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Christoph Metzelder: "Real ist eine Mannschaft der Kompromisse"

Trotz Hinspiel-Ergebnis sieht der Ex-Spieler beider Vereine eine Mini-Chance für den BVB. Metzelder weiß jedoch: Ein möglicher Blitzstart birgt auch eine große Gefahr.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Hassan Talib Haji

Dortmund. Borussia Dortmund braucht nicht weniger als ein (Fußball-) Wunder, um nach der 0:3-Niederlage bei Real Madrid noch ins Halbfinale der Champions League einzuziehen. Vor heimischer Kulisse wird die Königsklassen-Hymne in dieser Spielzeit wohl das letzte Mal für die Mannschaft von Jürgen Klopp ertönen.

Im Vorfeld der Partie sprach Sky-Experte Christoph Metzelder exklusiv mit Goal: Über die schwarz-gelbe Waffe Robert Lewandowski, Restzweifel um Edin Dzeko, Vermittler Carlo Ancelotti und königliche Problemzonen.

Herr Metzelder, im Hinspiel und dem Aufeinandertreffen Ihrer beiden Ex-Vereine schlugen doch bestimmt zwei Herzen in Ihrer Brust?

Metzelder: Natürlich war das für mich ein besonderes Spiel. Ich halte es aber so, dass ich dem Außenseiter die Daumen drücke. Und in dem Fall dann sowieso der deutschen Mannschaft. Auf der einen Seite hat die Borussia eine gute zweite Halbzeit gespielt und auch Chancen zum wichtigen Auswärtstor gehabt. Auf der anderen Seite hatte ich aber bei Real Madrid jederzeit das Gefühl, dass sie, wenn sie wollen oder müssen, problemlos einen Gang hochschalten können. Angetan war ich von der Defensivleistung. Sie opfern ihre Abwehr traditionell zugunsten des Offensivspiels, aber gerade die Innenverteidiger Pepe und Sergio Ramos haben das in schwierigen Situationen super gelöst.

Was sagt das für das Rückspiel aus?

Metzelder: Ich behaupte mal: Mit Robert Lewandowski im Rückspiel wird der BVB vielleicht die ein oder andere Szene besser ausspielen und noch gefährlicher sein. So kann Dortmund das Spiel möglicherweise gewinnen, aber ob das dann für den Halbfinal-Einzug reicht, wage ich zu bezweifeln.

Wie bewerten Sie die psychologische Ausgangslage? Immerhin hat Dortmund nichts mehr zu verlieren.

Metzelder: "Nichts zu verlieren" ist so eine Floskel, die in solchen Situationen oft bemüht wird. Als Sportler hat man immer was zu verlieren! Das Spiel, den persönlichen Zweikampf, seine Würde. Man läuft aus dem Kabinengang, guckt nach rechts und dort stehen Spieler wie Cristiano Ronaldo, Gareth Bale oder Karim Benzema. Da muss man fokussiert und konzentriert sein und alles geben, um sich achtbar zu schlagen.

Wird Real dieses Spiel mit der nötigen Ernsthaftigkeit angehen?

Metzelder: Das hat man schon gegen Schalke gesehen. Da war das Hinspiel-Ergebnis noch klarer und man hatte dennoch auf dem Platz immer das Gefühl, dass Madrid das Spiel ernst nimmt. Vor allem Ronaldo, der heiß darauf ist, seine persönliche Statistik hochzuschrauben. Sie werden mit Sicherheit motiviert sein.

Wie kann Jürgen Klopp am besten auf seine Mannschaft einwirken und sie bestmöglich motivieren?

Metzelder: Ich habe eine ähnliche Ausgangssituation 2011 mit Schalke erlebt. Wir standen im Halbfinale gegen Manchester United und verloren zuhause 0:2. Natürlich versucht man dann im Rückspiel alles und mit einem frühen Tor das Unmögliche zu schaffen. Ich glaube, dass Borussia Dortmund in der Anfangsphase alles raushauen wird, um eine Atmosphäre zu kreieren, die sie über sich hinauswachsen lässt.

