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Das 4:4 war ein historisches Ergebnis, doch die Einstellung kommt einem bekannt vor. Kann die DFB-Elf diese verhängnisvolle Mentalität jemals ablegen?

Ein Kommentar
von Fabio Porta

Was haben wir uns alle an dem feinen Zusammenspiel von Reus, Özil und Co. erfreut, vor allem im ersten Durchgang. Ein Boateng wirbelt in der Offensive, Klose trifft doppelt, herrlich. Deutschland geht mit 4:0 in Führung, und dann? Dann passiert das Unglaubliche, die gewohnten Verhaltensmuster waren klar zu erkennen. Wenn es mal nicht rund läuft, findet keiner den Hebel, um den freien Fall zu stoppen.

Da war zunächst in der ersten Hälfte Dominanz pur, im Angriff Kombinationen als Augenweide. Schweden war immer einen Schritt zu spät und agierte behäbig. Boateng hatte die gesamte rechte Seite für sich - die Gäste hätten gut und gerne durch Stangen ersetzt werden können. An der Offensive liegt es beim DFB-Team sicher nicht, das hat sich gestern wieder einmal gezeigt. Die Abwehr wurde hingegen kaum gefordert, bis zum ersten Tor.

Schweden-Trainer Erik Hamren leistete jedoch in der Halbzeitpause echte Überzeugungsarbeit, wechselte zwei Spieler aus und stellte seine Elf viel höher auf. Prompt bekam Deutschland Probleme, von der Abwehr aus konnte man nicht mehr elegant das Spiel aufbauen. Die Kugel wurde fortan völlig planlos nach vorne geschossen. Wie gegen Österreich tat sich die DFB-Elf extrem schwer, sich unter Druck zu befreien. Das ist eine Erkenntnis, die nicht erst seit gestern bekannt ist. Ähnlich war es gegen Italien, als man plötzlich keine Mittel mehr fand, dagegenzuhalten.

Was passiert dann? Die Spieler lassen sich hängen und ergeben sich ihrem Schicksal, indem sie sogar eine 4:0-Führung aus der Hand geben. Kein Lahm, kein Schweinsteiger, kein Neuer setzte ein Zeichen, die letzten 20 Minuten ernst anzugehen und den Sieg nach Hause zu bringen. Jeder war auf sich alleine gestellt - und verloren. Deutschland wirkte nicht wie eine Mannschaft, Deutschland wirkte wie elf unsichere, kleine Kinder, die nicht wissen, was gerade passiert, und die die Schweden nicht aufhalten können. Dieselbe Mannschaft, die im ersten Durchgang vor Angst erstarrte, sorgte jetzt für Schrecken in der deutschen Defensive.



Holger Badstuber und Per Mertesacker zeigten hier einmal mehr, dass sie bestenfalls nur zum Durchschnitt gehören. Boateng vergaß bei seinem ganzen Offensivdrang, den eigentlichen Aufgaben eines Abwehrspielers nachzugehen. Die Defensive offenbarte Stellungsfehler, Zweikampfschwäche und völlige Unsicherheit. So einfach bekommt man eben Gegentore. Gegen Österreich gewann man noch dank des Unvermögens von Arnautovic, aber es kann nicht immer rund laufen. Und genau dann muss man den Hebel umlegen und Zeichen setzen, doch diese Fähigkeit ist Deutschland abhanden gekommen.

Manuel Neuer reihte sich nahtlos ein. Von Gianluigi Buffon und Iker Casillas gehuldigt, doch bei dieser Leistung ist ein Vergleich mit den Torwart-Legenden eine Beleidigung. Bei einem Gegentreffer sah er mehr als unglücklich aus, dazu rutschte ihm noch die Kugel aus den Händen. Auch er konnte nur zusehen und ließ alle vier Torschüsse auf seinen Kasten durch. Selbst wenn man 4:0 führt und kaum etwas halten muss, als Weltklasse-Keeper darf so etwas nicht passieren. Der Torhüter befindet sich noch lange nicht auf dem hohen Niveau, auf dem ihn viele sehen.

Ein solches Spiel wird es mit Sicherheit nicht mehr geben, jedoch wurden die Probleme eiskalt aufgezeigt. Die Abwehr ist die Achillesferse, dazu muss die viel diskutierte Mentalität hinterfragt werden. Sobald sich eine Mannschaft traut, Deutschland die Stirn zu bieten, ist das hochgelobte DFB-Team eben nicht unbesiegbar, im Gegenteil. Die ständigen Lobeshymnen auf die tolle Nationalmannschaft, die voller Potenzial steckt und mit Spanien auf einer Stufe stehen soll, werden von den Spielern angenommen und umgesetzt, im negativen Sinn.

Nach derartigen Rückschlägen sind die Reaktionen auch immer gleich. Deutschland wird in Schutz genommen, wie ein Kind, das die Wahrheit nicht verträgt. 60 Minuten klasse gespielt, die Jungs können nichts dafür. Wenn Deutschland wirklich um Titel mitspielen will, wird es Zeit, die Eierschalen zu entfernen, auch bei Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger. Der Kapitän spricht von einer Hierarchie auf Augenhöhe, allerdings senken auch alle gleichzeitig den Kopf.

Zum Schluss noch ein altes Zitat von Gary Lineker, das er jetzt via Twitter korrigiert hat: „Fußball ist ein Spiel von 22 Leuten, die 90 Minuten lang rumlaufen, und am Ende verspielt Deutschland ein 4:0.“

EURE MEINUNG: Was ist mit Deutschland passiert?
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