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Kristina Nicolai, 21, aus Lemsahl, einem Vorort von Hamburg, steht fast jedes Wochenende als Fußball-Schiedsrichterin auf dem Platz. Mit Goal.com hat sie darüber gesprochen.


Kristina Nicolai, 21, aus Lemsahl, einem Vorort von Hamburg, steht fast jedes Wochenende als Fußball-Schiedsrichterin auf dem Platz. Sie pfeift Spiele der Frauen-Regionalliga, bei den Männern Landesliga. Mit Goal.com hat sie darüber gesprochen, was sie auf und neben dem Platz erlebt, und was sie so zu hören kriegt.

Warum bist du Schiedsrichterin geworden?

Meine große Schwester war Schiedsrichterin und das hat mir gut gefallen. Ich fing an, mich dafür zu interessieren, zu der Zeit gab es bei uns im Verein wenig Schiedsrichterinnen. Das Thema wurde im Verein nie so ernst genommen. Ich wollte denen beweisen, dass ich als Frau genauso gut pfeife wie meine männlichen Kollegen. Und das habe ich bis ja auch gut geschafft!

Hast du selber mal Fußball gespielt?

Nachdem ich als Schiedsrichterin dieses Jahr aufgestiegen bin, pausiere ich mit meiner Fußballkarriere bei DuWO 08 erst mal. Die Schiedsrichterei ist in den Vordergrund getreten. Aber ich muss Gott sei Dank als Schiedsrichterin nicht aus meinem Verein austreten und kann jeder Zeit wieder als Spielerin zurück.

In welchen Ligen pfeifst du?

Ich pfeife seit einer Saison in der Frauen-Regionalliga, das ist die dritte Liga. Außerdem bin ich gerade in die Männer-Landesliga aufgestiegen, sechste Liga. Ach ja, in der Männer-Oberliga bin ich Assistentin. Man merkt die Unterschiede zwischen den Ligen. In der Bezirks- und Kreisliga ist das Tempo nicht so hoch, aber ab Landesliga musst du schon ordentlich hinterher kommen.

Musst du für diese Ligen extra trainieren?

Eigentlich reicht es aus, am normalen Fußballtraining teilzunehmen. Solange man dort ernsthaft trainiert und nicht so einen Hühnerkram macht... Genauso wichtig ist das wöchentliche Training des Verbands-Schiedsrichterausschusses. In der fußballfreien Zeit komme ich ums Joggen nicht herum, um fit zu bleiben. Aber das ist eigentlich bei jedem so.

War es schwer, sich als Schiedsrichterin durchzusetzen?

Als Frau ist es schwer, den Männern gerecht zu werden. Die pöbeln ganz gerne und werden manchmal persönlich. Aber das machen die Spieler auch bei männlichen Schiedsrichtern. Und bei mir sogar eher weniger, weil ich eine Frau bin. Dann halten Sie sich schon mal zurück und überlegen, ob sie einen Spruch rauslassen. Aber einige Sprüche hört man dann doch immer wieder: „Trikottausch?“, oder: „Nachher duschen?“. Das muss man halt ertragen und die wollen ja nur lustig sein, ne.

Du steckst das gut weg?

Ja, am Anfang war es manchmal ein bisschen schwierig, so schlagfertig zu sein. Gerade wenn die Spieler älter als ich sind. Aber das kommt dann mit der Zeit und man baut ein gewisses Selbstbewusstsein auf. In den jüngeren Klassen ist es überraschender Weise manchmal schwerer als bei den älteren. Bei einem D-Jugend Spiel wurde mir mal zugerufen: „Guckt mal Leute, da kommt ‘ne blonde Schlampe.“ Die kleinen Jungs dachten, ich habe das nicht gehört. Nachdem ich dann den Trainer darauf aufmerksam gemacht habe, gab es für den Verein eine Geldstrafe. Nebenbei sind diese unpersönlichen Strafen ein Grund dafür, warum es in den unteren Klassen meiner Meinung nach öfter zu solchen Vorfällen kommt. Es gibt für die jüngeren einfach noch nicht so hohe Strafen und das wissen die ganz genau.

Und F-Jugend?

