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FC Bayerns Karl-Heinz Rummenigge: "PSG? Die UEFA lässt sich nicht drohen"

Rekordumsatz, irrationale Ablösen, mögliche WM-Verschiebung - Goal traf FCB-Boss Rummenigge zum Exklusiv-Interview. Teil 2 folgt am Dienstag.

München. In einem Konferenzraum empfängt uns Karl-Heinz Rummenigge. Zur Begrüßung räuspert er ein "Guten Morgen" heraus. Ihm macht seine Gesundheit zu schaffen. Selbst in der Länderspielpause, sagt der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern lächelnd, könne er nicht durchschnaufen. Dabei ist es an der Säbener Straße ruhig. Fast beängstigend ruhig.

Zahlreiche Stars reisen mit ihren Nationalteams quer durch Europa. Und den Übriggeblieben gönnte Pep Guardiola an diesem Freitag eine wohl verdiente Auszeit. Für Rummenigge, der zuvor in Genf und London offiziellen Pflichten nachkam, dreht sich das Karussell weiter. Im Goal-Interview spricht er über das Financial Fairplay, die Erziehung von Oligarchen und Scheichs, Bayerns Auslands-Offensive sowie die WM 2022.

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Herr Rummenigge, fast 24 Jahre operieren Sie in der bayrischen Führungsetage. Wie stolz macht Sie das?

Karl-Heinz Rummenigge: Offen und ehrlich gesagt: Es ist egal, wer beim FC Bayern welche Knöpfe bedient. Das Entscheidende ist, dass es die richtigen Knöpfe sind. Wir haben in den letzten zwei Jahrzehnten eine gute Voraussetzung geschaffen, speziell finanziell. Dadurch können wir auf dem Transfermarkt Dinge von hoher Qualität machen, die der eine oder andere deutsche Vereine vielleicht nicht machen kann. Wir handeln ganz zielbewusst. Wir sehen uns nicht nur als nationaler, sondern als globaler Wettbewerber. Für uns heißen die Konkurrenten neben Borussia Dortmund, Leverkusen und Schalke, Real Madrid, Barcelona, Chelsea.

In diesem Jahr vermeldet Bayern erneut einen Rekordumsatz von 528 Millionen Euro. Die Schallmauer von einer halben Milliarde wurde geknackt. 1991 reine Utopie.

Rummenigge: Ja, damals war alles viel, viel kleiner. 1994 wurde Franz Beckenbauer neuer Präsident. Wir hatten eine Sitzung, in der gab es ein einziges Thema: Wie pumpen wir den Klub finanziell auf? Dem FC Bayern ging es gar nicht so gut. Wir wollten Qualität in Form von Spielern holen, und die kosten Geld. Also haben wir unglaubliche Anstrengungen unternommen, auch Uli Hoeneß, um neue Einnahmen zu generieren und das bestmögliche Material zu erhalten.

Längst mutierte der Rekordmeister zum Big-Player, dessen wirtschaftliche Potenz beeindruckt. Beim Financial Fairplay treten Sie daher als treibende Kraft auf. Wie läuft das Projekt an?

Rummenigge: Wir hatten die sogenannte Implementationsphase von drei Jahren. Jetzt, seit letztem Juli, geht es richtig los. Einige Vereine sind bestraft worden. Michel Platini (Anm.: UEFA-Präsident) will sein Baby langsam groß machen. Und das ist nötig. Wir haben eine professionelle Fußball-Welt, in der über 65 Prozent aller Klubs in Europa Geld verlieren. Es ist keine gesunde Landschaft. Die UEFA muss jeden fordern und fördern, ihn zu seriösem Wirtschaften anhalten. Sonst laufen wir immer weiter in eine Irrationalität, was Transfersummen betrifft, die irgendwann zu immer größeren Problemen führt.

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Warum wird das Korrektiv benötigt?

Rummenigge: Die Teams, die in der Hand eines Einzelnen sind, wären andernfalls extrem im Vorteil. Nehmen Sie das Beispiel Paris Saint-Germain: Da steht ein riesiges Unternehmen dahinter. Mit fast unendlich viel Geld. Da die Stärke des Kaders sehr vom Transfermarkt abhängig ist, könnte unendlich investiert werden. Wir halten das für nicht fair. Seit dem Bosman-Urteil 1995 steigen Ablösen und Gehälter permanent. Das ist eine Verantwortung, die alle tragen.

Sie sagten unlängst: "Wir sitzen in verschiedenen Autos und fahren auf eine Wand zu. Aber keiner ist bereit, zu bremsen." PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi möchte sich nicht stoppen lassen. Kann man Scheichs und Oligarchen erziehen?

Rummenigge: Er sitzt bestimmt auf großem Reichtum und in einem sehr schnellen Auto. Nur nehmen auch Ferraris durchaus mal Schaden, wenn sie zu schnell fahren. PSG ist im letzten Sommer für Verstöße bestraft worden. Man erhielt eine hohe Geldstrafe und musste den Kader von 25 auf 21 Mann in der Champions League reduzieren. Man kann die Zeichen der UEFA nicht missverstehen. Ich glaube nicht, dass sie sich von irgendeinem Präsidenten, egal wo er sitzt, drohen lässt. Sie wird das Thema einfordern, dazu ist sie verpflichtet.

