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Drei Spieltage, ein Punkt und eine Tordifferenz von 1:7. Goal.com sprach mit Kick-S-Gründer Philipp Maisel über mögliche Ansätze beim VfB und die Stimmung bei den Fans.

Stuttgart. Der dritte Spieltag der Bundesliga-Saison 2012/13 ist vorbei und der VfB Stuttgart steht mit einem Punkt da. Gegen den VfL Wolfsburg verlor man zu Hause das Auftaktspiel unglücklich 0:1, auswärts beim FC Bayern München gab es eine ordentliche Klatsche von 1:6 und gegen Fortuna Düsseldorf, die sich als einzige Mannschaft im deutschen Profifußball noch kein Gegentor gefangen hat, kam man über ein 0:0 nicht hinaus. Wo steht der VfB jetzt? Der Tabellenplatz 16 sagt nach den wenigen Spieltagen noch nichts aus, schürt allerdings die mediale Panikmache.

Sportdirektor Fredi Bobic mahnte jüngst im kicker, man solle jetzt bloß nichts dramatisieren. Er könne jetzt auch keine neuen Spieler mehr backen. Ob es wirklich der Backofen gewesen wäre, der dem VfB aktuell hätte helfen können, besprach Goal.com mit Philipp Maisel von Kick S, einem Fußballportal aus und für Stuttgart. Maisel ist 33, seine Position in der Freizeit ist das defensive Mittelfeld, beruflich die des Sportjournalisten. Seit seinem dritten Lebensjahr ist er bei den Heimspielen des VfB dabei und berichtet uns nun aus erster Hand, wie er den schwierigen Start der Stuttgarter diese Saison sieht.

Ein Punkt, Tabellenplatz 16, wie ist die Stimmung unter den Fans?

Philipp Maisel: Grundsätzlich spaltet sich die Anhängerschaft wie so oft in zwei Lager. Der eine, kleinere Teil der Fans bleibt noch ruhig. Schließlich sei die Saison ja noch jung, von einer endgültigen Entwicklung könne man noch nicht sprechen, die Mannschaft kommt noch...Man kennt das, die übliche Augenwischerei. Beim Großteil der Anhängerschaft herrscht aber schon eine ziemlich fatalistische Grundstimmung vor, man schwankt zwischen Ernüchterung und Zorn. Ernüchterung darüber, dass der VfB sich auch im x-ten Jahr in Folge anschickt, die Vorrunde abzuschenken.

Und Zorn deswegen, weil der Klub sich zwar „Junge Wilde“ nennt, es aber nicht im Entferntesten umsetzt. Die Diskrepanz zwischen Aussage und Wirklichkeit ist eklatant. Es reicht eben nicht, sich Patches aufs Trikot zu kleben, man muss eine solche Philosophie auch mit Leben füllen. Sonst ist´s einfach nur eine Mogelpackung. Doch anstatt die verheißungsvollen Youngster hier und da und mit Bedacht heranzuführen und ihnen Spielzeit zu geben, schickt Labbadia Woche für Woche eine der ältesten Mannschaften der Liga aufs Feld. Dass dies bei den Fans auf wenig Verständnis stößt, liegt auf der Hand.

Sehen wir aktuell die Auswirkungen des transferlosen Sommers?

Maisel: Nun ja, „transferlos“ war er ja nicht, der Sommer. Immerhin haben wir einen Schalker Außenverteidiger, der auffällig oft verletzt ist, ausgeliehen und einen türkischen Nationalspieler geholt, der sich zuvor bei zwei Klubs in Folge nicht durchsetzen konnte. Für einen Außenstehenden wirkt das wie Flickschusterei. Der Verein sieht das natürlich anders, verkauft beide Transfers als „punktuelle Verstärkungen“, ferner müsse man einfach sparen. Die finanziellen Vorgaben der Führung mögen hart sein und es dem Manager schwer machen - aber wieso holt man dann solche Kaderfüller, anstatt es mit den jungen Nachwuchstalenten zu versuchen? Alles, was man sich als Fan des VfB wünscht, ist ein erkennbarer Plan. Eine reelle Perspektive. Ein Wagnis womöglich. Aber da stehen Angst und Geiz im Weg.

Ist der Fehlstart des VfB Stuttgart jetzt schon perfekt?

