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Wer singen kann, wird Welt- und Europameister – der Schlichtgemüter

Es wurde viel diskutiert über Eventnationalismus, Eventpatriotismus und Co. Es sollte nach der EM 2012 Zeit sein, mit diesem Unfug aufzuräumen, wie Löw und Khedira es schon taten.

Ein Kommentar
Von Christian Ehrhardt


Die EM 2012 ist vorbei. Jedenfalls für Deutschland und die deutsche Nationalmannschaft. Das Team von Joachim Löw hat einen Weltrekord aufgestellt – 15 Pflichtspiele, die man in Serie gewinnen konnte. Das Team von Löw hat mit Portugal in der Gruppenphase einen weiteren Halbfinalisten der EM geschlagen, in deren Mannschaft kein geringerer Star als Cristiano Ronaldo kickt. Das Team von Löw – ja, ich wiederhole es absichtlich gegen jede stilistische Regel – hat mit Holland den amtierenden Vizeweltmeister besiegt. Unbequeme Dänen wurden geschlagen und auch gegen taktisch fantastisch stehende Griechen, die ihre Qualifikationsgruppe gewonnen hatten, wurde eindrucksvoll gewonnen. Gescheitert ist man letztlich an Italien, dem Angstgegner vieler deutscher Nationalmannschaften. Und noch heute müssen sich der Bundestrainer und seine Spieler damit auseinandersetzen, ob sie die Hymne singen sollen oder doch nicht – wäre es nicht so traurig, man könnte darüber lachen.

Pressekonferenz vor dem Testspiel gegen Argentinien

So sagt Sami Khedira in der Pressekonferenz: „Nach dem verlorenen Halbfinale waren wir selbst enttäuscht und mussten uns diese sportliche Kritik gefallen lassen. Aber danach wurden auch Dinge geschrieben, die sehr persönlich waren und nichts mit dem Sport zu tun hatten. Teilweise war das auch beleidigend, aber damit müssen wir zurechtkommen. Ein Thema, das etwas künstlich aufgebauscht wurde, da wurden Gründe gesucht, warum wir unsere Leistung nicht abgerufen hätten. Da war das kein Thema. Zu sagen, wir wären keine guten Deutschen, ist nicht fair. Unser Ziel war es, die EM zu gewinnen, da haben wir alles drangesetzt. Das darauf zu reduzieren, dass wir die Hymne nicht singen, ist nicht richtig.“

Auch Löw findet klare Worte

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, spricht auch Löw über den Hymnen-Unsinn: „Es ist fatal, dass man ihnen unterschwellig den Vorwurf macht, sie seien keine guten Deutschen. Die Hymne zu singen, ist schön. Das ist aber noch lange kein Beleg für die Qualität einer Mannschaft und schon gar kein Beweis für die Unlust zu kämpfen. Unsere Spieler mit Migrationshintergrund haben für die Integration enorm viel getan. Sie identifizieren sich mit unserem Trikot, mit der Nationalmannschaft und mit Deutschland. Das haben Özil, Khedira und auch andere häufig genug bewiesen.“

Was macht Löw und Khedira so wütend? - Nach der EM ist vor der WM

Wir erinnern uns an den 28. Juni 2012, das Aus bei der Euro 2012. Nur wenige Sekunden nach dem Abpfiff, der das Ausscheiden Deutschlands besiegelte, geht sie los, die landesweite Hobbyanalyse. Doch anstatt das Spiel auf dem Platz zu analysieren, werden Spieler nach ihrer Herkunft, ihren ethnischen Wurzeln, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer Art, sich vor dem Spiel zu konzentrieren, kritisiert. Das ist peinlich, das ist widerlich und das wird von einer Art „Fans“ durchgeführt, die Events wie eine EM oder WM immer wieder ans Tageslicht spült. Liegen die politischen Stimmen vielleicht doch richtig, die vor dieser Art des Eventnationalismus und -patriotismus warnen, weil sich, getarnt sowie unentdeckt, fragwürdige Gestalten unter die feierfreudigen Fans mischen?

Wer singt, gewinnt? – Dann spielt doch mit den Fischer-Chören!

