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Die Berliner wollen nach dem abgelehnten Einspruch in Berufung gehen. Ist es moralisch überhaupt vertretbar, dass Hertha ein weiteres Mal vor ein Gericht zieht?

Kommentar
Von Elias Pannach

Nach dem Skandalspiel in Düsseldorf, in dem beide Fanlager für Aufsehen sorgten, möchte sich Hertha nicht geschlagen geben und strebt den Gang vor das nächste Gericht an. Es ist nachvollziehbar, dass die Berliner alles dafür tun wollen, um in der Bundesliga zu bleiben - doch zu welchem Preis?

Der Begriff Chaos ist bereits seit einigen Jahren eng mit Hertha BSC Berlin verbunden. Eine äußerst fragwürdige Transferpolitik mit dem Abgang etlicher Jugendspieler (Boateng, Samba etc.) und eine fehlende Konstanz auf der Trainerbank führten dazu, dass den Berlinern der zweite Abstieg seit dem Sommer 2010, als man mit kläglichen 24 Punkten Letzter wurde, bevorsteht.

Eigentlich ist dieser bereits endgültig, denn das DFB-Sportgericht hat den Einspruch gegen die Wertung der Partie abgelehnt, die erneute Berufung könnte dies jedoch ins Gegenteil umkehren. Das Klammern an den letzten Strohhalm zeugt allerdings nicht von Stärke, denn die Probleme der „Alten Dame“ liegen ganz woanders. Große Teile des Fanlagers haben längst begriffen, dass Rekordtorschütze Michael Preetz als Manager von Hertha nicht geeignet zu sein scheint.

Die häufigen Trainerwechsel haben dem Verein mehr geschadet als genutzt, ein Machtwechsel steht jedoch allem Anschein nach nicht an. Von den eigentlichen Problemen des Vereins wird seit Jahren abgelenkt, nichtsdestotrotz verfügt der Verein auch heute noch über eine der besten Jugendakademien Deutschlands. Wirklich integriert werden die Nachwuchsspieler, die teilweise Jugend-Nationalspieler sind, jedoch nicht.

Ein Abstieg Herthas muss nicht unbedingt verheerend sein. Klar ist zwar, dass man finanziell weiterhin große Probleme hat. Andererseits ließe sich mit einem Trainer, auf den langfristig gesetzt wird, und der Integration der talentierten Hertha-Nachwuchsakteure ein schlagkräftiges Team auf die Beine stellen, um endlich einmal ein Konzept vorzustellen, das dem Verein bisher so eklatant fehlte.



Fakt ist, dass die Gäste-Fans beim Relegations-Rückspiel zuerst für Aufsehen sorgten und das Polizei-Aufgebot in besonderem Maße beanspruchten. Es wurden Bengalos und Leuchtraketen auf den Platz geworfen und als die Hertha-Spieler um Ronny mithalfen, die brennenden Geschosse wieder aus dem Innenraum zu entfernen, wurde dem Brasilianer sogar noch eine Rakete hinterhergeworfen.

Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt hatte vor der Verhandlung versucht, das Thema dramatisch aufzubereiten: „Der Schiedsrichter hat die Mannschaft nicht wegen des Fußballs auf den Platz zurückgeführt, sondern nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation - man hat von einem Blutbad gesprochen - zu verhindern”, sagte Schickhardt im Morgenmagazin. Die Düsseldorfer Fans, die zu früh auf den Platz gelaufen waren, hatten jedoch kaum Aggressionspotenzial, sondern wollten eigentlich den Sieg und Aufstieg ihres Vereins feiern.

Die Argumente, die vom Anwalt vorgebracht wurden, sind stark in Zweifel zu ziehen. Gegenüber der Bild sprach Schickhardt von einer „Todesangst“, was von Schiedsrichter Wolfgang Stark und seinem Schiedsrichter-Gespann eindeutig widerlegt werden konnte: „Wenn man unmittelbar nach dem Schlusspfiff so massiv und gezielt auf das Schiedsrichterteam losgehen kann, stellt sich die Frage nicht, ob die Spieler Todesängste ausgestanden haben“, erklärte Stark.

Wenn man unmittelbar nach dem Schlusspfiff so massiv und gezielt auf das Schiedsrichterteam losgehen kann, stellt sich die Frage nicht, ob die Spieler Todesängste ausgestanden haben. (Wolfgang Stark)

Für Todesängste hatten da eher Hertha-Fans gesorgt, die mitgereiste Berliner Familien auf der Tribüne in Gefahr gebracht hatten. Es muss einiges verändert werden in Berlin, die Probleme existieren nicht nur im sportlichen Bereich. Das Verhältnis zu den Fans muss von den Verantwortlichen in Frage gestellt werden, denn Szenen wie jene im Februar 2012, als vermummte Hertha-Fans die Spieler auf dem Trainingsgelände „zur Rede stellten“, schaden dem Fußball nur.

Die andere Seite der Medaille darf jedoch nicht vernachlässigt werden und der DFB muss klare Grenzen abstecken zwischen dem, was erlaubt und dem, was nicht erlaubt ist. Durch die Bestätigung des Ergebnisses wurde aufgezeigt, dass nicht immer knallhart durchgegriffen wird und dass unklar ist, in welchem Fall wie reagiert werden würde.

Zudem muss klar gesagt werden, dass nach der mehrminütigen Unterbrechung die reguläre Weiterführung des Spiels nicht mehr gewährleistet war. Wenn der Schiedsrichter ein Spiel, egal aufgrund von welchen Umständen für mehrere Minuten unterbricht, sind die Bedingungen ganz andere. Die Spieler können sich erholen und da Hertha zu diesem Zeitpunkt einen Spieler weniger auf dem Platz hatte, begünstigte dies die Düsseldorfer.

Insgesamt gibt Hertha dabei jedoch kein gutes Bild ab. Wenn die eigenen Fans am Skandalspiel eine große Schuld tragen, sollte man sich möglicherweise nicht als „Opfer“ aufspielen, um trotz schwacher Leistungen doch noch in der Bundesliga bleiben zu dürfen. Der Ruf der Berliner würde beim Klassenerhalt deutschlandweit enorm leiden. Wünschenswerter wäre ein gelungener Neuanfang - auch wenn dieser in der zweiten Liga von statten geht. Das Potenzial dafür wäre da.

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