thumbnail Hallo,

Wolfsburgs Trainer ist mal wieder im Kaufrausch. Innenverteidiger Naldo ist der neueste, aber mit Sicherheit nicht der letzte Neuzugang der „Wölfe“ in dieser Transferperiode.

Wolfsburg. Plötzlich ging alles ganz schnell: Am Dienstag gaben Werder Bremen und der VfL Wolfsburg überraschend bekannt, dass Naldo künftig im Dress der „Wölfe“ auflaufen wird. Über die Ablösesumme wurde Stillschweigen vereinbart. Sie wird wohl irgendwo bei 5 Millionen Euro liegen, dem ungefähren Marktwert, den Naldo laut transfermarkt.de besitzt. Unabhängig von der unbestrittenen Qualität des 29-jährigen Brasilianers zeigt sich jedoch einmal mehr, dass Felix Magaths Transfergebaren offenbar wieder nur einem Motto folgt: Nach oben hin sind der Anzahl der Spieler im Kader keine Grenzen gesetzt.

Zweifelhafter Rekord

In der letzten Saison umfasste der Kader Magaths zeitweise unglaubliche 50 Spieler. Anfang Februar dieses Jahres brach Magath im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach den Bundesliga-Rekord, die meisten verschiedenen Spieler in einer Saison eingesetzt zu haben. Der damalige Winterneuzugang Ibrahim Sissoko war der 36. Akteur, den der „Wölfe“-Trainer auf den Platz schickte. Der alte Rekordhalter war er selbst: In der Saison 2000/01 setzte er bei Eintracht Frankfurt 35 verschiedene Spieler ein.

Wie ein Teenager mit Platin-Kreditkarte

Keine Frage, die nationalen Erfolge mit Bayern München und die Deutsche Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg 2008/09 zeigen, dass Magath kein Trainer ist, der nichts von seiner Arbeit versteht. Immerhin ist er der erste Trainer, dem es in der Bundesliga gelang, das Double zu verteidigen. Doch wer sich seine Transferaktivitäten seit seiner ersten Amtszeit bei Wolfsburg (2007-2009) über seine Zeit auf Schalke (2009-2011) bis zu seiner Rückkehr zu den „Wölfen“ (seit März 2011) anschaut, könnte meinen, er hätte es mit einem amerikanischen Teenager zu tun, der die unlimitierte Platin-Kreditkarte seiner Eltern zum Glühen bringen will.

Transferbilanz stets negativ

Seit der Saison 2007/08 hat Magath insgesamt etwas mehr als 100 Spieler gekauft. Abgänge waren knapp unter 50 zu verzeichnen – und da sind die ebenfalls zahlreichen Leihgeschäfte noch nicht einmal mit eingerechnet. Die Transferbilanz, sowohl beim VfL Wolfsburg als auch bei Schalke 04, war unter Felix Magath stets negativ. Ganz abgesehen davon, dass die Kader hemmungs- und hoffnungslos überfüllt waren. Schalkes Manager Horst Heldt ist immer noch damit beschäftigt, den Kader von Magathschen Altlasten zu befreien.

Die Transferbilanz des Felix Magath seit der Saison 2007/08
Saison Verein Transfereinnahmen Transferausgaben Transferbilanz
2007/08 VfL Wolfsburg 14.410.000 € 30.710.000 € -16.300.000 €
2008/09 VfL Wolfsburg 4.530.000 € 33.100.000 € -28.570.000 €
2009/10 FC Schalke 04 4.500.000 € 11.450.000 € -6.950.000 €
2010/11 FC Schalke 04 19.850.000 € 38.600.000 € -18.750.000 €
2011/12 VfL Wolfsburg 12.125.000 € 51.400.000 € -39.275.000 €
2012/13 VfL Wolfsburg 13.100.000 € 17.600.000 € -4.500.000 €
Stand: 17.07.2012 | Quelle: transfermarkt.de

