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Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem man aus der Richtung Dolmabahce-Palast nicht neue Schreckensmeldungen liest. Schafft es Besiktas noch ohne Fremdhilfe, die Kurve zu kriegen?

Analyse
Von Christian Ehrhardt

Man hat sich eigentlich an die Schreckensmeldungen aus dem Präsidium von Besiktas Istanbul gewöhnt. Nein, im Grunde ist da schon eine Abstumpfung eingetreten und man wartet förmlich jeden Tag auf die Meldung, dass der „kranke Verein am Bosporus“ final verschieden ist. Angeblich mehr als 100 Klagen von Gläubigern wegen ausstehender Gelder, abwandernde Spieler, Spieler, welche die UEFA wegen fehlender Gehälter einschalten wollen, und jetzt auch noch die Verschiebung des Stadionneubaus, einem Großprojekt, mit dem man Galatasaray Istanbul und Fenerbahce Istanbul Paroli bieten wollte. Doch wo liegen die Ursachen, dass mit dem Abgang von Yildirim Demirören auf einen Schlag ein ganzes Kartenhaus in sich zusammengestürzt ist?

Man muss zuerst einmal erkennen, dass hinter dem Namen Demirören mit der Demirören-Gruppe ein Unternehmen steht, welches immer wieder in der Lage war, eine drohende Eskalation mit finanziellen Mitteln von Besiktas abzuwenden. Besiktas war mehr als nur ein Verein für die Familie, es war der „Lebensinhalt“. Nicht umsonst ist seitens Besiktas eine Verbindlichkeitssumme zusammengekommen, die im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich liegt, welche der Verein der Familie und dem Unternehmen schuldet.

Doch durch den Weggang von Yildirim Demirören und damit dem Rückzug der Familie Demirören war die „schützende Hand“, welche finanzielles Ungemach von BJK mit einem Griff in die Brieftasche abhalten konnte, urplötzlich verschwunden und es scheint niemand da zu sein, der dieses Loch angemessen füllen kann oder zu füllen bereit ist. Also ist es mehr als logisch, dass die Mittel an allen Ecken und Enden fehlen und nun erst Investoren mühsam gesucht werden müssen, welche bereit sind, das eigene Geld in ein mutmaßliches Fass ohne Boden zu pumpen – denn ein mit Stars (wenn auch nur nominellen Stars) gespickter Verein kostet ein Heidengeld.

Nach dem Rückzug von Demirören als Präsident übernahm eine neue Führung das Ruder. Dies tat sie im Wissen, dass man der Demirören-Gruppe sehr, sehr viel Geld schuldet. Das wäre zu umgehen gewesen, hätte jeder folgende Präsident sich wie Yildirim Demirören bereit erklärt, auf eine Rückzahlung der Mittel zu verzichten, welche in den Verein geschossen werden. Dazu war man offensichtlich nicht bereit – oder nicht in der Lage – was zur Folge hatte, dass auch Demirören das Geld wieder haben wollte, welches in den Verein Besiktas Istanbul floss. Und ab dem Moment wurde es schmutzig – wie immer, wenn es um viel Geld geht.

Besiktas hat, das steht fest, Buchprüfer angeheuert, um die gesamte Buchführung der Ära Demirören, also der letzten acht Jahre seit dem 30. Mai 2004, genauestens unter die Lupe zu nehmen. Der neue Präsident Fikret Orman räumt ein, dass man sich wohl gegen Ende Juli, nach Abschluss der Prüfungen, mit Yildirim Demirören, dem neuen Präsidenten des türkischen Fußballverbandes TFF, zusammensetzen wolle. Dazu wird im Vorfeld bereits unterschwellig mit den Ketten gerasselt, denn Orman sagte via BJK TV, man werde all das tun, was notwendig sei. Selbst eine Klage gegen den ehemaligen Präsidenten, der nachgewiesen eine exorbitant und für Normalbürger unvorstellbar hohe Summe an Geld in den Verein gepumpt hat, wäre optional. Generell wäre man aber bereit – und nun geht es dann auf den Punkt – eine Einigung mit dem ehemaligen Präsidenten zu erzielen.

Nun muss man kein Hellseher vom Format eines Nostradamus sein, will man trefflich spekulieren, in welche Richtung eine solche Einigung gehen wird: Geld! Es gibt kaum ein Wirtschaftsunternehmen auf diesem Planeten, bei dem man nicht Fehler findet, wenn man nur gut genug sucht. Dies kann und wird hier dann bedeuten, die Rückzahlungssumme entweder nicht unerheblich zu reduzieren oder mit „Zahlpausen“ zu spielen. Ein sehr durchsichtiges Manöver. Zumal man hier jemanden in die Verantwortung nehmen will, der immer wieder über das Familienunternehmen den Zahlmeister gespielt hat, Stars verpflichtete, die das Ansehen von BJK nach oben zogen und der auf der anderen Seite sicherlich auch dabei Fehler machte – doch welcher Verein auf der Welt ist frei von Transferfehlern? Es soll wahrscheinlich erreicht werden, einer Person ans Geld zu gehen, die zwar als Präsident der Unternehmenskopf war, aber die sicherlich nie eigene Buchhaltungsprozesse durchgeführt hat. Das mag jeder Mensch für sich selbst bewerten, was von solchen Manövern zu halten ist.