Maisel: Jein. In zwei von drei Wettbewerben ist der Verein gut gestartet. Zwar nicht immer überzeugend, aber ergebnistechnisch erfolgreich. Im Pokal und in der Europa League sind wir im Soll. In der Bundesliga allerdings ist ein Punkt aus drei Spielen zu wenig, vor allem in Anbetracht der Gegner. Gut, gegen Bayern auswärts holen wir nie was. Geschenkt. Aber wenn man aus zwei Heimspielen gegen Wolfsburg und Düsseldorf nur einen mickrigen Punkt holt und dabei völlig plan- und emotionslos auftritt, dann ist das nicht genug für Stuttgarter Ansprüche. Bei allem gebotenen Respekt vor den beiden Gegnern. Wir waren nicht in der Lage, mit defensiv eingestellten Gegnern umzugehen und hatten kein Rezept, um die Abwehrriegel zu knacken. Haben zuhause noch nicht einmal ein Tor erzielt. Insofern kann man in der Bundesliga schon von einem Fehlstart sprechen.

Was ist mit der bisher gezeigten Leistung für die Mannschaft von Bruno Labbadia drin?

Die nächsten Gegner des VfB Stuttgart
20.09.
Steaua Bukarest (H)/EL
23.09.
Werder Bremen (A)
26.09.
TSG 1899 Hoffenheim (H)
29.09.
1. FC Nürnberg (A)
04.10. Molde (A)/EL
06.10.
Bayer Leverkusen (H) 

Maisel: Wenn sich die Truppe nicht steigert, werden wir in wenigen Wochen einen neuen Trainer haben. Der Herbst ist traditionell die Zeit der Rauswürfe in Stuttgart, einem der Vereine mit der höchsten Trainerfluktuation in Deutschland. Bis zur Winterpause arbeitet man sich ins untere Mittelfeld vor, in der Rückrunde greift dann der Trainerwechsel wirklich und nächstes Jahr im Mai fragt sich wieder jeder, wieso der VfB schon wieder international spielt.

Sollte schon in der Winterpause über die „Flickschusterei“ des Sommers hinaus nachgelegt werden?

Maisel: Ich bin nicht der Meinung, dass dies zwingend nötig ist. Mit Rüdiger (19, Fritz-Walter-Medaille in Gold), Holzhauser und Stöger (beide 19 und österreichische U-Nationalspieler) hat man drei wirklich gute Talente im Kader, die Druck auf etablierte Spieler machen, respektive den einen oder anderen zeitnah ersetzen können. Dazu warten in der U23 und U19 jede Menge verheißungsvolle Nachwuchsleute. Man muss sie halt heranführen, einsetzen, sich frei schwimmen lassen. Insofern schließt sich hier der Kreis. Man wäre in Stuttgart gut beraten, mal nicht auf den kurzfristigen Erfolg zu schielen. Sondern perspektivisch zu arbeiten, Talente aufzubauen, eine Saison im Tabellenmittelfeld in Kauf zu nehmen - um irgendwann auch wirklich eine junge und wilde Mannschaft auf dem Platz stehen zu haben. Ansonsten bleibt alles beim alten. Der VfB ist so etwas wie der mausgraue VW Jetta der Liga. Nicht schnell genug, um wirklich ganz vorne mitzufahren, nicht individuell genug ausgestattet, um sich von der Masse abzuheben, aber auch zu zuverlässig, um auf der Strecke zu bleiben.

Die Kritiker Lügen strafen?

Der von Maisel als „mausgrauer VW Jetta“ bezeichnete Verein trifft am Donnerstagabend auf Steaua Bukarest. Im Heimspiel der Europa League werden definitiv Tim Hoogland und Cristian Molinaro ausfallen, Serdar Tasci ist mit Oberschenkelproblemen noch fraglich. Am wahrscheinlichsten dürfte also ein Einsatz von Kvist auf der Position des rechten Außenverteidigers sein. Links kann Boka auflaufen. Er könne jetzt keine Spieler mehr backen, sagte Bobic. Heute Abend gegen Bukarest kann Labbadias Team einen weiteren positiven Impuls international setzen. Am Wochenende wartet im mausgrauen Ligaalltag das schwere Auswärtsspiel bei Werder Bremen, dass die Kritiker entweder Lügen strafen kann, oder aber den absoluten Fehlstart besiegeln wird.

 

EURE MEINUNG: Kann sich Stuttgart bis zum Winter fangen?
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