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Als zehnter DFB-Nationalspieler wird Schweini am Dienstag die Marke von 100 Einsätzen knacken. Die Krönung einer bemerkenswerten Länderspiel-Geschichte soll in Brasilien gelingen.

KOMMENTAR
Von Peter Staunton

Das Haar ist nicht mehr stachelig gegelt und es ist auch nicht mehr silbern gefärbt. Mittlerweile ändert er an der Farbe überhaupt nichts mehr. "Ich weiß aber nicht, wo die grauen Haare herkommen", sagte er letzten Dezember der Bild. "Jünger werde auch ich nicht. Aber es geht noch, oder?" Es war ein Augenzwinkern dabei und man kann sagen: "Schweini" ist erwachsen geworden.

Acht Jahre sind vergangenen, seit Bastian Schweinsteiger sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft feierte. In seinen 99 Länderspielen seither hat er sich vom frechen Jungen zur anerkannten Persönlichkeit entwickelt. Unvergessen, wie er in der Gruppenphase der EM 2008 vom Platz flog und anschließend das letzte Vorrundenmatch an Angela Merkels Seite von der Tribüne aus verfolgen musste. Damals wirkte er wie der ungezogene Schüler, der neben seiner Lehrerin Platz nehmen muss.

Und es gab Momente ganz exquisiter Brillanz. Zum Beispiel bei seiner virtuosen Vorstellung während der Machtdemonstration gegen Argentinien bei der Weltmeisterschaft 2010. Doch es überwogen die schweren Momente.
DEUTSCHLANDS KLUB DER 100ER
POS.  NAME EINSÄTZE
  1 Lothar Matthäus 150
  2 Miroslav Klose
130
  3 Lukas Podolski 111
  4 Jürgen Klinsmann
108
  5 Jürgen Kohler 105
  6 Franz Beckenbauer 103
  7 Thomas Hässler 101
  7 Philipp Lahm 101
  9 Ulf Kirsten 100

Viele frustrierende Momente

Auf die Knie gesunken, tätschelte Jürgen Klinsmann ihm nach der Niederlage gegen Italien bei der WM 2006 im eigenen Land aufmunternd den Kopf. Zwei Jahre später musste er nach dem verlorenen EM-Finale ein Interview geben, während die siegreichen Spanier an der Mittellinie freudetrunken Conga tanzten. Mit in die Hüfte gestemmten Armen und sprachlos musste er auch 2010 mitansehen, wie die Spanier nach dem Erfolg über die DFB-Elf ihren Einzug in das Enspiel der WM feierten. Schließlich folgte 2011/12 seine schwerste Saison, die ihren negativen Höhepunkt im bitteren EM-Halbfinal-Aus gegen Italien fand.

Das sind die Schnappschüsse aus Schweinsteigers Laufbahn in der Nationalmannschaft. Mit den Länderspielen häufte er auch Enttäuschungen an. Als Person und als Profi ist der Mittelfeldmann daran gereift. Doch es bleibt das Gefühl der Unvollkommenheit, wenn es um ihn und die DFB-Elf geht. Immerhin läuft er für Deutschland auf, von dieser Mannschaft werden Titel erwartet. Die Dürre hält seit 1996 an. Eine längere Zeit ohne Pokale gab es nur zwischen der Weltmeisterschaft 1954 und der EM 1972. Eingestellt wird dies kommenden Sommer in Brasilien bei der nächsten WM-Endrunde.

Als Anführer der Mannschaft trifft Kritik Schweinsteiger häufiger als andere Spieler. Zuletzt bekam er mal von Günter Netzer sein Fett weg, davor waren es Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß. Er spiele zu langsam, er sei nicht schnell genug, heißt es dann. Und wenn es nicht das eine ist, dann eben das andere. Versteckt hat er sich allerdings nie. Nicht einmal, als er von den Fans seines FC Bayern ausgebuht wurde im November 2009.

Anschließend hat er den nächsten Schritt in seiner Karriere gemacht, daran besteht kein Zweifel. Nachdem er die Anfangsjahre seiner Laufbahn auf dem Flügel verbracht hatte, entwickelte er sich in der Mittelfeldzentrale zu einem der besten Spieler der Welt. Er betrat die Bühne gemeinsam mit Kumpel Lukas Podolski sowie Philipp Lahm. Dem aufstrebenden, jungen Team wurde manch knappes Scheitern verziehen. Mittlerweile reicht das nicht mehr. Die 100er-Marke hat Schweini erreicht, ohne einen Pokal mit Deutschland gewonnen zu haben.

"Ich will nicht zurücktreten, ohne großen Titel mit Deutschland"

Der 29-Jährige ist stolz auf seine vielen Länderspiele, keine Frage. Aber er ist auch ungeduldig, weil sie ihm noch nicht den ganz großen Wurf gebracht haben. So sagte er unter der Woche: "Natürlich ist es besonders. 100 Länderspiele bekommst Du nicht geschenkt. Ich hoffe, es kommen viele weitere und hoffentlich damit auch Erfolg. Den WM-Titel zu gewinnen, ist mein Ziel und wir können es sicher eines Tages schaffen."

Doch die Uhr tickt. Das zeigen nicht zuletzt graue Flecken auf dem Haupt. Sein Erfolg mit dem Adler auf der Brust schien lange unausweichlich, nun lässt er auf sich warten. Anders ist das für Bayerns Vize-Kapitän auf Vereinsebene.

Das Triple mit dem krönenden Triumph in der Champions League hat Schweinsteiger, für den Moment, den Status der Unbesiegbarkeit verliehen. Gerade das macht es umso schwieriger, mit Rückschlagen auf Ebene der Nationalelf umzugehen.

Nach der WM 2010 gab Schweinsteiger zu Protokoll: "Ich will nicht 20 mal das Double gewinnen und letztlich zurücktreten, ohne einen Titel mit Deutschland erobert zu haben. Das will ich nicht." Anschließend gehörte er zu den Spielern, die sich gegen einen großen Empfang in Berlin aussprachen.

Symbol der neuen Generation

Im Dress der Bayern dauerte es elf Jahre, ehe Schweinsteiger der ganz große Wurf gelang und die Vorwürfe der mentalen Schwäche verstummten. Im Mittelfeld des FCB oder des Nationalteams gibt es keinen Jens Jeremies, der die gegnerischen Waden jagt. Schweinsteiger ist dagegen Anführer einer Generation, die sich auf ihre Instinkte und ihre Technik verlässt.

Michael Ballack wird als einer der großen, unvollkommenen Fußballer Europas in die Historia eingehen. Mit Bayern konnte Schweinsteiger ein ähnliches Schicksal in der Vorsaison vermeiden. In Brasilien hat er erneut die Möglichkeit, es auch mit Deutschland zu schaffen.

Er wird es nicht mit zur Schau gestellter Leidenschaft tun. Er ist kein Ballack und wird auch nie einer werden. Er ist ein Symbol für Joachim Löws flache Hierarchie. Und doch liegt es an ihm, seine Nebenleute wie Mesut Özil, Sami Khedira, Thomas Müller oder Marco Reus zu führen.

Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen auch "Schweini".

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