Es entbehrt jeden Fußballsachverstandes zu behaupten, nur weil Cassano die Hymne brüllt und nicht nur singt, wäre seine Mannschaftsidentifikation höher als die von Khedira, der nicht singt. Buffon, der die italienische Hymne mit geschlossenen Augen singt, hat dadurch auch keinen größeren Siegeswillen als Klose, Podolski, Özil, Boateng oder Gomez, welche sich das Absingen der Hymne schenken. Wäre es nämlich so einfach, dieser nationalistisch hingeplärrten Dumpfheit zu folgen, müsste man mit den Regensburger Domspatzen eigentlich jedes Turnier gewinnen - was natürlich völliger Blödsinn ist.



Fußball ist ein Sport, bei dem individuelle Fehler die ganze Mannschaft bestrafen

Im Fußball – und das ist bekannt, wenn man einmal selbst vor den Ball getreten hat – kann jeder Fehler eines Einzelnen für das Team am Ende tödlich sein. Und es gibt Tage, da machen Spieler einfach Fehler. Das ist menschlich. Das hat aber nicht das Geringste damit zu tun, ob ein Spieler sich mit dem Land, für welches er spielt, identifiziert, ob er die Hymne singt und ob er biodeutsche Eltern hat. Mats Hummels und Holger Badstuber sind „German by nature“. Beide singen aus voller Brust die Hymne? Und? Cassano hat Hummels vernascht, geflankt und in der Mitte enteilt Balotelli – der Inbegriff eines Italieners? – Badstuber, um die Kugel zu versenken.

Oder das 0:2 – Montolivo, Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters, spielt einen Traumpass auf Balotelli, den Balotelli mit ghanaischen Wurzeln, der das Leder mit 120 km/h in den Winkel hämmert, weil Lahm - wie Hummels und Badstuber „Deutsche by nature“ - nicht nur das Abseits aufhebt, sondern auch zu klein für den Sonntagspass vom halbdeutschen Montolivo ist. Drei individuelle Fehler, drei deutsche Spieler und zwei Tore - von einem Italiener mit ghanaischen Wurzeln. Wo bleibt da die graue Theorie? Wo bleibt die Hymnensingerei? Wo bleiben angesichts der nackten Fakten der Eventnationalismus und die ekelhaften „Rassen“theorien? Richtig, auf dem Komposthaufen des Fußballs, denn da gehören sie hin.



Fußball soll ein Fest sein und kein Platz für Rassisten und Hobby-Nationalisten

Es ist ein Trauerspiel, dass Events wie die EM oder die WM auch immer wieder von Personenkreisen zweckentfremdet werden, denen das Fußballspiel als solches nur dazu dient, ihre ethnischen Vorbehalte zu befriedigen. Da wird unter dem Deckmantel der Fußballbegeisterung das gepflegt, was man sich in den Jahren zwischen den Events nicht traut zu zeigen. Da wird dann mangelnder Fußballsachverstand mit nationalistischem Gebrüll kompensiert. Fehlen Özil die Anspielstationen – die er noch gegen Griechenland hatte – kann er noch so viel die Hymne singen, nur wird das Spiel von der Grundanlage dadurch nicht besser. Macht der Gegner in der Mitte alles dicht, könnten Khediras Eltern und er selbst auch Meier, Müller oder Schmitz heißen, nur wird er dann nicht zum Abschluss kommen. Läuft Podolski seiner Form hinterher – ohne sie einzufangen – sind seine Wurzeln dabei unerheblich. Und wenn Boateng sein Spiel nicht entfalten kann, ist das keine Frage der Identifikation mit seinem Heimatland, sondern dem Gegner und seiner Taktik geschuldet.

Zur WM den Nationalisten die Rote Karte zeigen

Nach der EM ist vor der WM-Qualifikation und vor der WM. Darum wäre mein Wunsch an die kommenden Spiele, dass man den Rassisten die Rote Karte zeigt. Die Mehrheit der Spieler des deutschen Teams ist jung. Jung und lernfähig. Die Fehler, die noch im Italienspiel das Zünglein an der Waage waren, werden ihnen wahrscheinlich auf Fußballer-Lebenszeit nie wieder passieren. Doch die Krakeeler, die ihre Xenophobie und ihren Fremdenhass im Fahrwasser dieser Events pflegen, die sind und bleiben unbelehrbar. Sollen sie doch die Hymne absingen, wenn ihnen das Singen eine tiefere Befriedigung verschafft. Nur mögen sie uns, die Fans der deutschen Mannschaft, doch bitte mit ihrem vor Hass triefenden Geschrei verschonen. Fußball – ja. Feiern – ja. Fahnenmeer – ja. Dumpfe Nationalisten – nein!

EURE MEINUNG: Singen und verlieren oder nicht singen und gewinnen - was rockt?
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