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Naldo, Publikumsliebling bei Werder Bremen, spielt ab sofort für den VfL Wolfsburg. Es ist ein Wechsel, der die Fußball-Romantiker ratlos und traurig zurücklässt.

Bremen. Es ist eine Nachricht, die Fußball-Romantiker mit dem Kopf schütteln lässt: Abwehrspieler Naldo verlässt Werder Bremen und schließt sich mit sofortiger Wirkung dem VfL Wolfsburg an. Für vier Jahre hat der Brasilianer in der Autostadt unterschrieben. Noch am Dienstagabend verließ er das Werder-Trainingslager im Zillertal.

Enttäuschung bei den Fans

In den Bremer Fan-Foren tippen die User die Worte „Verräter“ und „Söldner“ in ihre Tastaturen, sie sind wütend und vor allem enttäuscht. Jene Fußball-Fans, die der Meinung sind, dass Geld doch nicht alles sein kann, werden diesen Transfer nur schwer verstehen können. Naldo war in Bremen mehr als ein gewöhnlicher Fußballer. Er war Publikumsliebling, Identifikationsfigur, eines der Gesichter des Vereins. Und auch umgekehrt schien es immer mehr zu sein als nur ein Vertragsverhältnis. Naldo stand für die erfolgreichen Bremer Jahre in der Champions League in der jüngeren Vergangenheit. Für wuchtige Schüsse aus der Distanz. Für Kopfballstärke. Seine stets lockere Art kam auch bei den sonst eher unterkühlten Norddeutschen an.

Als er am 10. September 2011 nach 16-monatiger Pause wegen einer Knieverletzung beim 2:0-Sieg gegen Hamburg eingewechselt wurde, waren das Momente mit Gänsehaut. Die Fans im Weserstadion klatschten, sie riefen seinen Namen, nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Niemand wusste damals, ob Naldo wieder so gut wie einst werden kann. Allein die Freude, dass der beliebte Brasilianer wieder Fußball spielen darf, löste diese Gefühlsausbrüche aus.

Diese Zuneigung erfuhr der Innenverteidiger nicht nur durch die Anhänger, sondern auch durch den Verein. Es gab einige Situationen, in denen die Klubbosse gnädig mit ihrem Angestellten waren. Da war zum Beispiel ein Interview in der „Bild“-Zeitung im März 2011, in dem Naldo über Werder schimpfte, weil die Ärzte ihn falsch behandeln und sich Sportdirektor Klaus Allofs nicht um seine Versicherungsangelegenheiten kümmern würden. Allofs blieb ruhig.

Da waren öffentliche Forderungen nach Startelf-Einsätzen kurz nach seiner Verletzung, die Trainer Thomas Schaaf zurückhaltend kommentierte anstatt seinen Spieler einzunorden. Da war der über die Presse verbreitete Wunsch, sofort nach Brasilien zu wechseln, den Allofs höflich ablehnte. Das war im vergangenen Winter, und damals musste man zum ersten Mal vermuten, dass es bei Naldo mit Vereinstreue doch nicht so weit her sein kann wie gedacht und gehofft. Nach einer guten Hinrunde, die Werder auf ein Comeback im Europapokal hoffen ließ, wollte er plötzlich weg.

Internacional Porto Alegre hatte Interesse, und der Spieler erklärte, in Brasilien könne er sich besser für die Heim-WM 2014 empfehlen. Es war eine Argumentation, die man verstehen konnte oder nicht. In Frage stellte sie niemand. Das Geschäft kam nur deswegen nicht zustande, weil das Angebot von Porto Alegre Werder-Boss Allofs nicht zusagte. Naldo versprach danach vollen Einsatz für Werder.

Nun wechselt er nach Wolfsburg, von dort aus ist es übrigens noch ein Stückchen weiter bis nach Brasilien. Es muss also andere Beweggründe für diesen Wechsel gegeben haben. Sportliche? Der VfL wurde im Vorjahr Achter und schnitt damit einen Platz besser ab als Werder. Für den Europapokal reichte das trotzdem nicht.

Während es so scheint, als ob der Umbruch in Bremen nach einem durchdachten Plan vorangetrieben wird, besteht der Wolfsburger Kader derzeit aus 39 Spielern. Ein Einkaufskonzept lässt Boss Felix Magath auch in dieser Transferperiode nicht erkennen.

NALDO
INNENVERTEIDIGER | VFL WOLFSBURG


2011-12 SAISON LEISTUNGSDATEN
Einsätze 18
Tore 3
Platzverweise 0
LEISTUNGSDATEN DER WERDER-ZEIT
Einsätze 254
Tore 36
Platzverweise 2

War es etwa die Begeisterung für die „Wölfe“? Bislang hat noch kein Neuzugang gesagt, dass er schon immer mal in Wolfsburg spielen wollte.

Finanzieller Aspekt entscheidend

Nein, dieser Transfer wird vor allem finanzielle Gründe haben. Wenn Wolfsburg-Boss Felix Magath mit den Volkswagen-Millionen lockt, kann kaum jemand widerstehen – sogar Naldo nicht. Die schwer zu beantwortende Frage ist, ob man ihm verübeln kann, dass er wegen ein paar Millionen mehr nun gegen Werder spielen wird. Die hartgesottenen Fans kennen nur eine Antwort: Man muss sogar.

„Der Verein und die Fans sind mir ans Herz gewachsen. Aber das Angebot aus Wolfsburg war wirklich sehr gut. Ich habe jetzt die Möglichkeit in der Bundesliga zu bleiben. Das war mir und meiner Familie wichtig“, hieß es in Naldos Erklärung zum Wechsel.

Die Möglichkeit, in der Bundesliga zu bleiben, hätte Naldo auch in Bremen gehabt. Seit Mitte Mai versuchte Sportdirektor Allofs, den Spieler zum Bleiben zu bewegen – ohne Erfolg, weil ohne die Mittel eines Felix Magath. Nach fünf Jahren und 173 Bundesliga-Spielen für Werder ist die Ära Naldo vorüber.

Trainer Schaaf sagte zum Abschied des Abwehrmanns: „Er ist ein großer Verlust für uns, darüber können wir nicht glücklich sein. Aber wir sind gerade für das Abwehrzentrum sehr gut besetzt. Der Konkurrenzkampf bleibt auch nach diesem Transfer enorm hoch. Ich bin davon überzeugt, dass wir unseren eingeschlagenen Weg erfolgreich fortsetzen werden."

Mit Sebastian Prödl, Sokratis, Francois Affolter und Neuzugang Assani Lukimya von Fortuna Düsseldorf stehen auf dem Papier vier Innenverteidiger zur Verfügung, die das Talent haben, den Naldo-Abgang früher oder später vergessen zu machen. Außerdem lief der Vertrag des Brasilianers ohnehin nur noch ein Jahr und seine Verletzungsanfälligkeit war zuletzt stets ein Risiko. Dazu muss bezweifelt werden, dass man Spieler, die nicht mit ganzem Herzen dabei sind, für einen gewaltigen Umbruch wie jenen in Bremen gebrauchen kann.

Sportlich gesehen ist der Verlust des Brasilianers also wahrscheinlich auszumerzen. Emotional sieht das aber ganz anders aus.

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