Läuft man nicht auch Gefahr, zu überdrehen?

Metzelder: Mit Sicherheit. Sollte Real Madrid wieder ein frühes Tor erzielen, wäre die Moral gebrochen. Im Hinspiel haben sie sich immer wieder durch die individuelle Klasse aus Pressingsituationen befreien können und dann sehr viel Raum vorgefunden. Borussia Dortmund kann aber diszipliniert und gut im Kollektiv verteidigen, den Gegner mit hohem Aufwand zu Fehlern zwingen. Es wird wichtig sein, die richtige Balance zu finden, ansonsten wird Real wieder gnadenlos zuschlagen.

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Das Spiel im Bernabeu war auch ein Vorgeschmack auf eine Borussia ohne Robert Lewandowski. Grund also, dass einem Angst und Bange wird?

Metzelder: Ich glaube schon, dass sie im Angriff investieren werden. Mit Julian Schieber haben sie momentan nur einen weiteren nominellen Stürmer, der aber in seiner bisherigen Zeit in Dortmund nicht überzeugen konnte. Es wird ja kolportiert, dass der Wechsel von Adrian Ramos von Hertha BSC kurz bevorsteht. Das würde aus meiner Sicht passen. Trotzdem glaube ich, dass sie noch einen zentralen Stürmer verpflichten werden. Auf den drei Positionen dahinter haben sie bereits in dieser Saison mit Mkhitaryan und Aubameyang Qualität auch in der Breite dazugeholt.

Muss ein Lewandowski-Ersatz der gleiche Typus Spieler sein?

Metzelder: Klar ist, sie brauchen vorne jemanden. Lewandowski geht, der Verbleib von Schieber ist durchaus fraglich. Immer wieder fällt auch der Name Edin Dzeko, der die Bundesliga ja bestens kennt. Das wäre mit Sicherheit ein teures Paket und es bliebe der Restzweifel, ob er sich auf das laufintensive Spiel von Jürgen Klopp so einlässt. Ramos spielt bei Hertha BSC ganz vorne nahezu den Alleinunterhalter und ist erster Defensivspieler. Er wird kreuz und quer angespielt, ist aber in der Lage die Bälle zu verarbeiten und zu behaupten. Er ist schnell und hat einen tollen Abschluss, passt deswegen aus meiner Sicht in das Anforderungsprofil. Allerdings ist er noch nicht auf dem Niveau von Lewandowski. Aber als dieser nach Dortmund kam, hat er auch eineinhalb Jahre gebraucht.

Wie kann der BVB Pepe und Sergio Ramos knacken, die im Hinspiel viele brandgefährliche Chancen im letzten Moment klären konnten?

Metzelder: Das sind beide, für sich gesehen, hervorragende Spieler. Bei Real leiden die Innenverteidiger aber immer unter dem Diktat, so offensiv wie möglich zu spielen. Dadurch kommen sie oft in Eins-gegen-Eins-Situationen, die sehr schwer zu verteidigen sind. Im Hinspiel haben sie das super gemacht und immer wieder brenzlige Szenen geklärt. Allerdings sind beide auch Heißsporne, die aufgrund ihrer überbordenden Aggressivität immer mal für eine Karte gut sind. Fehlerlos sind beide wahrlich nicht.

Viele Menschen träumen von einem Duell zwischen Real und den Bayern. Beiden Mannschaften werden jeweils die richtigen Waffen zugesprochen, um den Gegner zu besiegen. Wer hat bei Ihnen die Nase vorn?

Metzelder: Ich denke schon, dass die Bayern unter Pep Guardiola, ähnlich wie Barcelona, aus meiner Sicht ein überlegenes Spielsystem haben. Sie haben stets viel Ballbesitz und diese extreme Ballzirkulation zermürbt viele Gegner. Real Madrid dagegen ist für mich mehr die Mannschaft der Kompromisse.

"Als Trainer eine Ära bei Madrid zu prägen, hängt extrem von Titeln ab."

