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Mesut Özil - mehr Robinho als Zidane?

Böses Real, guter Özil? Die Kritiker zeigen mit dem Finger auf das Bernabeu, doch dort ist man nicht nur Henker. Es ist auch der Spieler, der gehen wollte - eine Gegenrede.

KOMMENTAR
Von Alberto Pineiro - Madrid-Korrespondent

Es war Anfang des Sommers, als man Mesut Özil die Büros des Santiago Bernabeu betreten sah, es war gerade Saisonende. Ziel war eine Vertragsverlängerung mit angehobenen Bezügen, die er damals nicht bekam. Und ganz plötzlich schellten die Alarmglocken. Vereinsnamen, von Italien bis England, lagen in der Luft, potenzielle Interessenten, die den '10er' angeblich verpflichten wollten, wurden aus Deutschland vermeldet. Es waren nur die ersten Erschütterungen, die ein noch viel größeres, späteres Erdbeben ankündigten: Mesut Özil hat Real Madrid verlassen. Sein Ziel: Arsenal. Eine Bombe, die kurz vor Transferschluss hochging. Und eine traurige Nachricht für Real Madrid.

Die 'Blancos' lassen einen der derzeit besten und vielversprechendsten Fußballer ziehen. Für 18 Millionen Euro wurde er 2010 verpflichtet, als er dem großen Publikum noch kein Begriff war und in den vergangenen drei Jahren hat er mit überragenden Leistungen gezeigt, dass er eine Mannschaft vom Kaliber Real Madrids führen kann. Dabei hat er seinen Marktwert fast verdreifacht - auch wenn seinen Leistungen und Darbietungen auf dem Platz mitunter etwas Unberechenbares anhing. Er verfügt über ein Talent, das sich nur schwer in bloßen Zahlen greifen lässt: Zu seiner einzigartigen Technik, seiner beneidenswerten Übersicht kommt noch die angeborene Fähigkeit, Lücken zu reißen, wo sie noch keiner sieht. Zuletzt hat sich nicht nur seine Physis verbessert, sondern auch seine Konstanz und der Abschluss vor dem Tor.

Ein Genie am Ball, wie es gegenwärtig nur wenige gibt. Ohne Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo würde er fraglos zu den heißesten Kandidaten auf den Ballon D'Or zählen. Das Niveau dazu hat er. Ein Magier vielmehr als ein Taschentrickser. Einer, der nicht unbedingt hätte gehen müssen!

Schade nur für Real Madrid, dass der Kopf Özils am Ende anscheinend über das Herz gesiegt hat. Wenn jemand mit diesem Wechsel den Kürzeren zieht, ist er es selbst: Er war in einem der größten Vereine der Welt, in einem der besten Teams, die dieser Planet gegenwärtig zu bieten hat, war drei Jahre lang Stammspieler, mit einem Publikum, das ihm wirklich zu Füßen lag (man bedenke, dass ihm die Rückenummer 10 fast schon auf Druck der Öffentlichkeit hin verliehen wurde) - und er geht jetzt zu Arsenal. Einem Team, das die Spitze der Premier League fast nur noch aus der Ferne kennt, von Europa ganz zu schweigen. Seit nahezu acht Jahren sind die 'Gunners' titellos, und es macht nicht den Anschein, dass sich das bald ändern könnte. Ein Verein, der aus reinem Handlungszwang, schon etliche Spieler auf dem Zettel hatte, bevor er sich an Özil wandte. Unmöglich, bei diesem Wechsel nicht sowas wie Enttäuschung zu verspüren.

Natürlich, ein schöner Transfer- und Gehaltsrekord. Wenn man einen veritablen Grund sucht, warum der Deutsche das Bernabeu gegen das Emirates eintauschen sollte - das ist einer. Allerdings werden das nur wenige so sehen.

Real und vor allem seinem Anhang bleibt die Trauer, dass man sich an seinem Talent nicht weiter erfreuen kann. Auch wenn viele Kritiker - vor allem aus Deutschland - nun mit dem Finger auf das Bernabeu zeigen, ist man dort nicht nur Henker, sondern ebenso Opfer. Denn in diesem Fall ist es auch der Spieler, der gehen will, weil sein Vertrag nicht nach seinen Vorstellungen verlängert wurde. Der Eindruck, dass Real die Türen öffnete, um ihn loszuwerden, greift zu kurz.

Die Gründe, warum er sich so entschied, sind nicht nur in der Ankunft von Gareth Bale zu suchen. Schürft man weiter - und bei Spielern dieses Niveaus muss das bedacht werden - spielen ökonomische und vertragliche Gründe eine gewichtige Rolle. Wenn es nicht diesen Sommer geschehen wäre, dann vielleicht im nächsten oder in einigen Monaten. In den letzten drei Jahren hat Özil seinen Berater gewechselt, seine Sponsoren und bei Real mehr als einmal wegen einer Vertragsverlängerung angeklopft. Das Erdbeben, auch wenn es scheinbar überraschend kam, hatte sich angekündigt.

Die Mannschaft ist breit genug aufgestellt, um seinen Weggang zu verkraften. Aber es bleibt die schmerzhafte Frage, was dieser fantastische Zehner bei Real nicht alles hätte erreichen können. Özil muss sich nun weiterentwickeln, ohne wohl je wieder denselben Konkurrenz-Druck um einen Stammplatz zu verspüren. Und ohne Ronaldo, Benzema, Xabi, Di Maria, Modric, Isco oder Khedira an seiner Seite. Das könnte schwer werden. Ob er das bedacht hat? Nur die Zeit kann zeigen, ob Özil auf diesem Weg je ein Zidane wird - oder nur ein Robinho bleibt.

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