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Kurz vor dem Saisonstart der Bayern blickt Goal noch einmal zurück und schaut sich die ersten Wochen und Veränderungen von Star-Trainer Pep Guardiola an.

KOMMENTAR/ANALYSE
Von Philipp Nagel

Der 24. Juni 2013: Der FC Bayern erlebt seine persönliche Mondlandung. Pep Guardiola, der begehrteste Trainer der Welt, wird in der Allianz-Arena offiziell vorgestellt. Die Weltpresse ist sofort angetan vom smarten Spanier. Es ist ein bescheidener Auftritt und keine große Show mit Knalleffekten oder markigen Sprüchen. Guardiola präsentiert sich sympathisch mit einem Hang zum Understatement. Seine - trotz Spickzettel - beachtlichen Deutschkenntnisse spielt er herunter. Ob Guardiola allerdings auch alles genauso meinte, wie er es sagte, darf mittlerweile bezweifelt werden.

Sätze wie: "Ich muss mich 100 Prozent an die Spieler anpassen", "Der Fußball – auch der Trainer, gehorcht den Spielern", "Ich muss mich an die hohe Qualität der Spieler anpassen", "Die Spieler in Barcelona sind anders als die Spieler in Bayern" oder "das System ist egal" regen heute, mehr als einen Monat später, zum Nachdenken an.

Der Umgang mit dem Triple-Erbe

Damals hatte man den Eindruck, Guardiola wolle das Heynckes-Erbe lediglich fortführen, verfeinern, ja maximal ausschmücken. Der Star-Trainer erwähnte, es sei arrogant zu sagen, dass eine neue Ära eingeleitet wird. Er lobte Heynckes sogar ausdrücklich!

Ob ernst gemeint, fehlerhaft vorgetragen, falsch interpretiert oder schlicht bewusst gelogen, sei dahingestellt. Fakt ist: Guardiola muss den FC Bayern umkrempeln, denn nichts anderes als der Beginn einer neuen Zeitrechnung bei den Münchnern wird von ihm erwartet. Die Frage lautet nur: Wie viel Barcelona verträgt der FC Bayern?

'Més que un Club' (Mehr als ein Verein) gegen 'Mia san Mia'. Nicht nur bloß zwei Leitsätze – es ist die DNA der jeweiligen Teams. Ein Alleinstellungsmerkmal, Identifikation für unzählige Fans.

Guardiolas größte Revolution ist bis jetzt das veränderte Spielsystem. Das so erfolgreiche und perfekt eingespielte 4-2-3-1 aus der Triple-Saison hat er abgeschafft. Wie in Barcelona lässt er nur mit einem Abräumer vor der Abwehr spielen – auch andere Systeme werden einstudiert, damit der FC Bayern schwieriger auszurechnen ist.

Doch nicht nur das neue System erinnert an den großen FC Barcelona. Auch das Training erinnert stark an die Übungseinheiten unter Guardiola beim FC Barcelona. Reines Konditionstraining gibt es nicht mehr, am liebsten würde er auch die Fans komplett verbannen, so wie in Barcelona. Doch da dies in München nicht geht, wurden zumindest blickdichte Planen fürs Geheimtraining aufgehängt.



Weitere Veränderungen:

- Ernährung: Guardiola kontrolliert, was es für seine Stars zu essen gibt. Genauso handhabte er es auch in Barcelona.

- Spielvorbereitung: Bei Barcelona schliefen die Stars vor Heimspielen zu Hause. Die Bayern handhaben es ab dieser Saison bei Abendspielen genauso. Ein Experiment, welches übrigens bereits unter Jürgen Klinsmann praktiziert und dann von Jupp Heynckes direkt wieder kassiert wurde.

- Zusammenarbeit: Mit die größte Gemeinsamkeit zu Peps Zeit beim FC Barcelona ist neben dem Spielsystem aber der Trainerstab. Mitarbeiter der Bayern-Geschäftsstelle an der Säbener Straße schmunzeln schon, weil sie sich ab und wann wie im Spanien-Urlaub fühlen – dies ist aber durchaus positiv gemeint.

