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Roma-Korrespondent Marco Terrenato: "Mehdi Benatia ist ein Aggressiv-Leader"

Wer ist Mehdi Benatia? Warum jagte ihn Europas Elite? Und: Ist er sein Geld denn wert? Wir sprachen mit unserem Roma-Korrespondenten über Bayerns jüngste Errungenschaft.

München. Bis vor einigen Wochen war Mehdi Benatia weitgehend unbekannt. Zumindest in großen Teilen Deutschlands. Nicht so in Freiburg. Im Breisgau? Eingefleischte Anhänger des Sportclub erinnern sich. Damals, 2009, wäre der Verteidiger beinahe in der Fußball-Provinz gelandet. Einzig Dirk Dufner, der frühere Manager, verhinderte das Engagement.

"Benatia", sagte er, "hat einfach nicht die Qualität, wir brauchen keinen Klopfer." In der Ligue 2, Frankreichs zweithöchster Spielklasse, verdingte sich der Marokkaner. Eine große Karriere trauten ihm die wenigsten zu. Duffner gehörte nicht zu ihnen. Er ließ sich vielmehr zu jenem, wie sich herausstellen sollte, eklatanten Fehlurteil hinreißen.

In der Gegenwart überweist der FC Bayern kolportierte 26 Millionen Euro, je nach Erfolg kann die Ablöse auf 30 Millionen anwachsen, an den AS Rom. Und Benatia (27), der Klopfer, unterschreibt für fünf Jahre. Ein Deal, der beeindruckt. Der auch Fragezeichen hinterlässt. Marco Terrenato, Roma-Korrespondent für Goal Italien, liefert Antworten. Ein Interview über Qualitäten, gebrochene Versprechen und Geldgier.

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Marco, die Münchner lassen sich Benatia einiges kosten. Zu viel?

Marco Terrenato: Es ist eine beträchtliche Summe, da stimme ich absolut zu. Aber die Roma durfte ihn nur bei einem ganz, ganz dicken Angebot ziehen lassen. Sein Vertrag hatte vier Jahre Gültigkeit und er zählte zu den Stützen. Zwei Monate zuvor beteuerte Sportdirektor Walter Sabatini nämlich, Benatia nicht unter 61 Millionen abzugeben.

Eine astronomische Forderung - jetzt trifft man einander in der Mitte. Nach der Schock-Diagnose um Javi Martinez suchte Bayern fieberhaft Ersatz. Inwiefern vermag Benatia die Lücke zu schließen?

Terrenato: Grundsätzlich denke ich, er kann jeden Verteidiger der Welt ersetzen. Martinez spielt vielleicht den besseren ersten Ball, als gelernter Mittelfeldmann kaum verwunderlich. Benatia hat aber seine Stärken, speziell im Zweikampf, ähnlich wie Martinez. Er verteidigt ganz eng, überaus körperbetont, behält zumeist die Lufthoheit. Durch sein Positionsspiel bereinigt er viele Situation, obwohl er nicht der Schnellste ist.

Mit wem ist er zu vergleichen?

Terrenato: In Italien vermutlich mit Giorgio Chiellini. Er ist ein Aggressiv-Leader, aber nicht auf typische Art und Weise. Trotz seines kämpferischen Stils versteht es Benatia, sich ohne Fouls zu behelfen. Und: Für einen Akteur seiner Zunft schießt er viele Tore, fünf waren es vergangene Saison.

Und er verfügt über Erfahrungswerte mit der Dreierkette ...

Terrenato: Richtig, seinerzeit spielte Udinese damit. Er agierte entweder im Zentrum oder auf der rechten Seite und kennt die Formation, welche Guardiola praktizieren möchte. Bei der Roma war er Chef einer Viererabwehr. Soweit ich mich erinnere, schickte Rudi Garcia die Mannschaft nur einmal mit einer Dreierkette aufs Feld, das funktioniert allerdings nicht so recht.

Guardiolas Spielkultur fußt auf Technik, auf dem viel besagten Tiki-Taka. Eisenharte Abräumer kann sich das System nicht leisten, er bevorzugt versierte Verteidiger. Erfüllt Benatia das Anforderungsprofil?

Terrenato: In Rom hatte er mit Daniele De Rossi und Kevin Strootmann zwei Sechser vor sich, die für ihn Aufgaben in der Eröffnung übernahmen, oder lange Bälle schlugen. Bei Bayern hat er nicht minder starke Mittelfeldspieler vor sich, wird aber mehr eingebunden. Benatia hat zweifelsfrei die technischen Fertigkeiten, um die Rolle zu bekleiden. Sein Passspiel ist dennoch durchschnittlich.

Ließ sein Durchbruch deshalb auf sich warten?

Terrenato: Im Fußball benötigst du bei der Vereinswahl Glück. Über Marseille, Tours, Lorient und Clermont kam er nach Italien. Bei Udinese absolvierte er drei starke Spielzeiten. Francesco Guidolin war da für seine Entwicklung sehr wichtig. Taktisch konnte er von den Italienern Einiges lernen. Unter Rudi Garcia stieß er im letzten Jahr zu den Allerbesten. Rom war überzeugt, dass ihm der Sprung in die Weltklasse gelingt. Und es war tatsächlich so. Er hatte die Rückendeckung, um durchzustarten. Bayern ist für ihn die nächste Stufe. Er wollte unbedingt dahin.

Benatia versuchte erst gar nicht, seine Wechselabsichten zu vertuschen. Er forcierte seinen Abgang. Wie gingen die Giallorossi damit um?

Terrenato: Teamintern gab man sich eine Art Versprechen, zusammen zu bleiben, um in der neuen Saison den Meistertitel zu realisieren. Rom unterbreitete ihm daraufhin ein Angebot. Er sollte etwa 2,5 Millionen Euro verdienen, lehnte die Vertragsverlängerung jedoch ab. Sein Verhalten kam bei den Kollegen nicht gut an, immerhin war er mit Francesco Totti der Anführer. Manche unterstellen ihm Geldgier. Im Juni klopften Manchester City und Chelsea an, dann eben der FC Bayern.

Was hielten die Fans davon?

Terrenato: Er war bei ihnen beliebt. Speziell als er letzte Saison per Maschinengewehr-Jubel vor den Fans ein Tor feierte. Er tat das in Anlehnung an Gabriel Batistuta, der mit dem Klub 2001 letztmals die Meisterschaft gewann. In den vergangenen Monaten legte Benatia nie wirklich den Standpunkt dar, obwohl er an sich gerne mit den Medien kommuniziert. Er deutete an, bleiben zu wollen. Letztlich wollte er mehr Geld. Also verkaufte ihn die Roma, die zuvor 13,5 Millionen für ihn bezahlte, gewinnbringend.

Sein Marktwert potenzierte sich in drei Jahren vielfach. Die Erwartungen hierzulande sind gigantisch – hält er ihnen stand?

Terrenato: Ja, er kann der richtige Spieler sein. Für ihn persönlich ist es ein großer Test. Bei Bayern sieht er sich mit vielen Topstars der Szene konfrontiert, man tritt anders auf, der Druck ist enorm. Plötzlich kämpft er um die Champions League. Ob er Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi ausschalten kann? Keine Ahnung. Er scheint bereit zu sein. Den Beweis muss er nun anstellen. In den letzten Jahren steigerte sich Benatia stetig – enttäuscht hat er nie.

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