Oftmals werden Statuten umgangen, millionenschwere Summen als Infrastruktur-Zuschüsse getarnt. Was wird gegen diese Schlupflöcher unternommen?

Rummenigge: Eine Working-Group setzt sich mit dem Thema ständig auseinander. Es war klar, dass die Kreativität von Klubs oder Rechtsanwälten strapaziert wird. Wenn es Schlupflöcher gibt, die zu groß werden, wird sie die UEFA konsequent schließen und ihnen entgegen treten.

2012 wurde Malaga mit dem Europapokal-Ausschluss drakonisch sanktioniert. Scheint diese letzte Instanz für einen renommierten Vertreter überhaupt denkbar?

Rummenigge: Ich bin kein Freund von Sanktionen. Es gibt genug politische Beispiele, wo Sanktionen keine Wirkung zeigten. Ich bin jemand, der auf Überzeugung setzt. Wir müssen eine Gemeinschaft bilden. Wir sitzen alle in einem Boot und sollten gemeinsam rudern - zum Wohle des Fußballs. Ich kann mich an ein Gespräch mit Roman Abramovich, dem Besitzer von Chelsea, erinnern. Er hat sich total positiv gegenüber Financial Fairplay geäußert, weil er jedes Jahr fast dreistellige Millionen-Defizite ausgleichen musste, um die Bilanz in Ordnung zu halten. Das kann nicht im Interesse eines Investors sein. Eigentlich war bisher keiner dagegen. Al-Khelaifis Kommentare habe ich gehört. Es liegt an uns, an Platini, ihn zu überzeugen. Niemand braucht glauben, seinen eigenen Weg gehen zu können. Die UEFA wird das nicht akzeptieren.

Sie haben in der ECA, der European Club Association, den Vorsitz. Was lösen denn Real Madrids astronomische Verbindlichkeiten von 602 Millionen Euro bei Ihnen aus?

Rummenigge: Real und Barcelona sind nicht das große Problem. Sie haben offensichtlich einen höheren Schuldenberg, auf dem sie sitzen, aktuell ist das gemäß Financial Fairplay zumindest kein Problem. Financial Fairplay basiert auf der Break-Even-Rule. Das heißt schlicht und ergreifend nicht mehr auszugeben, als man einnimmt. Die meisten sind auf diesem Weg eingekehrt. Es wird eine gewisse Zeit dauern. Es wird ein verändertes Verhalten der Präsidenten, oder sagen wir Oligarchen und Scheichs nötig sein. Die ECA hatte 2009 eine Sitzung in Manchester mit 150 Vertretern. Alle haben sich für Financial Fairplay ausgesprochen.

Bayern praktiziert seit jeher eine Politik der Vernunft. Ihr gegenüber stehen schwindelerregende Ablösesummen oder Gesamtausgaben in einer Transferperiode von 200 Millionen, wie sie Manchester United in den Orbit jagte.

Rummenigge: Wir haben im Fußball seit Jahrzehnten nicht unbedingt Zahlen, die von den Leuten in den Fankurven und auf den Straßen verstanden werden. Die Ablösen sind angestiegen, auf Beträge von 80 bis 100 Millionen Euro. Spieler verdienen zum Teil 15 bis 20 Millionen netto in der Top-Class. Die große Frage ist: Wenn wir daran anschließen, wo kommen wir irgendwann hin? Wir vertreten die Philosophie, einfach nicht mehr auszugeben, als einzunehmen. Darunter haben wir mal gelitten, konnten Transfers nicht tätigen. Deutschland ist trotzdem ein gutes Beispiel. Bayern München ist 2013 Champions-League-Sieger gewesen. Wir waren in den letzten fünf Jahren drei Mal im Finale. Und die Nationalmannschaft wurde Weltmeister.

Für die Internationalisierung sind die Erfolge ein lukrativer Nährboden: Wie problematisch ist es, Tradition und Kommerz zu vereinen?

Rummenigge: Viele Gruppierungen sind gegen jede Art von Kommerz. Wir hatten die Diskussion mit unseren Ultras. Ohne die Kommerzialisierung hätten wir kein Stadion dieser Qualität, dieser Atmosphäre. Wir hätten keinen Franck Ribery, keinen Manuel Neuer, keinen Arjen Robben und wie sie alle heißen. Du musst einen gesunden Spagat finden. Das ist vielen in Deutschland gelungen. Trotzdem verurteile ich beispielsweise PSG nicht. Ich verstehe es sogar. Der Klub war 20 Jahre in der Versenkung verschwunden, bis er von einem Scheich übernommen wurde. Dank großer finanzieller Aufwendungen ist man zurück, spielt eine kontinuierlich gute Rolle in der Champions League. Es mag einigen nicht sympathisch sein, was da passiert. Es ist aber etwas, was den Leuten in Paris gefällt. Sie haben jetzt einen Verein, der ihr Selbstwertgefühl nach oben bringt. Und das bringt Nachhaltigkeit.

