Ex-Nationalspieler Thomas Strunz im EXKLUSIV-Interview

Thomas Strunz ist eine Art Felix Magath von Essen. Neben seiner Tätigkeit als Manager und Geschäftsführer, bringt der Europameister von 1996 seine Erfahrungen nämlich auch im Trainerstab ein. In seinem Büro findet man also eine gesunde Symbiose aus Taktiktafeln, Pokalen, Scouting-DVDs und Aktenordnern vor. Ins Auge stechen jedoch sofort die beiden Leinwände an der Wand, die man zum 100. Geburstag 2007 von den beiden Rivalen Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach geschenkt bekam. Fußball tief im Westen ist eben etwas Besonderes, wie Thomas Strunz im ersten Teil des großen Goal.com-Exklusiv-Interviews bestätigt.

Thomas Strunz, Rot-Weiß Essen (firo)
Von François DUCHATEAU

Zur einleitenden Reportage über Thomas Strunz & die Lage bei Rot-Weiß Essen. [HIER]

Am Samstag wurde der erste Spatenstich zum neuen Stadion gefeiert. Spüren sie Erleichterung nach den vielen Jahren, die der Verein für diese Entscheidung gekämpft hat?

Thomas Strunz: Ich bin ja jetzt nicht so lange dabei gewesen, aber es ist ein wichtiger Schritt, dass wir nach Außen sichtbar gemacht haben, dass jetzt was passiert – was ja auch zwingend notwendig war. Nicht nur für uns, sondern auch für die Stadt Essen. Deswegen war es eine rundum gelungene Veranstaltung. Passend dazu haben wir auch noch den ersten Heimsieg eingefahren [2:0 gegen 1. FC Kaiserslautern II].


„Eine Stadt wie Essen, die achtgrößte Deutschlands, hat es da auch verdient, dass man sich mit dem Thema ‚Sport’ intensiv beschäftigt.“


Hat Ihnen die Tatsache in die Karten gespielt, dass Essen zu Europas Kulturhauptstadt 2010 ernannt wurde?

Thomas Strunz: Ich glaube, dass das Kulturhauptstadt-Thema kein so großer Faktor war. Ich möchte da weder etwas überqualifizieren noch abwerten. Ich glaube, es war die Gesamtheit von allen Dingen, die in Essen bei dieser Geschichte passiert sind: Die Baufälligkeit, die Erkenntnis der Beteiligten, dass wenn man den Traum hat, Fußball-Bundesliga in einer Stadt zu sehen, muss man Rahmenbedingungen schaffen, sonst geht das auf Dauer nicht. Eine Stadt wie Essen, die achtgrößte Deutschlands, hat es da auch verdient, dass man sich mit dem Thema „Sport“ intensiv beschäftigt. Im Kulturbereich ist die Stadt ja über die Grenzen hinaus bestens bekannt. Sport ist da ein wenig auf der Strecke geblieben, in vielen Belangen. Der Fußball hat eben eine ganz eigene Bedeutung im Ruhrgebiet. Von daher freue ich mich, dass es uns allen gelungen ist, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und die Sache starten zu können, ohne dass das Projekt wieder auf halber Strecker verkommt und liegen bleibt.

Während der Veranstaltung wurde noch einmal klar gemacht, wie marode das aktuelle Georg Melches Stadion doch ist...

Thomas Strunz:...Ja, im Sommer war es in der Tat so, dass ein riesiger Gesteinsbrocken vom Dach heruntergefallen ist. Da kam die Frage auf, ob das Dach überhaupt noch so behalten werden darf. Nach intensiver Prüfung gab es einen Stempel, dass man noch 18-24 Monate so weitermachen kann, das Stadion sich danach aber einer erneuten Prüfung unterziehen lassen muss. Man kann davon ausgehen, dass es eher nicht besser, sondern schlechter wird. Und wenn man sich dann noch die Sanitäranlagen ansieht oder die Grundelemente auf der Gegengeraden, die ja sehr alt sind, muss man davon ausgehen, dass das Stadion in absehbarer Zeit, drei-vier Jahre vielleicht, sowieso hätte abgerissen werden müssen. Eine Sanierung in dem Zustand ist nicht möglich und auch vom Kosten/Nutzen-Faktor her überhaupt nicht plausibel.




„Im Sommer war es in der Tat so, dass ein riesiger Gesteinsbrocken vom Dach heruntergefallen ist.“


Wie viel Einfluss hatten sie als Manager und Berater auf die finale Gestaltung des neuen Stadions?

Thomas Strunz: Ich habe mich in der Gesamtheit des Stadionprojektes in vielerlei Hinsicht einbringen können. Ich habe mich sicher nicht mit den Dachkonstruktionen, oder Frage der Traglast intensiv beschäftigt, aber ganz praktische Erfahrungen einbringen können, auch aus Erfahrungswerten vom Stadionbau in Wolfsburg: Welche Konsequenzen da im Nachhinein heraus gewachsen sind, wo nachgebessert werden musste, was man im normalen Planungszustand zuvor gar nicht so mitbekommen hat – Darüber hinaus ging es auch darum, die unterschiedlichen Interessenslagen zusammenzuführen: Die der Sponsoren, des Vereins und der Stadt. Diese Gemeinsamkeit musste stetig seinen Weg gehen, deswegen war es auch so wichtig, dass ich als außenstehender Neuer in Essen da in vielerlei Hinsicht gute Hilfestellung leisten konnte.

