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Bundesligaprofi, schwul – und das ist gut so!

Fünf Prozent aller deutschen Männer sind schwul. Bei rund 1.500 Profis in den drei Profiligen würde das heißen, 75 Profis sind schwul – und sie müssen sich immer noch verstecken!

Ein Kommentar
von Christian Ehrhardt

Das Interview, welches Adrian Bechtold für den fluter, das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, mit einem homosexuellen Bundesligaprofi geführt hat, ist das beste Interview, welches ich seit Jahren gelesen habe. Und damit meine ich nicht die Interviews, die sich mit dem Thema Schwulsein unter Bundesligaprofis befassen, sondern ich meine damit alle Interviews aus dem Fußballsektor.

Beim Lesen des Interviews habe ich mehrfach ungläubig auf den Kalender schauen müssen, denn die Kernfrage muss lauten: „Wieso müssen sich homosexuelle Profis im Jahr 2012 – und es geht schnellen Schrittes auf 2013 zu – verstecken?“ Ja, nicht die Existenz der homosexuellen Fußballprofis ist ein Skandal, sondern das ist Normalität. Viel eher ist es skandalös, dass diese Menschen – ja, auch Homosexuelle sind Menschen – nicht zu sich selbst stehen können. Und wir, also die Fußballfans, tragen daran eine gewaltige Mitschuld, die wir uns mal klarmachen müssen.

Wie oft wurde hier bei uns in den Kommentarbereichen Cristiano Ronaldo als „Gaynalodo“ bezeichnet, nur um ihn herabzuwürdigen? Sein angeblich „schwules Auftreten“ wurde als Malus betrachtet und gay (also schwul) als negative Konnotation verwendet. Wieso? Selbst wenn er schwul wäre, was ändert das an seinem Talent? Würden seine Tore weniger schön, schösse er sie als Schwuler? Nein, natürlich nicht.

Erinnern wir uns zurück. Vor knapp drei Jahren nahm sich Robert Enke das Leben. Das tat er, weil er unter Depressionen litt. Ein Aufschrei ging durch die Liga und die Fanwelt. Er hätte sich doch offenbaren können. Ja? Hätte er? Hätte er wirklich? Wie hätte er das tun sollen? So, wie sich die schwulen Profis outen können? Nein, hätte er eben nicht, ebenso wenig wie sich die mutmaßlich 75 Schwulen in der ersten, zweiten und dritten Liga leider nicht outen können, sondern gezwungen sind, ein Scheinleben zu führen. Durch uns, durch die Gesellschaft.

Dieses fantastische Interview hat mich tatsächlich dazu gebracht, mich zu schämen. Ja, ich schäme mich. Nein, nicht weil ich Vorurteile gegenüber Homosexuellen habe und mich ertappt sehe, denn ich habe noch nie Vorurteile gegenüber Schwulen gehabt. Sondern weil ich nicht in der Lage bin, mit dafür zu sorgen, dass diese Menschen offen so leben können, wie ich es kann. Sie müssen sich verstecken, ihre Vita faken, Lebensgefährtinnen erfinden, mit einer „besten Freundin“ zu offiziellen Klubanlässen gehen und dürfen mit ihrem eigentlichen Partner kein normales Leben leben, wie ich es jeden Tag kann und darf. Ja, ich versetze mich auch in die Partner der schwulen Profis hinein, die mit einem Menschen zusammen sind, den sie zwar aufrichtig lieben, aber mit dem sie nie wirklich gesehen werden dürfen. Was geht in diesen Menschen vor, die da vor der Öffentlichkeit versteckt werden, die somit keine Normalität leben können? Ich frage mich, wie würde ich reagieren? Was ginge in mir vor? Und ja, ich wäre sauer. Mächtig sauer. Ich würde mich fühlen wie ein Mensch zweiter Klasse. Können wir, die echten Fußballfans, das wirklich weiter zulassen?

Es sind schöne Worte, welche die Offiziellen des deutschen Fußballs sprechen. Es gibt keine Probleme mit Homosexualität. Nein, natürlich gibt es die nicht – solange man nicht schwul ist. Denn es gibt ja auch keine Probleme mit Rassismus – solange man nur die richtige Hautfarbe hat, der richtigen Religion angehört und den richtigen Herkunftsnachweis hat. Man salbadert davon, man würde einen schwulen Profi, der sich outet, zu schützen wissen. Ja? So wie Pezzoni in Köln? Wie Pogatetz in Hannover? Wie Pote in Dresden? Wie Bauer in Magdeburg? Na dann können sich ja alle schwulen Profis auf einen Schlag lustig outen - nicht wahr, werter DFB.

Nein, auf die Offiziellen kann man dabei nicht zählen. Wir, die Fans, sind dafür verantwortlich, dass sich die schwulen Profis verstecken müssen. Wir sind es, die es nicht schaffen, den Narren, den Deppen, den Idioten, den Rassisten und den Homophoben in unseren Fanreihen den fälligen roten Karton zu zeigen, damit schwule Profis ein normales Leben auf sowie neben dem Platz führen können. Wir sind dafür verantwortlich, dass sich der Profi, der mit Adrian Bechtold sprach, verstecken muss, wie ein polizeilich gesuchter Krimineller. Und wieso? Weil er nach der Meinung einiger weniger Idioten den „falschen Menschen liebt“! Ja wo leben wir denn? Wir tragen eine Mitverantwortung dafür, sollte jemals ein schwuler Profi verzweifelt einen ähnlich tragischen Weg einschlagen wie Robert Enke. Und nochmals: Ja, dafür schäme ich mich in Grund und Boden.

Es ist höchste Eisenbahn, dass wir als Fans dem entgegenwirken. Damit dieser Profi, der den Mut hatte, aktuell noch anonym ein Interview zu geben, bald vor die TV-Kameras treten kann und zu sich selbst stehen darf. Damit er sich nicht weiter selbst verleugnen muss. Damit er seinen Partner nicht verleugnen muss. Damit er kein Fake-Leben führen muss, sondern offen glücklich sein darf. So wie du und ich.

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EURE MEINUNG: Wie können wir, die Fans, dafür sorgen, dass der Interviewte ein normales Leben kann?
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