Kommentar: Gute Nacht, Werder!

„Jetzt geht der Sch... schon wieder los!“ Die Werder-Fans nahmen im und um das Weserstadion kein Blatt vor dem Mund. Die Pleite zum Auftakt erhitzt die Gemüter im hohen Norden. Die Rufe nach Verstärkungen werden lauter. Und man kann dem grün-weißen Anhang nur beipflichten: In der Hansestadt droht das Mittelmaß – oder gar Schlimmeres. Das Ende einer Ära?

Der Matchwinner in Mailand: Claudio Pizarro fand nach seiner Begnadigung die richtige Antwort (firo)

Ein Kommentar von Nils RESCHKE

Bremen. Jedes Jahr die alte Leier an der Weser: Bei Werder Bremen wirtschaften sie besonnen. Das ist prinzipiell auch gut so. Das Weserstadion heißt noch Weserstadion und nicht Becks-Multifunktions-Park. Die Stadt und das Umfeld bietet ein ruhiges Fußballerleben. Doch langsam, aber sicher kommt das alles einem etwas zu traditionell und beschaulich vor. Fast scheint es, als könne man sich nicht entscheiden zwischen Tradition und erfolgreichen Fußballunternehmen. Es wird gespart, statt Transfereinnahmen zu reinvestieren. So jedenfalls droht den Norddeutschen jetzt der Absturz. Weil der Sparkurs sich eindeutig zur Qualitätsminderung entwickelt hat. Zumindest auf der Ersatzbank hockt nur noch wenig Bundesliga-Tauglichkeit.

Nur im Mittelfeld gut aufgestellt

Wo man sich auch umhört: In der Ostkurve, auf der Nord- oder Südgeraden – überall schütteln sie verwundert, teils erbost die Köpfe. Tenor: Wo sind die Diego-Millionen geblieben, wo die Einnahmen aus fünf Jahren Champions-League-Teilnahme. Zugegeben: Für Diego hat man sich mit Marko Marin eines der größten Mittelfeld-Talente geangelt, der zusammen mit Mesut Özil, bester Mann gegen Eintracht Frankfurt, bereits gut harmoniert. Zusammen mit Neuzugang Tim Borowski für die defensivere Mittelfeldposition sind die Schaaf-Schützlinge hier gut aufgestellt.

SAMSTAG auf Goal.com: Das SPIEL der WOCHE - Bayern München empfängt Werder Bremen

Trotzdem hätte man sich einer Tatsache bewusst sein müssen: Mit Diego fehlt hier und da immer wieder der kreative Überraschungsmoment, den Özil-Marin auch aufgrund ihrer noch jungen Jahre nur bedingt auffangen können. Umso wichtiger wäre ein Transfer von Claudio Pizarro gewesen! Der Mann kennt Bremen, der Peruaner steht für eine gewisse Torgarantie. Andere Stürmer – sollte denn noch einer kommen – beinhalten immer auch ein gewisses Risiko: Wie kommt der Neuzugang zurecht? Schlägt er ein? Dass solche Transfer nicht immer klappen, beweist Flopeinkauf Carlos Alberto. Zugegeben: Die Bremer Fans wurden in den vergangenen Jahren stets von einer gelungenen Transferpolitik verwöhnt. Doch das Näschen scheint Klaus Allofs aktuell abhanden gekommen zu sein. Oder der Geschäftsführer Profifußball pokert zu hoch. Natürlich soll man nicht „jeden Wahnsinn mitmachen“. Doch Pizarro wäre ein kalkulierbares und finanzierbares Risiko gewesen.

Im Sturm fehlt der klassische Knipser

Mit Chelsea London hätte man sich einigen können, acht Millionen Euro standen im Raum. Und dann hätte Bremen für zumindest zwei, drei weitere Jahre einen Stürmer nahe der Weltklasse, in jedem Fall aber mit Torriecher, verpflichtet. Stattdessen scheint es, als habe man sich mit dem Angebot einer erneuten Ausleihe verzockt. Und so sollen es nun Marcelo Moreno oder Boubacar Sanogo an der Seite von Hugo Almeida und Markus Rosenberg richten. Zwei, die immer wieder unter starken Formschwankungen litten, eine Unbekannte (Moreno) plus ein Spieler Sanogo, der bekanntlich immer in guter Frühform ist, danach aber stets einbricht. Ein echter Knipser fehlt. Einer eben, der das Potenzial besitzt, auch mal den großen AC Milan aus dem Wettbewerb zu schießen.

Werder bei den Bayern: Im Forum mitdiskutieren

Der Unterschied zu den vergangenen Jahren, in denen ähnlich agiert wurde ist: 2009 findet sich eine Werder-Elf, die spätestens nach dem 2:3 wieder völlig verunsichert ist. Insbesondere in der Abwehr, wo man alten Kräften vertraut. Die allerdings haben vor allem auf den Außenbahnen (Fritz, Boenisch, Pasanen, Tosic, Harnik) regelmäßig – man muss es so sagen – versagt. Da haben Talente, die sich noch entwickeln sollen, zwangsläufig keine Zeit, Fehler zu machen. Die aber werden gemacht. Und zwar exakt dieselben wie in der Vorsaison: Der Gegner kontert Bremen mit leichtesten Mitteln aus. Das war in der Vergangenheit das Rezept für tolle Spiele. Aber eben nur, weil ein Diego oder ein Claudio Pizarro oft mit ihren Aktionen die Wende einleiteten. Genau diese fehlen nun allerdings. Und was dann passiert, hat das Frankfurt-Match schonungslos aufgedeckt: Diese Spiele gehen verloren, weil die Qualität fehlt. Auch auf der Reservebank, wo ewige Talente wie Aaron Hunt längst nicht mehr weiterhelfen. Es muss gehandelt werden. Jetzt. Ansonsten gehen in Bremen langsam – aber sicher – die Lichter aus. Gute Nacht, Werder!





 
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