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Der streitbare Trainer hatte zwar bei seiner ersten Amtszeit als Bondscoach keinen Erfolg, doch er könnte Oranje nach dem Scheitern bei der EM 2012 wieder auf Kurs bringen.

Kommentar

Von Stefan Coerts | Niederlande-Experte

Den Haag.
Nach dem desaströsen Auftritt der Niederlande bei der EM 2012 war der Abschied von Trainer Bert van Marwijk unumgänglich. Der ehemalige Feyenoord-Coach war nicht nur daran gescheitert, die hohen Erwartungen in Polen und der Ukraine zu erfüllen, dazu hatte er auch das Vertrauen wichtiger Spieler wie Rafael van der Vaart und Klaas-Jan Huntelaar verloren, die offen gegen ihn aufbegehrten. Und der 60-Jährige warf dann auch zehn Tage nach dem Ausscheiden das Handtuch.

Sofort wurde eine große Liste mit potentiellen Nachfolgern aufgemacht, zwischenzeitlich mit Ronald Koeman als Favorit auf den Posten. Der sagte jedoch schnell ab und teilte mit, er habe kein Interesse, Rotterdam zu verlassen.

Der holländische Fußballverband KNVB musste sich also anderswo umschauen und fragte schließlich bei Louis van Gaal an. Der kauzige Coach überlegte nicht lange und ergriff die Gelegenheit, übernahm damit also zum zweiten Mal die Verantwortung beim WM-Finalisten von 2010.

Auf den ersten Blick wirkt die Ernennung Van Gaals unverständlich, wenn man seine erfolglose erste Amtszeit betrachtet. Als Nachfolger von Frank Rijkaard nach der EM 2000 verpflichtet brachte er es fertig, nach Leo Beenhakker zum zweiten Mal in der Geschichte der Niederlande die Qualifikation für ein großes Turnier zu verpatzen: Nach miserabler Kampagne blieb Holland 2002 daheim.



Dazu scheint der Heißsporn der Letzte, dem man zutrauen würde, mit den großen Egos im Team der Niederlande umgehen zu können. Der ehemalige Ajax-Boss hat den Ruf eines autoritären Übungsleiters und war in der Vergangenheit desöfteren in Auseinandersetzungen mit Spielern verwickelt: Sein Zerwürfnis als Barca-Coach mit Rivaldo gilt als eine der heftigsten Trainer-Spieler-Konflikte, während Robben, Ribery und Luca Toni beim Bayern-Engagement des Niederländers ebenfalls ein Lied von Van Gaals spezieller Art singen konnten.

Trotzdem wirft er eine Handvoll Qualitäten in die Waagschale, die seine Nominierung rechtfertigen, insbesondere seine Fähigkeit, ein Team mit jungen, hungrigen Spielern neu aufzubauen, was wohl das erste Argument für den KVNB war, ihn erneut zu verpflichten. Nach dem Turnier in Polen und der Ukraine bleibt Oranje nichts anderes übrig, als eine Anzahl älterer Spieler auszusortieren, wobei diejenigen, die ihr eigenes Wohl über das der Mannschaft stellten, ebenfalls verbannt werden könnten. Dies bedeutet, dass eine Gruppe junger und eher unerfahrener Spieler ins kalte Wasser geworfen werden müssen – und genau das ist es, was Van Gaal beherrscht.

Der in Amsterdam geborene Trainer begann seine Laufbahn als Coach bei Ajax, wo er ein Team aufbaute, das die Champions League gewann – mit Jungstars wie Clarence Seedorf, Edgar Davids und Patrick Kluivert, die alle unter Van Gaal debütierten. Danach wechselte er zum FC Barcelona, wo er Andres Iniesta und Xavi entdeckte, ein Kunststück, das er auch einige Jahre später bei Bayern mit Holger Badstuber und Thomas Müller fertigbrachte.

Zugegebenermaßen besteht ein großer Unterschied, einen Klub oder ein Nationalteam zu coachen, doch Fakt ist, dass Van Gaal weiß, wie man junge Talente in ein Team mit routinierten Stars integriert. Spieler wie Kevin Strootman und Adam Maher haben ihr immenses Potential in der letzten Saison gezeigt – sie könnten den nächsten Schritt in der Elftaal unter dem neuen Bondscoach vollziehen.

Dazu flößt Van Gaal dank seiner ruhmreichen Karriere einiges an Respekt ein: Er hat nicht nur Ligatitel mit Ajax, Barcelona, AZ Alkmaar und Bayern geholt, sondern auch in Europa nicht wenig Erfolg gehabt. Eine Wiederholung der Van der Vaart/Huntelaar-Rebellion würde der 60-Jährige nie und nimmer tolerieren.

Es ist dennoch unmöglich vorauszusagen, ob Van Gaal diesmal Erfolg haben wird oder das nächste Scheitern droht. Aber man kann nicht von der Hand weisen, dass er alle Qualitäten hat, um Oranje nach diesem enttäuschenden Sommer zurück in die Spur zu bringen. Eine der schillerndsten Figuren des Weltfußballs ist auf die internationale Bühne zurückgekehrt, und man kann vor den Ambitionen Van Gaals nur den Hut ziehen, die vergangene Schmach nach der verpassten Qualifikation 2002 wiedergutzumachen.

Auch wenn sie in diesem Jahr bei der EM die Lachnummer waren: Man sollte die Niederlande zurück auf ihrem höchsten Niveau erwarten, wenn in 2014 der Anstoß für die WM in Brasilien erfolgt.

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