Wer nicht sofort einschlägt, wird verliehen – Transfererlöse selten der Fall

Die Fluktuation bei Magath ist hoch. Spieler, die nicht sofort einschlagen, werden meist in der nächsten Transferperiode verliehen. Diese Erfahrung durften vor kurzem Giovanni Sio und Ibrahim Sissoko machen. Beide kamen in der Winterpause zum VfL und wurden nun, nur ein halbes Jahr später, an den FC Augsburg respektive Panathinaikos Athen verliehen. Dieses Spielchen wird von Magath oftmals solange betrieben, bis der Vertrag eines Spielers ausläuft, denn für die meisten dieser Spieler findet sich niemand, der an einem permanenten Kauf interessiert wäre. Abgängen wie Grafite oder Mario Mandzukic, die tatsächlich einmal Ablösesummen in die Kassen der Wolfsburger spülen, steht eine ellenlange Liste ablösefrei wechselnder Spieler gegenüber, die sich in ihrer Zeit bei den „Wölfen“ nur durch eins auszeichnen durften: Auf der Gehaltsliste des Vereins zu stehen.

Niemanden schert’s

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Weder Felix Magath noch den hinter dem VfL Wolfsburg stehenden VW-Konzern schert es, wie viele Spieler unter Vertrag stehen. Magath hat mehr oder wenige freie Hand bei sämtlichen Transferentscheidungen und das Geld dafür wird ihm vom finanzstarken Konzern hinterher geschmissen. Die Leute, die in der Hierarchie über Magath stehen, sind der felsenfesten Überzeugung, er könne das Märchen von 2009 wiederholen und Wolfsburg erneut zu einem Titel oder wenigstens dauerhaft ins internationale Geschäft führen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Kader aus 30, 40 oder 50 Spielern besteht.

Naldo Innenverteidiger Nummer Acht

Mit der Verpflichtung Naldos stehen  – Stand heute (18.07.2012) – 39 Mann im Kader. Das „Stand heute“ ist schon beinahe Pflicht, denn dass dies der letzte Neuzugang gewesen sein soll, darauf würden wohl nur die wenigsten wetten. Doch die Frage, die sich stellt, lautet: Warum ausgerechnet Naldo? Der VfL hatte schon vor der Verpflichtung sieben (!) etatmäßige Innenverteidiger im Kader, Naldo ist die Nummer acht. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich halte Naldo für einen vorbildlichen Profi und Top-Innenverteidiger, aber in den letzten zwei Jahren konnte er, gebeutelt durch zahlreiche Verletzungen, nicht gerade oft zeigen, welche Klasse er besitzt.

Kaufen, kaufen, kaufen

Insofern drängt sich auf die obige Frage als Antwort förmlich auf: „Einfach nur, weil wir’s können!“ Magaths Transferpolitik beruht darauf, Spieler wie Giovanni Sio, Bas Dost, Emanuel Pogatetz oder Vieirinha, die bei ihren Vereinen ein, zwei gute Spielzeiten hatten, mit einem großzügigen Gehalt nach Wolfsburg zu locken. Die Hoffnung, die er dabei hat, ist, dass die Spieler ihrer gute Form vom alten Verein mitbringen. Und wenn nicht, kann das für einen Wolfsburger Spieler bedeuten, dass er sich in der einen Woche in der Startelf wiederfindet, in der anderen Woche auf der Tribüne. Wie fragil dadurch eine Mannschaft wird, sah man in der Hinrunde der letzten Saison, als man auf die letzten drei Tabellenplätze schauen musste und nicht auf die oberen sechs.

Magaths Shopping- und Verkaufstour 2012
Zugänge Abgänge
Spieler Verein Ablösesumme Spieler Verein Ablösesumme
Bas Dost SC Heerenveen 9.000.000 € Mario Mandzukic Bayern München 13.000.000 €
Emanuel Pogatetz Hannover 96 2.300.000 € Giovanni Sio FC Augsburg 100.000 €
Vaclav Pilar Hradec Kralove 1.000.000 € Ibrahim Sissoko Panathinaikos ablösefrei
Kevin Pannewitz Hansa Rostock 300.000 € Nassim Ben Khalifa Grasshoppers ablösefrei
Ivica Olic Bayern München ablösefrei Caiuby FC Ingolstadt ablösefrei
Naldo Werder Bremen 5.000.000 € Chris Unbekannt ablösefrei
Akaki Gogia FC Augsburg - Thomas Hitzlsperger Unbekannt ablösefrei
Patrick Drewes Wolfsburg U19 - Hasan Salihamidzic Unbekannt ablösefrei
Ja-Cheol Koo FC Augsburg - Bjarne Thoelke Dynamo Dresden ?
      Kevin Scheidhauer VfL Bochum ?
      Sebastian Polter 1.FC Nürnberg ?
      Akaki Gogia FC St. Pauli ?
      André Lenz Karriereende ?
Kursiv gesetzte Spieler waren ausgeliehen! Kursiv gesetzte Spieler sind ausgeliehen!
Stand: 17.07.2012 | Quelle: transfermarkt.de

