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Die Legende des S04 spricht mit uns über die abgelaufene Saison des Revierklubs. Besonders von Draxler wünscht er sich, dass dieser die Scheuklappen ablegt.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Hassan Talib Haji

Gelsenkirchen. Mit einem spektakulären und erfolgreichen Saisonfinish hat der FC Schalke 04 Klubgeschichte geschrieben und sicherte sich Rang drei in der Bundesliga. Zum dritten Mal in Folge löste die Mannschaft von Jens Keller das Ticket zur Gelddruckmaschine namens Champions League. Einige Themen der vergangenen Saison besprachen wir mit Olaf Thon, einer absoluten Schalker Legende.

Im exklusiven Interview mit Goal gab sich der Weltmeister von 1990 und UEFA-Cup-Sieger von 1997 offen, kritisch und voll des Lobes. Ihm gefalle vieles, allerdings kritisierte er auch merklich und zurecht.

Herr Thon, Ihr ehemaliger Verein hat die beste Rückrunde in der Vereinsgeschichte hingelegt und landete auf Platz drei.

Thon: Es gab zum Ende der Hinserie einige Probleme, wo dann auch vieles in Frage gestellt wurde. Das war dem schlechten Saisonstart geschuldet. Jens Keller geriet in die Kritik, weil Schalke Punkte fehlten. Der zwischenzeitliche Platz sieben war ganz schlecht, da man ja von Rang zwei, drei oder vier geträumt hat. Gott sei Dank hat man an Keller festgehalten, der dann den Turnaround geschafft hat.

Zu Beginn der Saison holte die Mannschaft von Jens Keller lediglich einen Punkt aus den ersten drei Spielen. Wie bitter ist es, der Musik vom Start weg hinterherzulaufen?

Thon: Es ist immer wichtig, dass man gut aus den Startblöcken kommt. Manchmal braucht man auch etwas Glück. Mit einem Sieg in die Saison zu gehen, hebt natürlich das Selbstbewusstsein, besonders weil Schalke ein sehr junges Team hat.

Schalke 04 hatte aber auch großes Verletzungspech.

Thon: Das große Verletzungspech hat die Mannschaft sehr hart getroffen. Wenn Spieler wie Benedikt Höwedes, Jefferson Farfan oder Klaas-Jan Huntelaar ausfallen, dann ist es schwierig. Da fehlt dann die Qualität. Vor allem bei Huntelaar im Sturm hat man das deutlich gemerkt. Die Trainingsbelastung muss man anpassen, das ist Jens Keller in der Rückrunde hervorragend gelungen.

Jens Keller geriet aufgrund der schlechten Hinrunde schwer in Kritik. Wie bewerten Sie seine Zeit auf Schalke?

Thon: Seine bisherige Zeit ist sehr beschwerlich, aber er ist stets erhobenen Hauptes durch diesen Sturm der Kritik gegangen. Er hat nie die Contenance verloren oder ist ausgerastet, da gibt es ja auch andere Beispiele. Ich sehe manche Trainer aus der 1. oder der 2. Liga, die sich unter medialem Druck nicht mehr im Griff haben. Da hat kaum einer die Ruhe, wie Jens Keller. Was wirklich wichtig ist: Er glaubt einfach an sich und seine Fähigkeiten, ließ immer Taten sprechen und hat so das Saisonziel erreicht und den Verein wieder in die Champions League geführt. Er hat großes Stehvermögen und das braucht man auf Schalke.

Sein Vertrag läuft allerdings nächstes Jahr aus.

Thon: Sollte Schalke 04 gut in die Liga starten und sich oben festbeißen, dann ist man gut beraten, mit ihm über eine Vertragsverlängerung zu sprechen. Der Erfolg gibt einem ja immer Recht.

Viele Fans denken aber, dass Thomas Tuchel aus der Mannschaft mehr rausholen kann als Jens Keller.

Thon: Zu allererst sind die beiden nicht der gleiche Typus Trainer. Ich weiß, dass das Thema um Thomas Tuchel ein Gedankenspiel war. Das ist aktuell aber wohl kein Thema mehr. Tuchel nimmt sich eine Auszeit. Ob er mit Schalke aber mehr Punkte geholt hätte als Keller? Das sind Hypothesen, die man schwer beantworten kann. Ich behaupte: Kein Trainer der Welt hätte in der Rückrunde mit Schalke mehr Zähler geholt als Jens Keller! Von Platz sieben hoch auf Rang drei zu springen, das ist eine Leistung. Vor allem wenn man den zwischenzeitlichen Abstand von zehn Punkten berücksichtigt.

Was hat Ihnen in der abgelaufenen Saison der Schalker besonders gefallen?

