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Nach Jahren der Dominanz an der Spitze des Fußballs, sieht die Elite ihre Macht schwinden, da mehr Ligen und mehr Teams ihre Vorherrschaft ins Wanken bringen.

KOMMENTAR
Von Carlo Garganese

Spätestens als sich Arsene Wenger in diesem Sommer dazu entschloss, für einen Spieler 50 Millionen Euro zu investieren, war klar, dass es keine normale Transferperiode gewesen sein würde.

Dies war ein Sommer, der den Beginn einer neuen Ära im europäischen Fußball eingeläutet hat. Zum ersten Mal in den letzen beiden Jahrzehnten ist die etablierte Ordnung ernsthaft in Gefahr – und wird von einer Reihe neuer Herausforderer möglicherweise gestürzt.

Seit Gründung der Champions League war der FC Bayern München der einzige ernstzunehmende Konkurrent für die Teams aus England, Spanien und Italien. Inzwischen hat sich dieser Kreis nicht zuletzt durch Mannschaften wie Paris Saint-Germain erweitert. Sieht man von wenigen Ausnahmen wie dem Erfolg des FC Porto im Jahr 2004 ab, hat es nur ein erlesener Kreis von Mannschaften aus diesen drei Ländern geschafft, den Henkelpott sein Eigen nennen zu können. Acht Klubs konnten die Königsklasse in den letzten 16 Jahren gewinnen – allein der FC Barcelona und Real Madrid waren sechs Mal erfolgreich. Zum Vergleich: 13 Teams aus neun Nationen gewannen die begehrte Trophäe in den vorangegangenen 16 Jahren.

All die individuelle Klasse und der Reichtum hatte sich – mit Ausnahme des FC Bayern – weitgehend auf die englischen Big Four, Real, Barca, Juventus, den AC Mailand und Inter Mailand beschränkt.

In diesem Sommer gab es für die Elite bereits ein böses Erwachen. Real-Coach Carlo Ancelotti mag sich nach dem 100-Millionen-Euro-Deal für Gareth Bale wohl mit dem besten Madrider Team rühmen, das es jemals gab. Barcelona mag sich die Dienste von Neymar gesichert haben. Arsenal mag die vereinsinterne Rekordsumme von 50 Millionen Euro für Mesut Özil ausgegeben haben. Bayern mag mit Thiago Alcantara und Mario Götze zwei potenzielle Weltklassespieler hinzugeholt haben. Auch Juventus, Chelsea und Manchester City mögen alle ihren Kader verstärkt haben. Und doch wird die Dominanz dieser Aristokraten erneut eine erhebliche Schwächung erfahren.

HERAUSFORDERER DER CL-ELITE 2013/14
 BORUSSIA DORTMUND


Der Weg des BVB ins Finale 2013 war kein Zufall. Mit den Neuzugängen Mkhitaryan und Aubameyang nach dem Götze-Verlust, hat man den Status als "Schwergewicht" untermauert.

 PARIS SAINT-GERMAIN


PSG hat sich seit der Übernahme durch die QSI-Group 2011 stetig verbessert. Mit Spielern wie Cavani, Ibrahimovic und Thiago Silva sind sie in die europäische Elite vorgestoßen.

 ATLETICO MADRID


Die Primera Division mag einzig zwischen Real und Barca entschieden werden. In Pokalwettbewerben wollen es aber nur wenige mit Atletico zu tun bekommen, die mit David Villa, Diego Costa und Thibaut Courtois aufwarten.
 SSC NEAPEL


Neapel hat das Geld aus dem Cavani-Transfer sinnvoll reinvestiert und zudem mit Rafa Benitez einen Trainer, der weiß, wie man die Champions League gewinnt. Mit diesem Verein muss gerechnet werden.
Der Fußball auf höchstem Niveau hat seine Grenzen einmal mehr erweitert. Inzwischen gibt es fünf europäische Topligen, in sportlicher aber auch finanzieller Hinsicht. Das rein deutsche Champions-League-Finale im Mai war keine Ausnahme und die Bundesliga – autark und immun gegen jede weitere europäische Wirtschaftskrise – wird weiter wachsen. Bayern München ist Favorit auf den neuerlichen Gewinn der Königsklasse, während der Vorjahreszweite Borussia Dortmund sich verstärken konnte, trotz des Abgangs von Mario Götze zum großen Rivalen. Bis vor kurzem hatte man noch gedacht, der BVB müsste im Sommertransferfenster um seinen hochtalentierten Kader fürchten, wie einst Porto im Jahr 2004. Dortmund hat aber bewiesen, dass man inzwischen ein wichtiger Akteur in Europa ist. Das hat nicht zuletzt die Verpflichtung von Henrikh Mkhitaryan bewiesen, der auch von zahlreichen Premier-League-Klubs umworben war.

