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Ottmar Hitzfeld - Ein Gentleman sagt leise Adieu

Jedes WM-Spiel könnte sein letztes sein: Weder Ottmar Hitzfeld noch sein Team wollen diesen Fakt in ihren Alltag kommen lassen. Der Trainer wirkt jung wie nie.

Aus Brasilien berichtet Fabian Biastoch

Porto Seguro. Es sind die letzten Tage Ottmar Hitzfelds als Fußballlehrer. Mit der Schweiz bereitet er sich in Porto Seguro auf sein womöglich letztes Spiel auf der Kommandobrücke vor. Der Gegner könnte mit Argentinien (18 Uhr im LIVE-TICKER) nicht besser geeignet sein.

Noch einmal auf der ganz großen Fußballbühne für Furore sorgen und danach abtreten. So hat es Hitzfeld lange vor der Weltmeisterschaft in Brasilien geplant. Im Oktober vergangenen Jahres gab die deutsche Trainer-Legende "nach der schwierigsten Entscheidung" seiner Laufbahn das Ende seiner Zeit in der Schweiz bekannt. Begonnen hat diese jedoch auf der kleinstmöglichen Bühne.

Im beschaulichen Lörrach wagte der junge Ottmar die ersten Schritte mit dem runden Leder. Er wurde Profi in der Schweiz, studierte Mathematik auf Lehramt und kam schließlich auch in Deutschland bei einem größeren Klub unter. Für den VfB Stuttgart absolvierte er zwischen 1975 und 1978 immerhin 77 Einsätze, erzielte dabei stolze 38 Tore.

Nicht als Fußballer sollte Hitzfeld die Welt verändern. Nein, seine Berufung, seine Passion war die Arbeit an der Seitenlinie. Wieder diente seine zweite Heimat, die Schweiz, als Sprungbrett. Erst der SC Zug, dann Aarau sowie die Grasshoppers ließen ihn auf der einen Seite üben, auf der anderen Seite sich für höhere Aufgaben empfehlen. Im Gegensatz zu seiner Spielerkarriere merkte man jedoch ganz schnell, dass der heute 65-Jährige zu etwas Größerem berufen war. Im kleinen Lörrach hielt man das nicht für möglich.

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Große Erfolge mit BVB und FCB

Hitzfeld wurde 1991 ein Schwarz-Gelber. Borussia Dortmund vertraute ihm in den goldenen 1990er Jahren des Revierklubs die erste Mannschaft an. Die Erfolge sollten lange Zeit unerreicht bleiben. Zweimal deutscher Meister, den grandiosen Sieg im Champions League-Finale 1997 und selbst den Weltpokalsieg wenige Monate später erlebte er aktiv mit.

Da ließ Bayern München nicht lange auf sich warten. Sie hatten im Gegensatz zum BVB eine wirklich schwarze Dekade. Große Trainer wie Giovanni Trapattoni oder Otto Rehhagel bissen sich die Zähne aus. Dann kam Hitzfeld.

1998 übernahm er das Zepter, brachte den Erfolg aus Dortmund gleich mit und die Herzen flogen ihm nur so zu. Nach dem Trauma von Barcelona 1999 hievte er wie Jupp Heynckes 2012 die Mannschaft wieder nach oben und führte sein Team zum Erfolg im wichtigsten Wettbewerb des Vereinsfußballs. Bereits damals gehörte er den ganz großen Fußballlehrern der Geschichte an.

Rückkehr, Titel, Emotionen

Dass Erfolg krank macht, die Arbeit bei den Bayern an den Nerven zerrt, kann sich jeder Mensch vorstellen. Auch Hitzfeld musste dem Tribut zollen. Er konnte nicht mehr, fühlte sich ausgebrannt. 2004 wurde er beurlaubt und nahm eine Auszeit. Damals munkelte man er würde der nächste Bundestrainer werden, doch stattdessen bereiteten Jürgen Klinsmann und Joachim Löw das Sommermärchen 2006 vor.

Hitzfeld ging unter die TV-Experten. Es dauerte jedoch nicht lange, da rief sein alter Freund Uli Hoeneß an. Der Magath müsse gehen, er solle übernehmen, so der Bayern-Boss. Gefragt, getan. Hitzfeld war wieder zurück an der Säbener Straße. Noch einmal zwei Jahre. Noch einmal Titel und der tränenreiche Abschied in der Allianz Arena. Die Bilder eines unheimlich gerührten Trainers und eines weinenden Managers sind jedem Bayernfan in bester Erinnerung.

Hitzfeld wollte kürzer treten. Mehr Zeit mit der Familie verbringen und nicht mehr jeden Tag auf dem Platz stehen. Die Schweiz rief - und den Klängen der Berge konnte er nicht widerstehen. Als Nationaltrainer führte er die Eidgenossen zur WM nach Südafrika und nach Brasilien.

Team ist noch gelassen

"Von Karriereende ist wirklich nichts zu spüren", lässt Gökhan Inler auf Nachfrage von Goal tiefblicken, "am Anfang vielleicht, aber jetzt nicht mehr. Je länger er noch bleiben kann, desto besser ist es für das Team." Der Respekt der Mannschaft gegenüber ihres Chefs ist immens.

Seine Kommandos schallen noch immer lautstark und ohne jedes Anzeichen von Amtsmüdigkeit über den Platz des Estadio Municipal in Porto Seguro. Einen am Rande liegenden Ball kickt er noch immer wie ein junger Sportskerl, man kann sich kaum vorstellen, dass Hitzfeld das Rentenalter erreicht hat und seinen wohlverdienten Ruhestand antreten will.

Noch einmal gegen Argentinien oder sogar mehr. Der erhoffte Abschied mit einem Spiel gegen Deutschland in der legendären Kathedrale des Fußballs, dem Estadio Maracana, wird ihm wohl verwehrt bleiben. Wahrscheinlich am Dienstagabend, vielleicht auch erst später tritt Ottmar Hitzfeld in Brasilien von der ganz großen Bühne ab. Sie wird ihm einen würdigen Abschied liefern. Er hat ihn verdient.

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