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Die Kurve gekriegt: Mit Korkut in eine neue Zukunft

Die "Roten" taumelten zeitweise schon der zweiten Liga entgegen, konnten das Ruder aber noch einmal rumreißen. Die Leistungen zum Saisonende sprechen für den Trainer-Neuling.

ANALYSE
Von Claas Philipp

Hannover. "Mehr Ballbesitz und mehr Spielaufbau", hatte Tayfun Korkut vor seinem ersten Spiel als Trainer von Hannover 96 angekündigt. Zu sehen war davon in der Bundesliga-Rückrunde allerdings lange Zeit nicht allzu viel, das erste halbe Jahr des Nachfolgers von Mirko Slomka war geprägt von diversen Rückschlägen. Schönspielerei gab es nur selten zu bewundern - bis man schließlich auf der Zielgeraden den eminent wichtigen Turnaround schaffte.

Für Korkut ist 96 die erste Station als Chef-Trainer, der Verein hatte ihn vor seiner Verpflichtung bereits als Assistent für Slomka auf dem Zettel. Da Letzterer aber nach der Hinrunde den Hut nehmen musste, war der Weg frei für den Posten als oberster Übungsleiter. Thomas Schaaf sagte 96 ab, und so fiel die Wahl auf Korkut. Der 40-Jährige hatte als Aktiver in Deutschland, Spanien und der Türkei gekickt, anschließend als Jugend-Coach unter anderem bei der TSG Hoffenheim und dem  VfB Stuttgart gearbeitet. Zuletzt war er bis Sommer 2013 als Co-Trainer der türkischen Nationalmannschaft tätig.  

TAYFUN KORKUT | Bilanz als Trainer von 96
Siege 5
Unentschieden 3
Niederlagen 7
Punkte/Spiel 1,2

Bis schließlich 96 anklopfte. Der in Stuttgart geborene Coach mit türkischen Wurzeln war ein unbeschriebenes Blatt, Hannovers Präsident Martin Kind sprach nach der Vertragsunterschrift von einer "mutigen Entscheidung" des Vereins. Der Mut schien sich zunächst auszuzahlen: Korkuts Trainerlaufbahn begann mit zwei Siegen beim VfL Wolfsburg und gegen Borussia Mönchengladbach, man kletterte von Platz 13 auf Rang 10, der Abstand auf die Abstiegsränge wurde von vier auf sieben Zähler erhöht.

Erst Erfolge, dann Ernüchterung

Das ausgerufene Minimalziel Klassenerhalt schien zu diesem Zeitpunkt kaum mehr gefährdet. Angesichts der ersten Erfolge störte es auch kaum jemanden, dass 96 vom versprochenen Ballbesitz-Fußball meilenweit entfernt war, stattdessen wurden die Siege mit jener Kontertaktik eingefahren, die Slomka einst in Hannover etabliert hatte. Mit den im Winter verpflichteten Leihgaben Frantisek Rajtoral und Artjoms Rudnevs wurden so sechs Punkte eingefahren, die im Vereinsumfeld zunächst für Ruhe sorgten.

Was folgte, war jedoch ernüchternd. Zwei magere Pünktchen konnten die wenig überzeugend aufspielenden 96er in den nächsten fünf Spielen einfahren, ehe ein recht schmeichelhafter 3:0-Sieg bei Hertha BSC die Wogen wieder glättete - allerdings nur kurzzeitig. Denn auch die nächsten beiden Spiele gingen verloren, genauso wie das Nordduell gegen Abstiegskonkurrent Werder Bremen.

Richtig ungemütlich wurde es dann nach dem großen Derby. Bei Eintracht Braunschweig setzte es eine blamable 0:3-Niederlage, im ersten Bundesliga-Aufeinandertreffen in der Stadt des Erzrivalen seit 37 Jahren. Kind sprach schon in der Halbzeit von einer "beschämenden" und "inakzeptablen" Leistung. Auch bei den Fans kam der leblose Auftritt beim BTSV nicht wirklich gut an. Der Verein hatte die Anhänger schon im Vorfeld des Derbys verärgert, indem er sie zunächst zur Anreise mit dem Bus zwingen wollte und sich nach einer Niederlage vor Gericht zweifelhafter juristischer Winkelzüge bediente, um die eigene Anreise von 86 Zuschauern zu verhindern.