Thon: Besonders was aus der Knappenschmiede zu den Profis hochgezogen wurde, das war herausragend. Das ist auch der Verdienst von U19-Trainer Norbert Elgert, der die Jungs exzellent vorbereitet. Ein Spieler imponiert mir: Kaan Ayhan. Er spielte bemerkenswert. Wenn die Mannschaft so zusammenbleibt, dann kann die Tabellenspitze angegriffen werden.

Gegenfrage: Was würden Sie kritisieren, wo muss sich Schalke verbessern?

Thon: Ganz klar im Sturm. Als Huntelaar ausgefallen ist, hatte man Schwierigkeiten auf der Position. Seine vielen Tore haben trotz Ersatzmann Adam Szalai gefehlt. Er hat zwar national und international wichtige Treffer erzielt, konnte das aber nicht nahtlos fortführen. Man muss da einfach flexibler werden und sich qualitativ breiter aufstellen. Im offensiven Mittelfeld hat man mit Sidney Sam einen tollen Transfer gelandet. Dort erhoffe ich mir, dass man im Zusammenspiel mit Jefferson Farfan eine Flügelzange bildet, wie es der FC Bayern mit Arjen Robben und Franck Ribery hat.

Julian Draxler hat seine erste schwere Saison mit Auf und Ab gehabt. Wie bewerten Sie seine Leistungen?

Thon: Er hat es ja bereits selbst beschrieben, dass er durch viele Täler gehen musste und merkte, dass nicht alles von alleine läuft, wie es zu Beginn bei ihm war. Gegen Ende der Rückrunde kam er wieder in die Spur und hatte keine Angst mehr vorm Ball. Er hat sich viel vorgenommen und ist dabei aber auch selbstkritisch. Das ist eine gesunde Einstellung. Dass er die nächste Saison weiterhin für Schalke spielen will und das vor der WM klarstellte, nimmt ihm etwas Druck. Er muss aber im Hinblick auf die kommende Saison nun zeigen, dass er auch Führungsqualitäten hat. Was er technisch mit dem Ball alles kann, wissen wir alle. Jetzt muss er zeigen, dass er ein richtiger Kerl ist. Und ich glaube, dass er das auch machen wird. Diese schwere Saison wird ihn stärker machen.

Der Transfer von Boateng hat Schalke viel Geld gekostet. Hat er sich ausgezahlt?

Thon: Das hat sich mehr als ausgezahlt, das kann man so sagen. Er passt sehr gut in die junge Mannschaft, die ihn auch sofort als einen der Leader akzeptiert hat. Auch wenn er konditionell in der ein oder anderen Phase der Saison nicht top drauf war, hat er das mit seinen technischen Fähigkeiten ausgleichen können. Er hat seine Verpflichtung mehr als gerechtfertigt.

Manuel Neuer hat 2011 mit seinem Wechsel zum FC Bayern ein großes Loch hinterlassen. Die Torwartposition war ständig vakant. Nun hat sich Ralf Fährmann eindrucksvoll als Nummer eins etabliert. Ist diese Lücke nun endlich geschlossen?

Thon: Dass die großen Fußstapfen von Neuer erstmal blieben, war ja klar. Ralf Fährmann hat gezeigt, dass er ein guter Torwart ist. Er hat mit tollen Paraden viele wichtige Punkte festgehalten. Er gab der Abwehr Halt und war der Ruhepol der Mannschaft. Es ist schön zu sehen, wie er sich entwickelt hat, weil er es sich einfach verdient hat. Er hat es sich auch verdient, als Nummer eins in die neue Saison zu gehen.

Allerdings hat er einen neuen Konkurrenten.

Thon: Mit Fabian Giefer kommt zwar auch ein Torwart mit großen Qualitäten, aber in meinen Augen muss er sich erstmal hinten anstellen. Dieser Konkurrenzkampf wird sicherlich förderlich für die ganze Mannschaft sein.

Wann steht der FC Schalke 04 mal wieder vor Borussia Dortmund? Können Sie den königsblauen Anhängern etwas Hoffnung machen?

Thon: Mit dem FC Bayern und Borussia Dortmund haben wir zwei starke Gegner, sie gehören zu den Besten in Europa. Es ist keine Schande, hinter diesen beiden Teams Dritter zu werden. Aber das Ziel muss natürlich sein, an Lüdenscheid-Nord vorbeizuziehen. Dazu genügt es aber nicht, nur eine Halbserie gut zu spielen, da muss die gesamte Saison passen. Diese Stabilität mit der jungen Schalker Mannschaft hinzubekommen, wird die große Kunst sein.

Horst Heldt sagte auf der Mitgliederversammlung, dass Schalke 04 Voraussetzungen für den Gewinn der Deutschen Meisterschaft schaffen will.

Thon: Man muss einfach Ziele und Visionen haben, und auch daran glauben. So war das auch von ihm gemeint. Das höchste aller Ziele nach 1958 wieder zu erreichen, dafür muss man aber Taten sprechen lassen.

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