Paris Saint-Germain ist inoffiziell bereits 2011, nach der Übernahme der QSI-Group, in die Elite vorgestoßen. Der AS Monaco will es den Hauptstädtern mit dem russischen Milliardär Dmitry Rybolovlev im Rücken gleichtun und weitere Topstars in die Ligue Un lotsen. Das neureiche Duo gab insgesamt 277 Millionen Euro für Neuverpflichtungen in diesem Sommer aus, darunter mit Radamel Falcao und Edinson Cavani zwei absolute Weltklassestürmer – aber auch Marquinhos, James Rodriguez und Joao Moutinho traten den Weg nach Frankreich an. Es ist kaum zu vermeiden, dass einer dieser beiden Klubs in den kommenden fünf Jahren die Champions League gewinnen und nach dem Triumph von Olympique Marseille 1993 eine jahrelange Durststrecke der französischen Klubs beenden wird.

Mit Ausnahme der spanischen Primera Division, die von zwei Giganten beherrscht wird, ist der Fußball wieder wettbewerbsfähiger geworden. Der astronomische neue TV-Vertrag in England, der den Teams insgesamt 6,4 Milliarden Euro für die Übertragungsrechte in den nächsten drei Spielzeiten einbringt, sorgt dafür, dass die Premier League konkurrenzfähiger denn je wird. Noch nie zuvor waren Mannschaften wie Norwich City, Swansea City oder der FC Southampton in der Lage, Stars vom Kaliber eines Ricky van Wolfswinkel, Wilfried Bony oder Pablo Osvaldo zu verpflichten. Sechs Klubs werden um die vier Champions-League-Plätze kämpfen – Manchester United und der FC Arsenal, die über ein Jahrzehnt lang immer dabei waren, müssen zittern. Tottenham Hotspur musste Gareth Bale zwar abgeben, verstärkte sich aber mit Paulinho, Erik Lamela, Roberto Soldado, Etienne Capoue, Nacer Chadli und Christian Eriksen gekonnt.

BIG SPENDER | Top Ten nach Transferausgaben
 
  Brutto-Ausgaben Netto-Ausgaben
1 Real Madrid €181,5 Mio
€67 Mio
2 AS Monaco €166,2 Mio
€160 Mio
3 Tottenham Hotspur €121,9 Mio
(€5,1 Mio)
4 Manchester City €116 Mio
€104,3 Mio
5 Paris Saint-Germain €110,9 Mio
€82,4 Mio
6 SSC Neapel €87 Mio
€16,3 Mio
7 FC Chelsea €77,9 Mio
€67,7 Mio
8 FC Barcelona €70 Mio
€41,9 Mio
9 Dinamo Moskau €67,9 Mio
€48,9 Mio
10 Schachtjor Donezk
€67 Mio
(€0,5 Mio)

In der Serie A haben sich der SSC Neapel und der AC Florenz zu zwei in Europa gefürchteten Teams entwickelt - dank der Verpflichtungen einiger Topspieler, die es unter Umständen auch zu absoluten Spitzenteams hätte verschlagen können. Napoli hat in Italien in diesem Sommer das meiste Geld investiert: Gonzalo Higuain, Raul Albiol und Jose Callejon kamen von Real Madrid, Pepe Reina ist vom FC Liverpool ausgeliehen und nicht zu vergessen kam Dries Mertens vom PSV Eindhoven nach Kampanien. Die Fiorentina sicherte sich die Dienste von Torjäger Mario Gomez. Der AC und Inter Mailand haben sich dieses Mal eher in Zurückhaltung geübt. Die Nerazzurri werden sich deshalb kaum für die Champions League qualifizieren können und auch Milan muss sich strecken.

Die gewaltigen Trainerwechsel bei den Spitzenmannschaften werden sich zudem auf den kurzfristigen Erfolg dieser Klubs auswirken. In diesem Sommer ging Sir Alex Ferguson bei Manchester United in den Ruhestand, Jose Mourinho kehrte zum FC Chelsea zurück und auch City, Real, Erzrivale Barcelona, die Bayern, PSG und Inter stellten neue Trainer vor. Vor allem die Nachfolge Fergusons wird David Moyes im Old Trafford dazu bringen, neue Grenzen zu erreichen. Zudem sind Anlaufschwierigkeiten bei Pep Guardiola und seinen Kollegen nicht ausgeschlossen. Es ist also der perfekte Zeitpunkt für die Herausforderer, um zuzuschlagen.

Die Zeiten sind vorbei, in denen ein erfolgreiches Team ohne das ganz große Geld zusammengestellt werden kann, wie es bei Brian Clough der Fall war, der Nottingham Forest innerhalb von zwei Jahren aus der Second Division zum Europacup-Triumph führte. Wir werden wohl nie wieder rumänische und einstige jugoslawische Mannschaften die Wettbewerbe beherrschen sehen.

Doch die Verfolgergruppe feierte in diesem Sommer einen großen Erfolg. Mit mehr Topligen und mehr Topteams hat die Elite der Champions League, die dachte, den Wettbewerb für immer kontrollieren zu können, ihre Macht verloren.

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