thumbnail Hallo,

Dr. Gregor Nimz vor Juventus gegen Bayern: „Im Hinspiel kein Italien-Komplex zu sehen“

Aus Italien kommen meist die Angstgegner für deutsche Teams. Ein Sport-Psychologe rät, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und sich auf Rückschläge vorzubereiten.

Berlin. Die deutsche Nationalmannschaft hat ein echtes Italien-Trauma. Bei der WM 2006 war im Halbfinale gegen die „Squadra Azzurra“ Schluss und auch bei der EM im letzten Jahr schickten Balotelli und Co. das DFB-Team in der Runde der letzten Vier nach Hause. Die Bayern haben hingegen in der vergangenen Woche in der Champions League gegen Juventus Turin eine starke Leistung abgeliefert und sich durch das 2:0 eine gute Ausgangsposition für das heutige Rückspiel erarbeitet.

Wir haben uns vor dem zweiten Duell mit dem Sportpsychologen Dr. Gregor Nimz unterhalten, der in der Aufarbeitung von Niederlagen und der Vorbereitung auf mögliche Rückschläge den Schlüssel zum Erfolg sieht.

Goal.com: Glauben Sie, dass es so etwas wie einen „Italien-Komplex“ bei Spielern wie Schweinsteiger und Lahm gibt?

Nimz: „Ich denke nicht, dass es einen sogenannten „Italien-Komplex“ bei den Spielern gibt. Dafür sind sie Profi genug. Sie werden ihre „Hausaufgaben“ in der Verarbeitung gemacht haben. Das heißt, sie werden das Spiel analysiert und ihre Lerneffekte daraus gezogen haben.

Das hat man im Hinspiel auch sehr gut beobachten können. Dort war nicht annähernd solch ein Komplex zu sehen. Die Spieler, und insbesondere die Bayern in dieser Saison, haben sich voll und ganz auf ihre Stärken konzentriert und diese souverän ausgespielt. Sie reagieren nicht auf den Gegner, sondern agieren aus ihrer Selbstüberzeugung heraus. Das merkt man auch daran, dass sie besonders gute Spieler des Gegners nicht in Manndeckung nehmen, so wie es in der Vergangenheit der Fall war. Vielmehr sind sie sich ihrer Stärken bewusst und können diese am Tag X umsetzen.“

Alles aus der Champions League bei Goal.com

Goal.com: Halten Sie es für möglich, dass bei einem frühen Rückstand in Turin Erinnerungen zurückkehren und das Spiel aus Bayern-Sicht noch aus dem Ruder läuft?

Nimz: „Die Spieler und der Trainer haben sich auf dieses Spiel sicher gut vorbereitet und werden sich von einem möglichen Rückstand nicht aus der Ruhe bringen lassen. Auch hier gilt die innere Überzeugung: „Wir sind gut vorbereitet und haben alle Ressourcen an der Hand, um das Spiel zu drehen und zu gewinnen“. Gerade wenn man in solchen Situationen ruhig und gelassen bleibt, kann es den Gegnern überraschen. Und genau dann kann die Mannschaft zeigen, dass sie ein Weltklasseteam ist.“

Goal.com: Wenn Sie der Trainer wären, würden Sie diese Möglichkeit vorher ansprechen?

Nimz: „Aus Trainersicht würde ich das Thema ansprechen, wenn ich merke, dass es die Mannschaft oder einzelne Spieler beschäftigt. In diesem Fall könnte man mit dem gesamten Team oder einzelnen Spielern eine „Mentale Wettkampfvorbereitung“ vornehmen. Dabei spielt man einzelne Szenarien durch, die im Spiel passieren können. So kann man zum Beispiel besprechen, wie sich die Mannschaft verhält, wenn ein früher Rückstand, eine hohe Führung zur Halbzeit oder der Ausfall eines Führungsspielers passiert. Wie kann die Mannschaft in solchen Situationen reagieren? Was sind die konkreten Maßnahmen, die das Team dann umsetzt? Dadurch beschäftigt man sich im Vorfeld mit diesen Situationen und ist darauf vorbereitet, da man diese schon mental trainiert und einen genauen Handlungsplan hat. Der Kopf hat dadurch freie Kapazitäten für andere, wichtige Entscheidungen.“

Goal.com: Würden Sie mit den Spielern überhaupt über die negativen Erlebnisse der Vergangenheit sprechen?

Nimz: „Ich denke, die Aufarbeitung sollte schon abgeschlossen sein und nicht wieder „zwanghaft“ aufgefrischt werden. Es sei denn, ein Spieler oder das Team hat den Wunsch danach. Grundsätzlich sollte der Fokus aber auf die positiven Aspekte, die Stärken des Teams und der Spieler gelegt werden. Hier kann der Trainer in seiner Ansprache Punkte aufnehmen, aber auch beim Aufwärmen entsprechende Übungen auswählen, die den Spielern ihre Stärken bewusst machen.“

Goal.com: Glauben Sie, dass einige Spieler aus den negativen Erfahrungen gestärkt hervorgegangen sind?

Nimz: „Die Spieler haben bei der richtigen Verarbeitung auch Lerneffekte erzielt. Zudem kann es einen besonderen Motivationsschub geben. So kann zum Beispiel eine „Jetzt erst recht“- Mentalität aufkommen, bei der die Spieler besonders fokussiert sind.“

Goal.com: Wird dieses Thema eigentlich speziell nach der EM medial überbewertet?

Nimz: „Ja, das denke ich. Die EM ist jetzt schon wieder Vergangenheit, sollte es sein. Der Fokus liegt im „Hier und Jetzt“. Oder glauben Sie, die Italiener denken an ihre vergangenen Misserfolge gegen Deutschland? Was steht wohl dort in den Zeitungen? Gehe ich zum Beispiel zum entscheidenden Elfmeter und habe den verschossenen von letzter Woche noch im Kopf, sollte ich einen Anderen schießen lassen. Stelle ich mir hingegen vor, wie der Elfer rechts oben im Tor einschlägt, steigere ich die Wahrscheinlichkeit, dass es auch so passiert.“

Zur Person:

Dr. Gregor Nimz ist als freiberuflicher Sportpsychologe tätig und unterstützt seit mehreren Jahren Mannschaften und Einzelsportler im Leistungs- und Spitzensport bei der Erreichung ihrer sportlichen Ziele. Er ist Inhaber des „Instituts für systemisches Coaching in Sport & Wirtschaft“ mit Sitz in Frankfurt am Main. Der ehemalige Leistungssportler ist zudem Professor an der Hochschule für Gesundheit & Sport, mit dem Schwerpunkt „Angewandte Sportpsychologie“.

EURE MEINUNG: Warum tun sich deutsche Mannschaften oft gegen italienische Teams schwer?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf
oder werde Fan von Goal.com auf !

Dazugehörig