Verstehen sie den Rummel, der in der Presse um ihre Person gemacht wird?

Thomas Strunz: Nein.

Sie würden also nicht sagen, dass da etwas „krumm“ gelaufen ist..?

Thomas Strunz: Wie gesagt: Das ist nichts Unbekanntes gewesen. Ich verstehe die Aufregung vor dem Hintergrund der Kommunalwahl. Ansonsten verstehe ich sie eher nicht. Ich sehe jetzt hier auch keine Veranlassung mich persönlich zu erklären müssen. Das ist ein sehr komplexes Thema. Das Stadionprojekt gibt es seit 10-11 Jahren und ist immer wieder gescheitert – aus welchen Gründen auch immer. Eine meiner Aufgaben war es, eben zuzusehen, dass es nicht mehr scheitert.


„Das Stadionprojekt gibt es seit 10-11 Jahren und ist immer wieder gescheitert – aus welchen Gründen auch immer. Eine meiner Aufgaben war es, eben zuzusehen, dass es nicht mehr scheitert.“


Rot-Weiß Essen verfügt über eine sehr traditionsbewusste Fanbase. Inwiefern war es schwierig, diese beim neuen Stadionprojekt einbinden zu können?

Thomas Strunz:
Wichtig ist, dass die Fans merken, dass sie wahrgenommen und nicht übergangen werden, so dass das sie das Gefühl haben, es entsteht ein echtes Fußballstadion, so wie man es eben aus dem alten Georg Melches Stadion her kennt. Auch die Fans haben mittlerweile erkannt, dass es ohne ein neues Stadion nicht möglich ist, auch bestimmte Altlasten zu beseitigen. Wie für viele sportlich unerfolgreiche Traditionsvereine sind da Dimensionen gewachsen, die mit den normalen Rahmenbedingungen nicht mehr zu beseitigen sind. Und wenn man diese nicht beseitigt, dann gibt es keine neuen Sponsoren, keine Investoren, keine Interessenten und eine Abwärtsspirale, die nicht durchbrochen werden kann. Die Zuschauer erkennen das mittlerweile auch, dass man mit dem alten Stadion nicht in die Bundesliga aufsteigen kann. Jedem ist bewusst, dass eine Zukunft von Rot-Weiß Essen in den oberen beiden bezahlten Profiligen, sonst unrealistisch ist. Aber ich glaube, dass alle in Essen diesen Wunsch haben aufgrund der Historie. Wir wollen wieder dorthin kommen und uns davon freimachen, eine Gegenwart und Zukunft schaffen, die nicht nur in der Vergangenheit lebt.



„Wir wollen eine Gegenwart und Zukunft schaffen, die nicht nur in der Vergangenheit lebt.“


Die Kapazität ist zunächst auf 20.000 festgelegt. Das Stadion soll aber erweiterbar sein auf 40.000. Werden dafür die Ecken bebaut?

Thomas Strunz: Im ersten Schritt werden vier freistehende Tribünen gebaut. Die erste Ausbaustufe wäre die Schließung der Ecken. Die zweite wäre ein Einbau eines Oberrangs mit Anhebung des Daches, was allerdings jetzt schon in dieser ersten Bauphase schon vorbereitet ist, so dass das verhältnismäßig unkompliziert gemacht werden kann und keinen wirtschaftlichen Super-Mehraufwand bedeutet, so wie das gerade in Leverkusen der Fall ist, wo es a) sehr lange dauert und b) sehr teuer war, bestimmt Konstruktionen zu erneuern oder verstärken. Solche Sachen sind bei einem Neubau von Beginn an einfacher einzubauen und machen eine Aufstockung schneller möglich, die natürlich abhängig von der Ligazugehörigkeit ist.


Taktiktafel im Büro von Thomas Strunz (Duchateau/Goal.com)

Spielt RWE diese Saison schon um den Aufstieg? Ist das die Zielsetzung?

Thomas Strunz: Nein. Wir haben sicher gute Einzelspieler gehabt und behalten können, es sind auch welche dazugekommen, aber unser Ziel ist es mit diesen Einzelspielern dauerhaft eine funktionierende Einheit auf dem Platz zu sehen. Wenn das gelungen ist, werden wir sehen, wo wir am Ende stehen können. Vorher brauchen wir uns mit keinem Ziel zu beschäftigen. Wir wissen, dass eine schwierige Aufgabe vor uns liegt und wir nur als geschlossene Mannschaft die Wochenenden erfolgreich bestreiten können. Die Entwicklung des Teams steht also im Vordergrund. Da sind wir auf einem guten Weg.

Wo würden sie RWE stärkentechnisch denn einschätzen?

Thomas Strunz: Es ist klar, dass wir den Anspruch haben, oben dabei zu sein. Keine Frage. Nur in einer Liga, wo nur einer aufsteigt, ist es auch nicht so einfach. Deswegen macht es auch keinen Sinn nach dem 1. Spieltag irgendwelche Zielsetzungen auszugeben.

Lest im zweiten Teil des großen Interviews: Mit welchen alten Kollegen hat Thomas Strunz noch Kontakt und wie stark schätzt er die Bayern diese Saison ein?

Galerie: Der Besuch bei Thomas Strunz & Rot-Weiß Essen in Bildern.[HIER]


 
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