Doch was ist denn nun der Zankapfel? Kann es sein, dass der plötzliche Rückzug von Milangaz, ein Unternehmen der Demirören-Gruppe, als Hauptsponsor der Basketballabteilung der Tropfen war, der das Fass zum überlaufen brachte? Klar ist, die Demirören-Gruppe hat als Hauptsponsor der Basketballabteilung von BJK mit finanzieller Zuwendung dafür gesorgt, dass der Verein nicht nur erstmals seit 1975 die türkische Basketballmeisterschaft feiern durfte, sondern zugleich auch türkischer Pokalsieger und EuroChallenge-Sieger wurde, da man dank der Milangaz-Gelder echte Starspieler verpflichten konnte. Wie im Fußball war es Demirören-Geld, welches den Erfolg brachte – und nun, nach dem Rückzug als Sponsor, nicht mehr zur Verfügung steht. Grund genug, um nun dreckige Wäsche zu waschen? Offensichtlich.

Kurz und gut: Der ganze Rummel und die ganzen Vorhaltungen drehen sich am Ende um ein einziges Thema - Geld, Geld und nochmals Geld. Doch da muss man sich fragen lassen: Wo waren all die Leute, die heute die Hand beißen, die Besiktas über rund acht Jahre gefüttert hat, als deren Hilfe eventuell nötig war? Sich im Nachgang zu melden und Worte der Anklage zu erheben, ist einfach. Über acht Jahre sonnte man sich im Erfolg, sonnte sich im Licht der Stars, welche geholt wurden – doch wer die zahlt und wie die Stars überhaupt bezahlt werden, interessierte offensichtlich keine der Personen, die sich heute laut zu Wort melden. Natürlich nicht, denn die Mittel wurden ja schließlich von anderen Personen, hier Yildirim Demiören und der Demirören-Gruppe erbracht.

Was ist ein Verein noch wert, dessen Verträge, die Namens und im Auftrag des Vereins gezeichnet wurden – hier zum Beispiel Egemen Korkmaz, Fabian Ernst, Ricardo Quaresma und Co – kaum noch das Papier wert sind, auf dem sie verfasst wurden? Ist es nicht charakterlich hochgradig fragwürdig, verzweifelt nach Schuldigen zu suchen und das im Wissen, die Beschuldigten haben Millionen und Abermillionen unverzinst in den Verein gebaggert?

Verträge mit Spielern übernimmt man – als Präsident oder als Trainer. Plant man mit dem einen oder anderen Spieler nicht mehr, weil er nicht mehr ins Konzept passt – was völlig legitim ist – löst man das mit Stil und Klasse. Man spricht mit dem Spieler, man spricht mit dem Manager und legt den betreffenden Personen nahe, sich einen neuen Verein zu suchen. Das geht leise, ohne viel Radau und vor allen Dingen ohne öffentliche Demontage des Spielers. Aber gerade am Fall Fabian Ernst – jedenfalls so, wie er in der Presse kolportiert wird – erkennt man davon wenig. Der Stil „Komm uns finanziell entgegen oder du wanderst in die A2-Mannschaft“ ist charakterlich überaus fragwürdig. Gerade wenn es um einen Spieler geht, der wirklich stets 100 Prozent gegeben hat und hinter dem Klub stand.

Stil- und ehrenvoller wäre es, wenn es im alten Präsidium Probleme gab oder Probleme offenkundig werden, die in der Vergangenheit entstanden sind, leise den Weg zu suchen, das zu klären. Sich bei jedem Schritt marktschreierisch an die Öffentlichkeit zu wenden, ist der Stil, den man vielleicht auf dem Basar pflegen kann, aber nicht im Umfeld eines Traditionsvereins wie Besiktas. Es wäre an der Zeit, dass sich gerade der neue Präsident Fikret Orman einmal fragt, ob er durch das Verhalten dem Ansehen von BJK nicht mehr schadet, als dass er ihm nutzt. Und er sollte sich fragen, wo er die letzten acht Jahre war, was er in den letzten acht Jahren für Besiktas getan hat. So wie es aktuell läuft, wäre es vielleicht besser, man überlegt, ob das ganze Drumherum um BJK überhaupt noch Sinn macht – so hart und brutal es auch klingen mag.

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