunktionale Schritte einzuleiten. Denn das könnte das Image der Liga schädigen und diese ist ein kommerzieller Faktor."

Dieser Grundsatz öffnet natürlich Laxheit Tür und Tor. Uli Hoeneß, damals Präsident des FC Bayern, meinte frustriert nach EU-Hilfen für Spanien 2012: "Wir zahlen Hunderte Millionen von Euro, um Spanien aus der Scheiße zu holen und dann erlassen die ihren Klubs die Schulden."

Schulden nicht zu bezahlen, war unter Gil Atleticos Modus Operandi. Auch wenn der Verein nun damit begonnen hat, seine Steuerschuld zu begleichen, wird es bis zum Anfang der nächsten Dekade dauern, ehe das erledigt ist. Anstatt also den Gürtel enger zu schnallen und seinen Verpflichtungen nachzukommen, gab der Verein munter weiter Geld aus. Die UEFA sah sich zwischendurch gezwungen, wegen Verstößen gegen das Financial Fair Play die Preisgelder für den Gewinn der Europa League einzubehalten. Atletico gehörte zu den ersten bestraften Klubs, auch wenn die Sanktionen später wieder kassiert wurden. Es ist allerdings nicht schwer zu sehen, wieso der Verein auf der schwarzen Liste steht.

Kurze Zeit nachdem sich Sergio Agüero zu Manchester City verabschiedet hatte und Atetico die Steuerbehörden glücklich machen konnte, wurde ein 40-Millionen-Deal beschlossen, der Radamel Falcao ins Trikot der Rojiblancos brachte. Jeder wusste, dass Atletico diese Summe nicht selbst aufbringen konnte. Also sprang die Doyen Sports Group, ein Hedgefond-Unternehmen, ein. Angeblich übernahm die Gruppe 50 Prozent der Ablöse.

Falcao mag seine besten Jahre bei den Madrilenen verbracht haben. Aber sie hatten es nicht verdient, dass er bei ihnen spielte. Sie konnten ihn sich einfach nicht leisten. Aber das war ihnen egal. Und Falcao war da nicht der Einzige: Gemäß einer Untersuchung aus dem Jahr 2013 gehörten sechs Spieler aus der ersten Mannschaft dem Klub nicht. Und trotz dieser Praktiken hatte der Verein zwischen 2002 und 2009 160 Millionen Euro an Ablösesummen gezahlt. Die besten Spieler der Welt wurden gejagt, obwohl sich die Schulden immer höher türmten.

IN ZAHLEN
Atleticos unseriöse Finanzen
1992 Atletico wird eine AG

59.000 €

Ausstehendes Gehalt an Diego
40 Mios € Ablöse für Falcao trotz Schulden
171 Mios € Schulden bei den Finanzbehörden
517 Mios € Gesamtschulden bei ihrem Höhepunkt 2011

Trotz Doyens Unterstützung war Atleti nicht in der Lage, seinen Verpflichtungen gegenüber Falcaos Ex-Klub FC Porto nachzukommen. Berichten zufolge stand der portugiesische Spitzenverein kurz davor, bei der FIFA eine Beschwere einzureichen, weil Madrid mit den Zahlungen im Rückstand war. Kurze Zeit später tauchte dann Doyens Name als Sponsor auf Atleticos Trikot auf.

A propos Trikotsponsor: Atletico wird derzeit zum zweiten Mal von Aserbaidschans Tourismusverband gesponsert. Ein Deal, der Diskussionen hervorrief. Er spülte für einen Zeitraum von 18 Monaten insgesamt zwölf Millionen Euro in die Vereinskassen. Die Menschenrechtsverletzungen in dem Land stießen allerdings eine Debatte zur Angemessenheit von Sponsoren an.

2011 tauchten Berichte auf, nach denen Atletico allein seinen Angestellten 52 Millionen Euro an Gehältern schuldete. Das sind 81 Prozent des gesamten Gehaltsetats! Spielmacher Diego zum Beispiel beschwerte sich offiziell und schriftlich, weil der Verein bei ihm mit 59.000 Euro in der Kreide stand.

Derzeit macht der Klub einen stabilen Eindruck. 2016 soll er ins Olympiastadion umziehen. Das Fundament ist dabei keineswegs solide. Wie lange wird Simeone bleiben? Wird ihm Geld zur Verfügung gestellt, um die Mannschaft weiter zu verstärken? Werden wie bei Agüero, de Gea und bald Diego Costa weiterhin die besten Spieler verkauft, um die Wölfe vor der Tür zu halten?

Der Endspurt dieser Saison ist vermutlich auf absehbare Zeit Atleticos einzige Chance auf Trophäen, daheim und in Europa. Aus dieser Chance sollte das Maximum herausgeholt werden. Denn schon zu lange hat der Verein über seine Verhältnisse gelebt, während andere die Zeche zahlen musste. Irgendwann wird am Horizont die Quittung auftauchen.

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