Noch schwieriger. Da kriegst du nicht nur vom Trainer andauernd was ins Spiel gerufen, sondern von allen Seiten schreien die ehrgeizigen Eltern. Nach dem Spiel gibt’s dann häufig Gespräche mit aufgewühlten Eltern, die gar nicht so richtig wissen, wovon sie eigentlich reden. Ganz gerne hätte ich dann mal ein Regelbuch in der Hand und würde sagen: „Lesen sie sich das doch mal durch, dann wissen sie Bescheid“! Aber das gibt’s überall im Fußball und das macht es auch teilweise aus. Sonst ist es ja auch langweilig, wenn da nicht mal ein bisschen gepöbelt wird. Genau so etwas stachelt die Spieler ja an und macht das Spiel interessanter.

Ist dir schon mal der Kragen geplatzt?

Ich musste eigentlich erst einmal so richtig laut werden. Da sind die meisten schon erschrocken, wenn sie hören, was dann da aus mir raus kommt. Ich bin ja nicht die Größte! Die wollten sich die ganze Zeit an den Kragen und haben sich beschimpft. Da musste man dann einfach mal laut werden, wenn die Pfeife nichts mehr bringt. Aber meistens kann man das auch ganz gut durch die Pfeife regeln. Dann zucken sie immer alle zusammen. Nach sieben Jahren als Schiedsrichterin kann ich relativ schnell einschätzen welche Spielertypen auf dem Feld stehen. Es ist mir schon erstaunlich oft passiert, dass ich nach den ersten Minuten ausmachen konnte, wer das Spielfeld nicht ohne Gelbe Karte verlässt.

Wirst du vom Verband und den Vereinen unterstützt?

Ja, mittlerweile sehr gut. Früher hatte unser Schiri-Obmann viele Vorurteile gegen den Frauenfußball. Durch den Einsatz meiner Schiedsrichter-Kolleginnen und mir konnten wir ihm beweisen, dass Frauenfußball besser ist, als er dachte. Mittlerweile lobt er uns häufig, und wenn meine Schwester oder ich mal selber Fußball spielen, sagt er uns danach immer, wie schlecht wir gespielt haben, damit wir mehr pfeifen.

Möchtest du irgendwann Bundesliga pfeifen?

Ich sage mir: Schritt für Schritt, und setze mir kleine Ziele. Klar, macht man sich über die Frauen-Bundesliga Gedanken. Es ist ja nun auch greifbar, wenn man eben schon in der dritten Liga pfeift. Aber das ist nicht mein Hauptthema. Wenn es kommt, dann kommt’s, und wenn nicht, dann Pech gehabt. Der Spaß steht bei mir im Vordergrund. Ich möchte nicht abheben, wie es manche Schiedsrichter tun. Mir ist es wichtig, den Spielern auf Augenhöhe zu begegnen. Von meiner Größe, ich bin einssechzig groß, mal abgesehen. Man möchte ja auch ein Freund des Spielers sein.

Wie kommt die „Schiedsrichterei“ bei deinen Freundinnen und in der Familie an?

Einige können sich mich einfach nicht als Schiedsrichterin vorstellen. Eine typische Situation ist zum Beispiel, dass ich beim Fußballgucken mit Freunden schnell als Klugscheißerin abgestempelt werde. Oder man wird gefragt: „Wie sieht das die Schiedsrichterin?“ Das nervt manchmal schon, aber das macht es ja auch aus, und da muss man drüber stehen. Oft gucken die anderen nur blöd, wenn man vom aktiven und passiven Abseits redet. Gerade wenn sie die Regeln nicht wissen, ist das immer ganz cool.

Was ist, wenn du ein Spiel pfeifst, bei dem jemand kickt, den du kennst?

Ich habe einige Male bei meiner kleineren Schwester gepfiffen, was nicht einfach ist. Einmal musste ich eine Mannschaft von DuWO 08 pfeifen und einer Bekannten Rot zeigen.

Wie sieht die Gesellschaft eine Frau als Entscheidungsträgerin auf dem Platz?

Ich glaube, der Frauenfußball ist noch nicht so angesehen, wie man es gerne hätte. Ich wurde öfter von Schiedsrichtern gefragt, warum es nötig sei, ein Schiedsrichtergespann von drei Frauen in die 4. Frauenliga zu schicken. Wobei es bei den Männern schon in der untersten Liga normal ist, dass mit zwei Schiri-Assistenten gepfiffen wird. Dann muss man sich das halt immer wieder antun und sich rechtfertigen, warum da auch Gespanne pfeifen sollen. Einmal habe ich ein Spiel mit einer portugiesischen Mannschaft gepfiffen. Die hatten noch nie eine Frau als Schiedsrichterin und haben sich unheimlich darüber gefreut.
 
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