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Bis 11 Uhr wird eine Entscheidung im Poker um Oliver Kreuzer fallen

Sportchefsuche beim HSV: Ein Lehrbeispiel, wie man es nicht machen sollte

Bis 11 Uhr wird eine Entscheidung im Poker um Oliver Kreuzer fallen

Bongarts

Bis heute 11 Uhr hat der Karlsruher SC Zeit, das Angebot für Oliver Kreuzer anzunehmen. Unabhängig davon, ob sie es letztlich tun – der HSV hat sich erneut ungeschickt angestellt.

KOMMENTAR
Von Daniel Jovanov

Hamburg. Es muss einen äußerst triftigen Grund geben, wenn man sich mitten in der Planung der neuen Saison von seinem Sportchef trennt. Dieser hatte mit aller Macht versucht, den Gegenwind aus dem eigenen Lager in eine positive Richtung zu lenken. Doch man hat Frank Arnesen einfach nicht verzeihen können, dass er ohne Geld keine Mannschaft aufstellen konnte, die in kürzester Zeit wieder international spielen kann, dass er es nicht geschafft hat, den Jugendbereich innerhalb von zwei Jahren – ebenfalls ohne Geld – auf Vordermann zu bringen, dass er sich gegen das "kalkulierte Risiko" im vergangenen Sommer ausgesprochen und sich zu allem Überfluss auch noch mit Vereinsikone Uwe Seeler angelegt hat.

"Hintergrund für die Entscheidung sind neben finanziellen Überlegungen auch unterschiedliche Auffassungen über die langfristige sportliche Ausrichtung des Vereins", nennt der Aufsichtsrat als Grund für die Trennung. Wenn man bedenkt, dass dieses Gremium ausschließlich aus Personen besteht, die im Profifußball überhaupt keine Expertise nachweisen können, erscheint der Gedanke, dass ein Mann wie Frank Arnesen mit ihnen an einem Tisch über Fußball debattieren muss, irgendwie absurd. Welche "finanziellen Überlegungen" bei dieser Entlassung eine Rolle gespielt haben – der Verein muss ungefähr zwei Millionen Euro als Abfindung bezahlen – bleibt zunächst ein Mysterium.

Doch die Gegenwart lehrt, dass beim HSV nichts verborgen bleibt. An Indiskretionen hat man sich ohnehin bereits gewöhnt und es gehört mittlerweile dazu, dass Abstimmungsergebnisse noch am selben Tag in den Medien nachzulesen sind. Der erste Kandidat auf die Nachfolge Arnesens, Andreas Rettig, hat sich davon indes abschrecken lassen, ähnlich wie einst Matthias Sammer. Die Krone hat sich der Aufsichtsrat letztlich mit dem "Sportchef-Casting" in einem Hotel am Flughafen aufgesetzt, als man Oliver Kreuzer und Jörg Schmadtke nacheinander zum Gespräch bat. Natürlich wusste der Boulevard, wo dieses "Casting" stattfinden sollte.

Nicht nur, dass eine solche Vorgehensweise einem möglichen Kandidaten auf den wichtigsten Posten im Verein nicht würdig erscheint – man konnte darüber hinaus quasi im Stile eines Livetickers mitverfolgen, wer von beiden nun das Rennen gemacht hat. Ebenso wenig Stil hat es allerdings auch, wenn einer der potenziellen Kandidaten in der Presse klarstellt, wer wem eigentlich zuerst abgesagt hat. Mit Oliver Kreuzer scheint man jedoch zum Glück aller den Mann gefunden zu haben, der die Lösung aller Probleme darstellen kann. Ob er es tatsächlich wird, klärt sich im Laufe des Tages.

Denn der HSV hat mit seinem Angebot nicht unbedingt für Begeisterung gesorgt. "Herr Ertel sagte mir, dass es nicht zur Unternehmensphilosophie des HSV gehöre, für Oliver Kreuzer eine Ablöse zu zahlen, der - wohlgemerkt - bei uns einen gültigen Arbeitsvertrag hat. Das grenzt schon sehr an Hochmut und kommt bei uns nicht sehr gut an", sagte KSC-Präsident Ingo Wellenreuther, womit er den Aufsichtsrat der Lächerlichkeit preisgibt. Der HSV ließ sich in den Verhandlungen an der Nase herumführen und kommt nun nicht mehr drumherum, den Forderungen der Badener nachzugeben. Andernfalls scheitert auch dieser Versuch.

Bei aller Kritik muss aber auch eines gesagt sein: Es ist jede Menge Polemik im Spiel, wenn über den HSV geschrieben wird. Der Aufsichtsrat hat sich wahrlich in keine einfache Situation begeben. Ohnehin weiß in Hamburg jeder am besten, was seit Jahren schief läuft. Viel unverständlicher erscheint jedoch die immer gleiche Reaktion darauf. Statt die Ursache allen Übels aus der Welt zu schaffen, stößt man sich erneut nur an den Symptomen die Hörner ab. Wenn der Aufsichtsrat als Ursache für die Verfehlungen der letzten Jahre ausgemacht wurde, ist es doch ein Leichtes, dieses Problem zu beheben. Es erfordert lediglich Geschlossenheit und den Mut, um aus der Gefangenschaft der eigenen Strukturen auszubrechen.

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