Entsprechend angespannt war die Atmosphäre, als die Mannschaft nach dem Spiel in Braunschweig an der HDI-Arena ankam und sich den wütenden Fans stellte. Es flogen Böller in Richtung 96-Protganoisten. Korkut suchte den Dialog mit dem Anhang, wählte dabei die wenig glückliche Formulierung "die Mannschaft hat alles gegeben", die mit Pfiffen und Buh-Rufen quittiert wurde.

Gespräche mit den Fans

Aber auch konstruktive Gespräche zwischen Trainer und Fans gab es - eine Tatsache, die von der Lokalpresse zwar ignoriert wurde, da diese sich vornehmlich auf die Böllerwürfe stürzte, die Korkuts Ansehen in der Fanszene aber durchaus steigen ließ. Auch er konnte freilich nicht verhindern, dass die organisierten Fans seit dem Braunschweig-Spiel in einen Stimmungsboykott gegangen sind, was aber eher mit der verfehlten Fan-Arbeit des Vereins denn mit der sportlichen Leistung der Mannschaft zu tun hat.

Korkut nahm "das Positive" aus dem Aufeinandertreffen mit: "Wir haben kommuniziert." Bei aller berechtigten Kritik an den Böllerwürfen - jene Begegnung nach der bitteren Niederlage bei der Eintracht scheint der Moment gewesen zu sein, in dem auch der Letzte begriff, was die Stunde geschlagen hatte. Der Vorsprung auf die Abstiegsränge war inzwischen auf zwei Punkte geschrumpft.

Die Mannschaft zog sich zurück in ein dreitägiges Kurz-Trainingslager in die ostwestfälische Provinz, um der angespannten Stimmung in Hannover zu entfliehen und sich auf das vorentscheidende Abstiegsduell gegen den Hamburger SV vorzubereiten. Zurück kam sie so stark wie nie: Gegen Ex-Trainer Slomka brachten die 96er eine Leistung auf das Feld, wie man sie in dieser Saison nicht mehr für möglich gehalten hatte. Am Ende stand nach einem beeindruckenden Auftritt ein 2:1-Erfolg, der sowohl kämpferisch als auch spielerisch nicht viel Wünsche offen ließ.

Korkut bewies dabei ein goldenes Händchen, als er Lars Stindl als hängende Spitze auflaufen ließ. Der 96-Kapitän machte das wohl beste Spiel seiner Karriere und führte die Mannschaft nicht nur zum Sieg, sondern wurde vom kicker auch zum Spieler des Spieltags gewählt. Es war eine Partie, in der man eine Ahnung davon bekommen konnte, wie sich Korkut den Fußball von Hannover 96 vorstellt.

Planungen für die nächste Saison laufen

Das Team hatte die Kurve gekriegt. Mit gestärktem Selbstbewusstsein fuhren die Niedersachsen schließlich bei Eintracht Frankfurt und gegen den VfB Stuttgart die letzten zum Klassenerhalt benötigten Punkte ein, auch wenn das Spiel gegen die Schwaben eher mäßig war. Dennoch: In den letzten drei Partien wurde nicht nur der Abstieg abgewendet, sondern auch deutlich, welches Potenzial im Zusammenwirken zwischen Korkut und dem Team steckt.

Nun ist das Ziel, daran anzuknüpfen und für die nächste Saison ein schlagkräftiges Team aufzustellen. "Das Allerwichtigste haben wir geschafft. Jetzt geht es daran, zu planen", so Korkut. 96 bastelt an der Zukunft: Bereits im Winter wurde Talent Tim Dierßen mit einem Profi-Vertrag ausgestattet, jüngst folgte Valmir Sulejmani. Mit Stefan Thesker (23, Abwehr) und Kenan Karaman (20, Stürmer) wurden zudem zwei Akteure geholt, die Korkut noch aus seiner Zeit als Hoffenheimer Jugendtrainer kennt.

Andere Spieler sollen abgegeben werden, Korkut betonte im Sky-Interview aber: "Wir müssen unser Gerüst behalten. Ich bin kein Fan von großen Umbrüchen." Dennoch wird es natürlich noch weitere Verpflichtungen geben: "Wir werden auch nach Spielern schauen, die eine gewisse Erfahrung haben." Im Gespräch ist unter anderem eine Rückholaktion von Mohammed Abdellaoue, der in Stuttgart nicht glücklich wird - und dessen Qualitäten man in Hannover bereits zu schätzen gelernt hat.

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