Christoph Metzelder

Wie meinen Sie das genau?

Metzelder: Mit Gareth Bale haben sie einen Linksaußen geholt, der nun aber über die rechte Seite kommen muss, weil links bereits Cristiano Ronaldo spielt. Aus dem 4-2-3-1 haben sie deswegen ein 4-3-3 mit allen Freiheiten für die drei Angreifer gemacht. Es ist keine klare Spielphilosophie zu erkennen. Xabi Alonso und Luca Modric sind die Taktgeber, aber ihr Spiel variiert zwischen langen Diagonalbällen und plötzlichem Kurzpassspiel. Sie sind momentan sehr erfolgreich, leiden aber weiterhin, wenn sie wenig Ballbesitz haben und hinterherlaufen müssen. Und das erwartet sie zwangsläufig gegen die "Ballbesitz-Maschinen" Bayern oder Barcelona.

Iker Casillas ist in der Liga nur zweite Wahl, spielt aber die Champions League. Hätten Sie gedacht, dass Diego Lopez auch bei Carlo Ancelotti in der Primera Division die Nummer eins bleibt?

Metzelder: Diego Lopez ist ein guter Torwart. Viele Beobachter sagten schon zu meiner Zeit bei Real, dass sie sich auf einem ähnlichen Niveau bewegen. Casillas ist in Madrid aber eine Ikone, sowohl auf als auch neben dem Platz. Da muss man schon viele gute Gründe haben, ihn nicht als klare Nummer eins zu benennen. Carlo Ancelotti hat das Team bisher mit ruhiger Hand geführt und befriedet. Es gab am Ende der letzten Saison Dissonanzen zwischen Jose Mourinho und der Mannschaft, zwischen Mourinho und den Fans und Mitgliedern, das Theater um Casillas. Ancelotti hat das alles beruhigt und die Torwartfrage fast salomonisch gelöst. Lopez darf in der Liga ran, Casillas im Pokal und in der Königsklasse - also dem wichtigsten Wettbewerb für Real Madrid.

Sie hatten in drei Jahren bei Real Madrid drei verschiedene Trainer, danach kam Mourinho. Wird mit Ancelotti nun Kontinuität auf dem Trainerposten einkehren oder ist das dort gar nicht möglich?

Metzelder: Das ist ganz schwierig zu beantworten. Gefühlt der Letzte, der das geschafft hat, war Vicente del Bosque. Ähnlich wie auch der Eindruck, dass es die spanischen Spieler sind, die über Jahre bei Real bleiben und die Legionäre schneller ausgetauscht werden. Ich mag die erste These daher nicht unterstützen. Als Trainer eine Ära bei Madrid zu prägen, hängt extrem von Titeln ab.

Zum Abschluss: Sie kennen die Rivalität zwischen Real und Barca bestens. Aktuell ist Barcelona im Fokus und es hat eine Transfersperre der FIFA gegen die Katalanen gegeben. Barca wittert seinerseits eine Verschwörung und Kampagne gegen sich. Glauben Sie daran und falls ja, halten Sie es für möglich, dass Real diese lanciert hat?

Metzelder: Zu allererst muss man natürlich sagen, dass internationale Transfers von Minderjährigen trotz FIFA-Verbotes offensichtlich vom spanischen Verband geduldet, aber zumindest absegnet wurden. Die RFEF wurde ja ihrerseits mit einer Strafe belegt und aufgefordert zukünftig die Bestimmungen der FIFA zu achten. Im Falle von Barcelona kann man davon ausgehen, dass neben den Spielern wohl auch deren Familien mit nach Spanien übersiedeln. Von den jungen Spielern wird sich kaum jemand beschwert haben, denn die würden sich ein Bein ausreißen, um einmal für Barcelona zu spielen. Von daher liegt es nahe, dass die Konkurrenz dieses Verhalten moniert hat. Verband und Verein werden aber sicherlich die 90-tägige Einspruchsfrist wahrnehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Sanktionen bestehen bleiben.

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