Tabellenplatz Acht kaschiert teils miserable Leistungen

Nun kann man berechtigterweise einwerfen, dass Wolfsburg am Ende der Saison immerhin die Chance hatte, den siebten Platz zu erreichen, der ebenfalls die Qualifikation für die Europa League bedeutet hätte. Also kann die Saison unterm Strich ja nicht so schlecht gewesen sein. Doch über dem Strich stehen eben 16 Niederlagen, von denen viele auf eine vollkommen verunsicherte, uneingespielte und ständig durchgewechselte Mannschaft zurückzuführen sind. Und aufgrund der Fluktuation, die es fast schon traditionell wohl auch in dieser Saison geben wird, ist es nicht unwahrscheinlich, dass diese Saison für die „Wölfe“ ähnlich beginnen könnte. Die Testspiele geben zwar die Möglichkeit, sich einzuspielen, aber in der Bundesliga warten jede Woche deutlich härtere Kaliber als der Helmstedter SV oder Odense BK.

Wo sind „echte Wolfsburger Jungs“?

Die wirklichen Leidtragenden sind meiner Meinung nach die Fans der Wolfsburger, die in jeder Saison rund zehn neue Gesichter in der Mannschaft haben. Eine ernst gemeinte Frage an alle Fans des VfL: Wer von Euch macht sich noch die Mühe, Namen wie Yohandry Orozco, Ferhan Hasani, Peter Pekarik oder Slobodan Medojevic und die entsprechenden Gesichter zu diesen Namen zu lernen? Natürlich gibt es Konstanten wie Diego Benaglio, Makoto Hasebe oder Marcel Schäfer, die schon seit mehr als fünf Jahren im Verein sind, aber wo finden sich im Kader „echte Wolfsburger Jungs“?

Der Wunsch nach schnellem Erfolg verträgt sich nicht mit Jugendarbeit

Von den aktuell vier Spielern aus der eigenen Jugend im Wolfsburger Kader hat keiner mehr als drei Bundesliga-Kurzeinsätze absolviert. Der einzige Spieler aus der eigenen Jugend, der in der letzten Saison auf sich aufmerksam gemacht hat, war Sebastian Polter. Statt ihn allerdings weiter selbst aufzubauen, holt man für den schnellen, kurzfristigen Erfolg lieber den Torschützenkönig der holländischen Liga, Bas Dost, und verleiht Polter nach Nürnberg. Ein Verein wie der VfL Wolfsburg, der im wahrsten Sinne des Wortes jeden Preis bezahlt, um oben mitspielen zu können, hat keine Zeit, Jugendspieler in seine Mannschaft zu integrieren. Dabei zeigen Vereine wie Bayern, Schalke, Dortmund und Mönchengladbach vorbildlich, wie man auch Spieler aus der eigenen Jugend in die Profimannschaft eingliedern und damit erfolgreich sein kann. Doch Felix Magaths Credo wird wohl weiterhin lauten: Shoppen, bis die Kreditkarte glüht! – Oder bis die Eltern die monströse Abrechnung bekommen. Und damit ist im Falle des VfL Wolfsburg nicht nur die finanzielle, sondern auch die sportliche Quittung gemeint.

EURE MEINUNG: Was haltet Ihr von Magaths Transferpolitik? Wird er den VfL Wolfsburg damit dauerhaft in den internationalen Wettbewerb führen?
Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf oder werde Fan von Goal.com auf !

Dazugehörig