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Owen Hargreaves: Götze hat sich Stammplatz bei Bayern noch nicht verdient

Heute wird der letzte Titel der Saison an ein deutsches Vereinsteam vergeben. Vor dem DFB-Pokalfinale haben wir uns mit Owen Hargreaves über die Bayern und den BVB unterhalten.

London. Gipfeltreffen in Berlin: Meister Bayern München und Vize Borussia Dortmund bestreiten das Traumfinale um den DFB-Pokal. Es ist der mit Spannung erwartete Abschluss der Saison und einer, der Partien dieses Kalibers noch bestens kennt, ist Owen Hargreaves.

Zehn Jahre lang spielte der Engländer für den FCB und er gewann unter anderem dreimal den DFB-Pokal. Goal traf den heute 33-Jährigen zum exklusiven Interview und redete über das Endspiel, die schwierige Entscheidung für Toni Kroos und die Kritik an Pep Guardiola:

Geht der formstarke BVB als Favorit in das Endspiel?

Hargreaves: "Das Momentum ist wichtig im Fußball. Wir haben das gerade bei Liverpools Lauf gesehen. Ich glaube, die Bayern hatten diesen Lauf und als sie den Meistertitel klarmachten, da war das Momentum ein wenig weg. Natürlich zählt das nicht allein, aber es ist ein Puzzleteil. Bayern München ist noch immer mit Abstand das beste Team in Deutschland. Aber das hier ist jetzt nur ein Spiel. Alle freuen sich darauf. Das wird ein besonderer Tag und ich glaube, dass die Bayern bereit sein werden. Ich halte Dortmund nicht für den Favoriten, aber sie haben das Momentum auf ihrer Seite."

Warum hat Bayerns Form nach dem Gewinn des Titels nachgelassen?

Hargreaves: "Einfach nur so, so einfach ist das. Sie haben die Meisterschaft gewonnen und dann ein wenig den Fuß vom Gas genommen. Ich denke nicht, dass sie es absichtlich getan haben. Die Liga war vorbei und es fehlt dann einfach eine Kleinigkeit: die Entschlossenheit. Sie waren ein wenig zu bequem und das reicht im Fußball schon. Sie wurde zu Hause gegen Dortmund und in der Champions League gegen Real Madrid dafür bestraft."

Geht die Kritik an Pep Guardiola zu weit?

Hargreaves: "Guardiola hat einen bemerkenswerten Job gemacht. Ich meine, er hat die Meisterschaft zwei Monate vor dem Ende gewonnen. Bayern München war mit riesigem Abstand lange Zeit die beste deutsche Mannschaft. Er kam dorthin und hat alle Rekorde gebrochen. Er hat eine tolle Mannschaft übernommen und er hat zwei Spiele in dieser Saison verloren. Nun dieser Saison am Ende einen negativen Touch zu geben, das ist aus meiner Sicht lächerlich. In der Champions League haben sie gegen eine bessere Mannschaft verloren. Aber sie haben die Bundesliga gewonnen und halten Kurs auf das Double. Ich halte das für eine ziemlich erfolgreiche Saison."

Mandzukic ist überraschend in Berlin nicht dabei. Er oder Götze, wer wäre denn für Sie die Idealbesetzung im Sturmzentrum?

Hargreaves: "Mandzukic und Götze sind komplett unterschiedliche Spieler. Man muss sich auf die Umstände einstellen. Nehmen wir zum Beispiel das Spiel gegen Real Madrid. Da waren die Räume sehr eng und man konnte Mandzukic nicht gut einsetzen. Er ist gut, wenn er in die Gassen geht und hinter die Verteidiger läuft. Er leistet da viel Arbeit für die Mannschaft. Aber wenn es so eng ist und jemand so kompakt wie Real Madrid verteidigt, dann ist jemand wie Götze besser zu gebrauchen. Götze war bis jetzt jemand, der eingewechselt wurde und dann das Spiel beeinflusst hat. Ein Stammspieler ist er wahrlich noch nicht. Bayern hat Ribery auf links, Robben auf rechts und diese Dominanz im Mittelfeld. Wenn er seine Chance bekam, war er effektiv. Aber aus meiner Sicht hat er sich einen Stammplatz noch nicht verdient."

