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Marcus Urban ist einer der wenigen Profi-Fußballer, der sich mit seiner Homosexualität geoutet hat. Im Interview mit Goal.com spricht er über das größte Tabuthema im Profifußball.

Teil 1 des Interviews mit Marcus Urban

Im zweiten Teil des exklusiven Gesprächs mit Goal.com erzählt Marcus Urban, dass er einige schwule Fußballprofis kennt, ob er ihnen raten würde, sich zum jetzigen Zeitpunkt zu outen und wie man das Thema „Homosexualität im Fußball“ am Leben hält.

Glauben Sie, dass es Journalisten gibt, die das Geheimnis eines Spielers kennen, es aber zurückhalten im Austausch gegen exklusive Informationen?


Marcus Urban: Für unwahrscheinlich halte ich es nicht. Es gab solche Fälle ja schon in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Politik, wo Druck seitens der Presse ausgeübt wurde. Warum sollte das im Fußball anders sein? Aber ich würde nicht sagen, dass das die Regel ist. Es wissen Journalisten, die aber auch von sich aus dicht halten.

Inwieweit wissen die Klubs vom Doppelleben eines ihrer Spieler? Wird von Beziehungen beziehungsweise einem Outing abgeraten?

Marcus Urban: Das ist gut möglich und vorstellbar, dass es so ist. Ich denke, dass das Management oder Teile des Vereins besser eingebunden sind, als man denkt. Aber die halten natürlich auch dicht. Einige Manager raten ihren Spielern mit Sicherheit, sich zu verstecken, damit die Karriere nicht flöten geht.

Glauben Sie, dass, wenn sich ein Spieler geoutet hat, das Echo der Fans brutal sein könnte, die Spieler körperlich angegangen werden eventuell?

Marcus Urban: Das ist gut möglich.

Kennen Sie homosexuelle Bundesligaspieler?

Marcus Urban: Ja. Mir sind sowohl ehemalige Nationalspieler als auch aktuelle Bundesligaspieler bekannt. Auch viele aus ausländischen Ligen.

Spricht man da über das Thema Outing?

Marcus Urban: Ja, unter anderem.

Würden Sie einem Spieler zum jetzigen Zeitpunkt raten, ein Outing zu machen? Der erste Schritt wurde ja mit dem Interview bei fluter.de gemacht.

Marcus Urban: Da kann ich keine eindeutige Antwort geben. Als Coach oder Berater würde ich einem Spieler eventuell sagen: 'Warte mal noch ein bisschen, bis sich Verbände und Vereine besser darauf vorbereitet haben, rede mit anderen. Mach es aber jetzt vielleicht noch nicht jetzt.'
Als Mensch, als Marcus Urban, der seine Karriere an den Nagel gehängt hat, um authentisch und glücklich zu sein, sage ich natürlich: 'Oute dich.'


Das Thema muss sichtbar und hörbar bleiben. Es geht um eine kontinuierliche Arbeit an einem besseren Klima in der Fußballwelt. Letzten Endes damit auch in der Gesellschaft.“

- Marcus Urban


Homosexuelle werden in den Stadien immer wieder diskriminiert. Wie denken Sie darüber, wenn der Begriff „schwul“ in etlichen Fangesängen fällt oder als Schimpfwort benutzt wird? Was müssen der DFB und die UEFA dagegen tun? Und wie schnell muss reagiert werden?

Marcus Urban: Am besten gestern. Wir wissen nicht, wann das Outing kommt. Das kann in Deutschland passieren, aber auch zum Beispiel in Skandinavien. Nur wenn es dann kommt und wir sind nicht vorbereitet, können da echt komische Situationen entstehen. Es ist längst fällig, dass wir uns darauf vorbereiten. Man braucht in den Vereinen und Verbänden offizielle Ansprechpartner zum Thema Homophobie oder Homosexualität. Diese Arbeit ist notwendig. Bisher wurde das kaum thematisiert, nicht ernst genommen.

Marcus Urban - Vom Versteckspieler zum Aufklärer: Ein Porträt

Was kann ein Fan in seinem Stadion gegen solche Gesänge tun?

Marcus Urban: Ich kenne viele, die das ansprechen und dagegen vorgehen. Man muss nicht schwul oder lesbisch sein, um sein Umfeld mit zu gestalten. Jeder hat es in der Hand, zu sagen, dass will ich in meinem Stadion nicht haben und nicht hören.

Meinen Sie, dass am Ende, wenn sich ein Spieler geoutet hat, der Schock, das Medienecho, gar nicht so groß wäre?

Marcus Urban: Was passieren würde, wäre eine Art Testphase. Für viele wäre es ein erster Kontakt mit Schwulen oder einem schwulen Fußballer. Und dann werden sie austesten, was geht. Kann ich das Wort schwul noch sagen? Was passiert denn, wenn ich das jetzt sage? Das würde dann solange gehen, bis es egal wird. Es wird sich dann normalisieren, selbstverständlich werden. Ich rechne insgesamt mit einem positiven Schock.    

Das Echo auf das anonyme Interview war groß. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich dazu. Knapp einen Monat später ist das Thema wieder in den Hintergrund gerückt. Wie kann man dem entgegenwirken, wie hält man das Thema aktuell und präsent?

Marcus Urban: Das Thema muss sichtbar und hörbar bleiben. Nun ist es ja nicht so, dass es jede zweite Woche ein anonymes Interview mit einem schwulen Bundesligaspieler gibt, das einen Hype auslöst. Es geht um eine kontinuierliche Arbeit an einem besseren Klima in der Fußballwelt. Letzten Endes damit auch in der Gesellschaft.

„Wir können in einem Jahr wieder sprechen und dann kann ich vielleicht meinen Namen unter das Gesagte setzen“, hat der anonyme Spieler im Interview gesagt. Halten Sie diesen Zeitraum für realistisch, dass sich jemand aus der Bundesliga outet?

Marcus Urban: Das ist nicht unrealistisch. Vor drei Wochen gab es dieses anonyme Interview noch nicht, das kam wie aus dem Nichts. Wer sagt uns denn, dass sich nächste Woche niemand outet? Kein Manager, kein Präsident, kein Fan. Höchstens die Spieler selbst. Die kennen am besten ihre Entwicklung, schauen auf die Atmosphäre, auf die Fans, auf den Mediendruck. Das hat den interviewten Spieler, und auch andere, natürlich jetzt abgeschreckt, was da passiert ist.
Es war ein Test und man hat gesehen, dass so ungefähr das Echo darauf ist. Man tastet sich an das Thema heran. Das war nur ein Zwischenschritt für das, was dann kommt. Jetzt kann man sich Maßnahmen überlegen, wie man reagiert, was man machen kann, wenn es soweit ist.

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Projekt der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Stiftungs-Projekt - „Fußball gegen Homophobie“

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld versteht sich als Impulsgeberin für die Erforschung und Darstellung geschichtlicher Zusammenhänge und aktueller Entwicklungen hinsichtlich der Diskriminierung und des Alltags von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Intersexuellen (LSBTI).

Ansprechpartner: Marcus Urban
Tel. +49(0)30 - 212 343 76-3
Fax +49-(0)30 - 212 343 76-2
Mobil +49 (0)170 – 544 29 67
marcus.urban@mh-stiftung.de
Mohrenstraße 63
D-10117 Berlin

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