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Brasilien – Rekordweltmeister und Probleme über Probleme

Es war nur eine Frage der Zeit. Ob jetzt oder später. Ein Debakel wie gegen Deutschland musste Brasilien irgendwann erleben. Die Gründe sind vielfältig und die Zukunft schwarz.

Aus Brasilien berichtet Fabian Biastoch

7:1. Diese Zahlen werden auf ewig in den Geschichtsbüchern Brasiliens stehen. In einem WM-Halbfinale so gegen einen Gegner zu verlieren, ist historisch. Der Gastgeber musste sich der deutschen Nationalmannschaft geschlagen geben, aber die Probleme liegen nicht am verletzten Neymar oder dem oft kritisierten Trainer Luiz Felipe Scolari. Sie liegen viel tiefer. Und sie sind vielfältig.

Das liebe Geld spielt natürlich auch in Brasilien eine große Rolle. Entweder es fließen Millionen in die Klubs, um alte, aber teure Stars zu kaufen oder sie enden in den korrupten Taschen der Vereinsbosse und Verbandsoffiziellen. Korruption ist in jeder Lebenslage Brasiliens zu spüren. Auch im Fußball, wodurch sich die Vereine nicht so entwickeln können, wie sie es müssten.

Moderne zieht erst langsam in Brasilien ein

Als Beispiel dient der E.C. Bahia. Lange herrschte dort das Schaufeln in die eigenen Taschen vor. Die Folgen sind heute zu spüren. Kampf um den Klassenerhalt in jedem Jahr und ein mittelmäßiges Trainingsgelände. Präsident Fernando Schmidt versucht seit dem vergangenen Jahr, den Verein wieder auf Vordermann zu bringen. Seitdem zieht mit Cheftrainer Marquinhos Santos und seinem Team die Moderne auch in Salvador ein.

Einen Hauptanteil daran hat auch Luiz Fernando Iubel. Er ist für die Spielanalyse verantwortlich. Was sich in Deutschland wenig spektakulär anhört, ist in Brasilien (leider) noch eine Seltenheit. "Wir sind nur einer von sehr wenigen Klubs, der über eine solche Abteilung verfügt", erklärt der in den USA ausgebildete Trainer im exklusiven Goal-Gespräch.

"Ich arbeite mit meinem Team an der Gegneranalyse", erläutert Iubel und fügt an: "So stellen wir uns natürlich besser auf ihn ein und ernten die Früchte während des Spiels. Normal ist das aber hier nicht."

Die Professionalisierung im brasilianischen Fußball schritt in den vergangenen Jahren nicht so weit voran, wie es sich die Verantwortlichen gewünscht hätten. Noch immer ist das Jahr zweigeteilt. Bis zum Mai spielen die Vereine noch immer die Staatsmeisterschaft aus, in der zweiten Jahreshälfte dann die Serie A. Ein vernünftiger, gesunder Unterbau ist so nicht möglich, weil viele mittelgroße Klubs im zweiten Halbjahr keinem Spielbetrieb nachgehen und sich nur mit Testspielen "über Wasser halten". Eine Änderung ist ausgeschlossen.

Nur elf Nachwuchsakademien im ganzen Land

Eine Integration der Jugend ist so auch nur schwer möglich. Aber vielmehr noch gibt es für die Nachwuchstalente keine geordnete Ausbildung. Im gesamten Land sind lediglich elf vom nationalen Fußballverband CBF mit besten Noten ausgezeichnete Nachwuchsakademien verteilt.

Eine davon befindet sich in Caxias do Sul. Hier, bei Dantes erstem Profiklub Juventude, lernen Kinder und Jugendliche nicht nur das Einmaleins des Fußballs, sondern auch das echte. Die Perspektive nach dem Fußball gehört genau so zur Ausbildung wie der Umgang mit dem Ball. Der Weg der Südbrasilianer ist klar. "Unser Ziel ist es, die Spieler solange es geht bei uns zu halten", erklärt Arthur Dallegrave von Juventude gegenüber Goal.

Die meisten hoffnungsvollen Talente wechseln jedoch frühzeitig nach Europa. Einige zu kleinen Klubs, weil sie sich dort bessere Möglichkeiten auf den Durchbruch erhoffen oder Kaliber wie Neymar gleich zu einem Topklub. Spieler in der letztgenannten Kategorie haben die Selecao in den vergangenen Jahren auch stets gerettet. Ein Ronaldinho, ein Ronaldo oder ein Rivaldo seien hier nur als Schlüsselspieler des WM-Titels 2002 erwähnt.

Im starken, ausgeglichenen Kader des DFB-Teams liegt das Geheimnis des Erfolgs. Allein im Mittelfeld hat Bundestrainer Joachim Löw – vorausgesetzt alle Spieler sind fit – die Qual der Wahl zwischen Spielern von Borussia Dortmund, Bayern München, Real Madrid, Chelsea oder Arsenal. Und dabei muss er noch einen Haufen "Stars" auf die Bank setzen und kann sich auch mit einem Blick auf die Jugend kaum vor Nachwuchstalenten retten.

Auch der Kader des diesjährigen WM-Gastgebers ist breit, aber von der Klasse nicht so stark besetzt wie zum Beispiel der deutsche. Fällt ein Neymar aus, gibt es keinen Ersatz. Auch den Verlust des gesperrten Thiago Silvas konnte Felipao nicht gleichwertig ausgleichen. Er oder sein Nachfolger wird es mit dem aktuellen System auch in Zukunft nicht können.

"Jeder Trainer ist zum Scheitern verurteilt"

"Es scheint keinen Unterschied zu machen", beginnt Matheus Harb von Goal Brasilien sein ernüchterndes Fazit, "ob nun Jose Mourinho oder Tite (Adenor Leonardo Bachi, derzeit Favorit auf die Nachfolge Scolaris, d. Red.) Trainer wären. Beide wären zum Scheitern verurteilt. Der Grund ist der Status Quo des brasilianischen Fußball."

Neben der vernachlässigten Jugendarbeit ist auch die Trainerausbildung kaum vergleichbar mit Europa oder gar den USA. "Unsere Trainer hinken dem Rest der Welt hinterher", führt der Kollege aus Brasilien fort: "Wie Scolari taktisch von Löw ausgekontert wurde, hat das noch einmal bewiesen." So gibt es auch einfach keinen aussichtsreichen Kandidaten auf die Nachfolge Felipaos.

Auch Luiz Fernando Iubel aus Salvador gießt Öl ins Feuer. "Es gibt in Brasilien erst seit wenigen Jahren eine echte Trainerausbildung. Offiziell braucht man sogar gar keine Lizenz, um in der Serie A zu arbeiten", sagt er.

Von der WM profitiere man als kleiner Klub nicht. "Nein", bestätigt der Spielanalyst, "gesonderte Lehrgänge oder Investitionen in die Ausbildung wurden nicht getätigt." Neue Stadien sind zwar vorhanden, aber – übertrieben gesagt – keine Spieler. Die Liga ist nur für junge Spieler oder alternde eine Option.

Als Deutschland sang- und klanglos bei der EM 2000 ausschied, wirkte das wie ein Signalruf. Die 1:7-Niederlage der Brasilianer kann es auch sein. Um Veränderungen herbeizuführen, braucht es aber mutige Entscheidungen und Reformen. Ein "Weiter so" ist keine Option.

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