- Team um Pep: Guardiola hat ein Team von Gefolgsleuten um sich gescharrt. Angefangen von Co-Trainer Domenec Torrent, den er bereits 2007 zu sich holte, als er noch Barcelonas Amateure trainierte. Torrent gilt als Taktik-Guru, gemeinsam mit ihm tüftelte Guardiola Barcelonas perfekt funktionierendes  Spielsystem aus. Das heute weltberühmte Tiki-Taka war geboren. Torrent ist darüber hinaus ein enger Vertrauter Guardiolas. Auch Carles Planchart arbeitet schon lang mit Guardiola zusammen. Er ist der Video-Analyst in Guardiolas Team. Ein Import aus Barcelona ist außerdem Fitnesstrainer Lorenzo Buenaventura. Pep schwört seit 2008 auf seine Kompetenz.

Seine wichtigste Bezugsperson ist und bleibt aber Menel Estiarte. Der ehemalige spanische Wasserball-Nationalspieler ist ein Freund der Familie Guardiola. Sogar Urlaube werden gemeinsam verbracht. Der 51-jährige gilt als das Sprachrohr Guardiolas  – offiziell wird er als Managementberater geführt. Dieselbe Position, die er auch bei den Katalanen innehatte.

Vergessen darf man auch nicht Peps Bruder Pere. Der ist zwar kein Angestellter beim FC Bayern, spielt aber als Berater von Pep und Thiago Alcantara keine unwesentliche Rolle im Leben des neuen Bayern-Trainers.

Unter dem Strich ist also ziemlich viel Barcelona beim FC Bayern. Zu viel?



Alles schon mal da gewesen?

Ist Pep also gar kein Revoluzzer, keiner, der das Spiel mit dem Ball jedes Mal neu erfindet, sondern jemand, der gerne auf bewährte Dinge setzt? Copy and paste zum Erfolg?!

Rückblick: Bei seinem Amtsantritt bei Barca als Cheftrainer im Jahr 2008 gab es ebenfalls einige Veränderungen. Guardiola teilte gestandenen Spielern wie Ronaldinho und Deco mit, dass er nicht mehr mit ihnen plane. 2009 scheute er sich dann auch nicht, sich mit großen Stars wie Ibrahimovic anzulegen. Der Schwede war trotz seiner Tore nicht gesetzt. Begründung: seine Spielweise.

Das System stand für Guardiola also schon damals über allem. Er brachte Spieler wie Busquets oder eben auch Thiago hervor und holte Pique von Manchester United zurück, um dann auch in Barcelona das System umzustellen und zwar auf 4-1-4-1. Der FC Bayern lässt grüßen. Sein Glück, aber natürlich auch sein Verdienst: Guardiola hatte sofort Erfolg. Er holte gleich das Triple und ritt die Erfolgswelle bis zum Ende seiner Barca-Ära weiter.

Der Mythos Guardiola war geboren.

Bescheidenheit

Erst vor dem Bundesliga-Start erklärte der Spanier auf der Gladbach-Abschluss-Pressekonferenz, dass er sich nicht für den besten Trainer der Welt halte. Da war er wieder, der bescheidene Pep. Trotzdem weiß er, was sie von ihm in München fordern. Erfolge und Titel – wenn man gewollt hätte, dass alles so weiter geht wie bisher, hätte man ihn nicht holen brauchen.

"Aber warum?", fragt sich jetzt vielleicht der ein oder andere. Die Bayern sind doch aktuell schon das beste Team Europas. Stimmt! Aktuell! Pep Guardiola wurde geholt, um aus den Bayern dauerhaft das beste Team zu formen und dafür mussten neue Reize her. Doch jede neue Entwicklung hat auch ihren Preis. Es verändert den Verein nachhaltig. Der FC Bayern kennt das nur zu gut. Nach dem missglückten Klinsmann-Experiment brauchte der Verein lange, um sich davon vollständig zu erholen.

Es wird also spannend sein, zu beobachten, wie Guardiola die Balance aus notwendigen Neuerungen und dem Erhalt der bayerischen Grundstrukturen hinbekommt. Bis jetzt erinnert vieles an Barcelona – aber das allein wird nicht reichen.

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