Mit welcher Strategie versucht der FCB, nachhaltig neue Kontinente zu erschließen?

Rummenigge: Die Zeiten, in denen man kurz nach Tokio geflogen ist, zwei Spiele und Geld gemacht hat, sind vorbei. Wir können mit unserer Mannschaft maximal per anno eine Woche in den USA oder Asien verbringen. Das sind im Moment die wichtigsten Märkte. Mit unseren Sponsoren, die großes Interesse daran haben, und der Akquise neuer Sponsoren wollen wir Merchandising und Umsätze nach vorne bringen. Die USA-Tour und das Büro in New York waren ein sehr gelungener Start. Als unsere sechs Weltmeister in Portland auf den Platz kamen, gab es Standing Ovations. Es war wie bei den Beatles. 2015 werden wir wahrscheinlich nach China gehen, um Analoges zu unternehmen.

Wie schwer ist es, trotz kräftezehrender Promo-Reisen nicht das Wesentliche, den Erfolg in der Heimat, aus den Augen zu verlieren?

Rummenigge: Das Management muss sie perfekt organisieren, um die Belastung im Rahmen des Erträglichen zu halten. Man muss dem Trainer ermöglichen, die Mannschaft vor Ort vorzubereiten. Es ist wichtig, das Thema nicht negativ zu besetzen. Für die Bundesliga besteht eine Notwendigkeit. Wir haben glücklicherweise mit Pep Guardiola jemanden, der das versteht. Er kennt solche Reisen aus Barcelona und macht das sehr unproblematisch mit.

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Gleichwohl monierte er zuletzt, die Termine seien zu dicht gedrängt, man würde die Akteure "killen". Lassen sich die Strapazen minimieren?

Rummenigge: Wir müssen einen besseren Spielplan entwickeln. Besser heißt für mich, dass nach einer Europa- oder Weltmeisterschaft ausreichend Regeneration gewährt wird. Weniger als drei Wochen Urlaub ist zu kurz. Wir müssen in diesen Jahren, wo ein Turnier stattfindet, den Kalender dahingehend verändern, dass die Profis mindestens vier Wochen Urlaub kriegen und der Trainer analog diese vier Wochen hat, um seine Mannschaft vorzubereiten. Diese zwei Monate muss man blockieren. Egal, was kommt. Wir müssen den Kalender harmonisieren. Mein Wunsch an FIFA und UEFA ist, diesen einfach mal zum Wohle der Spieler und Trainer zu verändern. Sie leiden darunter. Sie haben zu wenig Regeneration. Und das schadet der Motivation.

Eine Verschiebung der WM 2022 in die Wintermonate käme vermutlich ungelegen.

Rummenigge: Wir von der ECA sind grundsätzlich bereit, über ein Wechsel-Datum, ganz unabhängig ob November, Januar oder wann auch immer, zu sprechen. Unter einer Conditio: Der Vereinsfußball und die Ligen dürfen nicht als Einzige die Rechnung tragen. Wir haben, formulieren wir es so, eine gelebte Kalender-Harmonie. Zuerst Bundesliga, dann Champions League oder Europa League, zwischendurch ein paar Länderspiele. Und zum Schluss ein Turnier.

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Was bedeutet es, die Harmonie aufzubrechen?

Rummenigge: Die große Kunst ist, mit diesem Spielkalender so umzugehen, dass er möglichst wenige Veränderungen mit sich bringt. Das Verhalten der Fans ist sehr wichtig. Sie gehen am Wochenende ins Stadion. Wir haben Fernseh- und Sponsorenverträge zu erfüllen. Idealerweise wird der Kalender für ein Jahr verändert, nicht für zwei oder gar drei. Wir müssen diskutieren, ob ein Confederations Cup unter den Voraussetzungen 2020/21 stattfinden kann. Es wird jeder den Preis bezahlen müssen, um die Endrunde in Katar spielen zu können. Ich schließe nicht aus, dass die ECA einen anderen Vorschlag als November oder Januar macht. Wir müssen es auf intelligenteste Art und Weise lösen. Der Januar ist ein Problem, was die Olympischen Winterspiele 2022 angeht.

Konkret gefragt: Steigt die WM in Katar?

Rummenigge: Es gibt ein Abstimmungsergebnis pro Katar, alleine aus juristischen Gründen hat man das zu respektieren. Wäre es fair, sie im Regen stehen zu lassen? Ich glaube nicht. Wenn der Garcia-Report nichts zutage bringt, wird die WM dort stattfinden. Dann müssen wir, was bei Temperaturen bis zu 50 Grad ratsam ist, alle Optionen auf den Tisch legen: Wann ist es möglich? Wann sinnvoll? Was bereitet der Fußball-Familie die wenigsten Bauchschmerzen? Es geht nicht um Euro oder Dollar.

Am Dienstag spricht Karl-Heinz Rummenigge in Teil zwei über Xabi Alonso, Pep Guardiola und den BVB.

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