Mit welcher Reaktion rechnen Sie, sollte Robert Lewandowski am Samstagabend gegen seinen künftigen Verein treffen?

Hargreaves: "Falls er ein Tor schießt, dann sollte er jubeln. Er ist ein Spieler, der den Unterschied macht. Auch auf diesem hohen Level war er immer konkurrenzfähig. Er ist hungrig und er ist entschlossen. Viele Menschen, die Sport treiben, verfügen nicht über diese Eigenschaften. Er wäre in jeder Sportart großartig! Er sollte vorangehen und den Bayern zeigen, warum er kommt. Er sollte sagen: 'Ich mache Eure Mannschaft stärker. Ich werde Euch besiegen.' Es gilt, nicht über die nächste Saison nachzudenken, sondern sich allein auf dieses Spiel zu fokussieren. Er sollte für Dortmund alles geben, denn der Verein war super zu ihm."

Wird der BVB den Bayern Paroli bieten können, wenn er nicht mehr da ist?

Hargreaves: "Jürgen Klopp ist ein toller Trainer. Die Dortmunder spielen mit so viel Energie. Sie pressen, sie arbeiten hart. Sie hatten in dieser Saison einige Verletzungen und es war schwer mit dieser Dreifachbelastung. Die Verletzungen hatten eine Menge damit zu tun, wie es in dieser Saison gelaufen ist. Im Prinzip haben sie das ganze Jahr ohne Gündogan gespielt. Hummels fiel lange aus und Piszczek ebenfalls. Ich denke es wird schwer für sie, nochmal auf das Level vom Champions-League-Finale zu kommen. Aber Jürgen Klopp ist großartig und Lewandowski hatte auch niemand auf dem Schirm, als er zur Borussia kam. Und nun ist er einer der besten Stürmer der Welt."

Und wie wird es "Lewy" bei den Bayern ergehen?

Hargreaves: "Er wird von Anfang an spielen, ja. Er ist einer der besten Torjäger, die es gibt und er ist genau das, was Bayern München braucht. Er geht dorthin und er wird in allen Wettbewerben treffen. Interessant wird es mit Mandzukic: Kann er das schlucken? Wird er bleiben oder wird er wechseln? Arsenal oder Chelsea, ich denke, er könnte beide verstärken. Bei den Bayern spielt nur ein Stürmer. Es heißt also entweder-oder. Ich halte die Chance für groß, dass er wechseln wird."

Bayern oder Manchester United? Sie kennen diese Entscheidung und wechselten einst selbst von der Säbener Straße zu den Red Devils. Was sollte Toni Kroos bedenken, wenn er die Entscheidung für seine Zukunft trifft?

Hargreaves: "Sie haben den Ersatz ja schon mit Thiago in ihren Reihen. Ich bin unentschlossen. Ich wollte damals gehen, weil ich zehn Jahre bei Bayern war und eine andere Herausforderung suchte. Es ging mir nicht ums Geld. Ich wollte für England spielen und ich wollte in der Liga spielen. Bei Kroos ist das anders. Er kam zwar schon in jungen Jahren von Hansa Rostock, doch es geht hauptsächlich um das Geld. Die viel wichtigere Frage für mich lautet: Passt er in die Premier League? Passt er in eine Mannschaft, die in einem 4-4-2 mit zwei Stürmern spielen wird? Er wird dort eine Menge Verantwortung haben und er wird eine Menge nach hinten arbeiten müssen. Etwas, das nicht zu seinen großen Stärken gehört. Von daher passt er besser zu Arsenal oder Real Madrid oder Barcelona. Ich finde allerdings, dass er im Moment schon am für ihn bestmöglichen Ort ist."

Also sollte Toni Kroos bleiben, es seinen Kritikern zeigen und bei den Bayern um einen Stammplatz kämpfen?

Hargreaves: "Jeder muss diese Entscheidung für sich selbst treffen. Das Gras des Nachbarn ist nicht immer grüner. Sicher, er könnte irgendwo anders hingehen. Aber er hat doch bei Bayern München alles, was er braucht. Wenn er sich verändern möchte und eine neue Sprache lernen will, dann kann er gehen. Ich halte das aber mehr für eine persönliche als eine fußballerische Entscheidung. Denn tolle Ziele sind das da draußen allesamt."

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