Vorsicht mit dem Kult um Robert Enke

Mit Robert Enke hat uns nicht nur ein hervorragender Sportler aus eigenem Willen verlassen, sondern auch ein zweifellos toller Mensch.

Robert Enke, Hannover 96 (Bongarts / Getty Images)
Kommentiert von François DUCHATEAU

Hannover.
Schockiert reagierte nicht nur Deutschland über die traurige Nachricht seines Freitods. Sie kam so plötzlich. Es gab öffentlich keine Anzeichen für Robert Enkes Depressionen. Nicht einmal für seine tapfere Frau Teresa oder seine behandelnden Spezialisten waren sie offensichtlich. Die umfangreiche Berichterstattung und initiierten Gedenkaktionen nach dem Selbstmord des Nationaltorwarts zeugen davon, dass ein ratloses Deutschland nun mit offener Empathie die Sympathie-Bekundungen nachholen will, die der Schlussmann von Hannover 96 leider nicht mehr mitbekommen konnte und vielleicht zu Lebzeiten gebraucht hätte.

Der Schein trügt

Es ist das traurige Schicksals eines Mannes, der einfach nur erfolgreich Fußball spielen und ein glückliches Familienleben führen wollte. Über den Tod seiner herzkranken kleinen Tochter, bei dem Robert Enke machtlos war, kam der Sportler nie hinweg. Ein harter Schicksalsschlag, den Robert Enke schien mit der Zeit verarbeitet zu haben. Schien.

Vorbildlicher Mensch und Sportler

Seine Bodenständigkeit, sein ruhiger Charakter war eine Rarität im Haifischbecken Fußball, wo die Kahns und Lehmanns dieser Welt immer wieder die Medien als Plattform missbrauchten, um sich selbst zu profilieren. Robert Enke war nie Lautsprecher. Er verhielt sich beispielhaft und antwortete mit Paraden, die die anderen mundtot machten. Er setzte sich in Stiftungen für Tierschutz und Kinderkrankheiten ein, war durch seine Treue der Held der 96-Fans und hätte wohlmöglich der Held von Südafrika werden können im Tor der deutschen Nationalmannschaft. Ohne Frage, es gibt zu wenig Robert Enkes auf dieser Welt.

Alles andere als heldenhafter Abgang

So ergreifend tragisch und bewegend sein Schicksal auch ist, sollte man vorsichtig mit dem Kult um Robert Enke umgehen, der sich so langsam abzuzeichnen scheint. In Hannover überlegt man beispielsweise einen Fußballplatz nach ihm zu benennen. Ohne Frage hat Enke all unsere Sympathien, unser Beileid und eine angemessene Trauerfeier verdient nach seinem traurigen Ende. So menschlich und sportlich einwandfrei sein Charakter auch war, wir sollten aufhören Enke als Held in den Himmel zu heben. Sein Abgang war nämlich leider alles andere als heldenhaft.

Ehefrau Teresa leidet doppelt

Statt den Druck zu lösen und zu seiner Krankheit zu stehen, ist Enke an seiner seelischen Sackgasse erstickt und sah im Selbstmord die einzige Befreiung. Er lässt seine mitfühlende Ehefrau Teresa alleine zurück und im Stich, die nach ihrer Tochter nun auch den schrecklichen Verlust ihres Mannes zu verarbeiten hat.
Mit der Wahl seines Selbstmordes riss Enke zudem auch unschuldige Helfer und Bahnangestellte mit, die jahrelang die schrecklichen Hautnah-Bilder seines Todes verdauen müssen. Die deutsche Bahn fürchtet um weitere Nachahmer. Um die 900 Menschen sind es pro Jahr bereits, die sich wie Enke vor einen Zug stürzen, um sich das Leben zu nehmen.

Deislers Weg sollte die Moral aus der Geschicht’ sein

Selbstmord ist keine Lösung. Und das soll auch nicht die Moral aus der Geschicht’ um Robert Enke sein. Das traurige Schicksal um den Nationaltorwart sollte jedem eher als Alarmsignal demonstrieren, wozu Depressionen führen können. Enke hatte Angst, sich öffentlich zu seiner Krankheit zu bekennen. Fußball ist und bleibt ja immer noch ein Machosport, wo nur die „Starken“ oben in der Nahrungskette zu stehen scheinen. Es ist wahr: Ein Sebastian Deisler ist sicher durch die Hölle gegangen, als er sich zu seinen Depressionen bekannte und musste sich einigen Rufschäden entgegenstellen. Es war sicher ein steiniger Weg, aber im Umgang mit der Volkskrankheit Depression ist Sebastian Deislers Weg ein Vorbild im Vergleich zu Robert Enkes Wahl, denn so langsam aber sicher scheint Dieser zurück im Leben und zurück im Glück zu sein. Und vor allem: Sebastian Deisler ist noch da.

Nachruf: Abschied von Robert Enke


Man sollte also vorsichtig sein, mit dem Kult um Robert Enke. Er gilt als alarmierendes Signal dafür, dass sich niemand vor seinen Ängsten verstecken muss. Dann nehmen sie Überhand. Als Mensch und Sportler hat Robert Enke nun all unsere Trauer und Mitgefühl verdient. Deutschland wird sein Schicksal nie vergessen. Seine Trauerfeier gilt vor allem seiner Menschlichkeit. Robert Enke, Ruhe in Frieden.


 
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