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Ist Guardiolas Tiki-Taka schön oder langweilig?

Schon in Barcelona ließ der aktuelle Bayern-Trainer ein System spielen, das vor allem auf Kurzpässe und Ballbesitz setzt. Ist das nun überragend gut oder inzwischen langweilig?

EINE DEBATTE

Von Ben Hayward und Carlo Garganese

München. In der Saison 2013/14 hat Bayern München mit Trainer Pep Guardiola einen Rekord nach dem anderen gebrochen. Die Bayern sicherten sich den Titel in der Bundesliga schon im März, stehen im DFB-Pokalfinale und haben das Halbfinale der Champions League. Sie sind auf Kurs, das Triple der vergangenen Saison zu wiederholen.

Trotzdem sind die kritischen Stimmen in den letzten sechs Wochen lauter geworden, denn die Ergebnisse und Leistungen sind nicht mehr so überzeugend wie vorher. Einer der Hauptkritikpunkte ist die Spielweise, die die Bayern auf den Platz bringen.

Das Tiki-Taka, das der Spanier aus Barcelona mitgebracht hat, wird von einigen als "steril" oder "seelenlos" bezeichnet. Andere wiederum meinen, dass Guardiolas Passspiel-Philosophie Fußball in Reinkultur ist - und für ein toll anzusehendes Spektakel sorgt.

Ist Guardiolas Tiki-Taka also schön oder langweilig? Zwei Goal-Schreiber streiten sich über dieses Thema.

"ES IST NICHT PEPS FEHLER, DASS DIE GEGNER DEN BUS PARKEN"


 
Von Ben Hayward

Es gibt keine richtige oder verkehrte Art und Weise, Fußball zu spielen. Die Philosophie, die Pep Guardiola dem brillanten Team vom FC Barcelona eingeimpft hat, war jedoch der einfachste Stil-Ansatz, der in den letzten Jahren verwendet wurde.

Guardiola hat mit Hilfe von Lionel Messi, Andres Iniesta und Xavi den Fußball revolutioniert - und der Katalane verfolgt nun in der Allianz Arena mit Bayern München einen ähnlichen Stil. Das hat in der Bundesliga schon spektakulär gut funktioniert, denn der Titelgewinn stand schon so früh wie niemals zuvor fest. Trotzdem ließ die Form in den vergangenen Wochen etwas zu wünschen übrig - und das Team glänzte nicht mehr so wie vorher. Guardiolas ständige Experimente sorgten bei einigen Beobachtern für Unbehagen.

Aber die sollten nicht besorgt sein. Hinter den manchmal seltsamen taktischen Entscheidungen steckt Peps Streben nach Perfektion. Und das muss immer unterstützt werden, auch wenn es manchmal nicht funktioniert. Guardiola will, dass sich seine Mannschaft weiter entwickelt und all seine taktischen Tests speichert er für die Zukunft in seinem Kopf ab.

Das größte Problem, vor dem er nun steht, ist, dass die Gegner sich gegen seine Mannschaften weit zurückziehen und die Räume eng machen. Und das ist nichts Neues für ihn. Anders ausgedrückt: Sie parken den Bus.

Alle Teams tun sich gegen solch ein System schwer und Peps Bayern sind dabei keine Ausnahme. In Barcelona war es genauso: In den zwei Halbfinals in der Champions League, die der Verein verlor, spielte Barcelona gegen die ultra-defensiven Teams Inter und Chelsea, die die Katalanen frustrierten, indem sie sich mit allen Leuten hinter den Ball stellten, eng deckten und die Räume um den eigenen Strafraum dicht machten.

Guardiola sucht immer noch nach einer Lösung, um solch diszipliniert stehende Defensiven auseinander zu nehmen. Aber mit der Tiki-Taka-Philosophie hat er dazu die besten Chancen und es bleibt der "Fußball pur"-Ansatz. Wenn das Tiki-Taka läuft, ist es unglaublich schön anzusehen. Und wenn es mal nicht läuft, liegt das meist daran, dass das andere Team überhaupt nicht mitspielen will. Und das kann man Guardiola ja wohl nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil: Es ist eher das größte Kompliment, das man ihm machen kann.

"TIKI-TAKA 2.0 IST LANGWEILIG UND IMMER GLEICH"



Von Carlo Garganese

Um es gleich klar zu stellen: Pep Guardiola ist eine Bereicherung für den Fußball.

Wir leben in einer Zeit, in der die Athleten die Kontrolle über den Fußball übernehmen. Techniker und Künstler verschwinden langsam, sie werden von Läufern und Robotern ersetzt. Der spanische Trainer fordert immer von seiner Mannschaft, dass sie Fußball spielt, auch wenn zweifellos das totale Pressing ebenfalls ein wichtiger Teil seiner Philosophie ist.

In der Offensive jedoch ist Guardiola mit seinem Tiki-Taka inzwischen zu weit gegangen. Die erste Version war eine echte Freude für die Augen: Barcelona sicherte sich zwei Titel in der Champions League mit dem besten Fußball, der je gespielt wurde. Der Titelträger des Jahres 2009 kontrollierte den Ball und das Spielfeld, genau wie die Bayern heute. Aber er war auch dynamisch und unvorhersehbar: Die Angriffsreihe mit Lionel Messi, Thierry Henry und Samuel Eto'o zerlegte die Gegner.

Das war allerdings nur der Anfang. Danach wurde Guardiolas Vorstellung, die Gegner in die Unterlegenheit zu passen, ungesund. Es wurde so schlimm, dass Guardiolas Team in seiner letzten, titellosen Saison im Camp Nou fürchterlich vorhersehbar war. "Steril", nannte das Arsene Wenger. Die Blaugrana wollten mit dem Ball am liebsten über die Linie laufen - es gab keine Distanzschüsse, keine Flanken, keine Stürmer. Es gab keine Abwechslung.

Bei Bayern gibt es Anzeichen für eine ähnliche Entwicklung. In der Hinrunde war der Einfluss von Jupp Heynckes noch zu erkennen: Bayern war mit dem Barca des Jahres 2009 vergleichbar. Seit Jahresbeginn aber sehen die Bayern eher wie Barca 2012 aus. "Dann werden sie wahrscheinlich irgendwann so spielen wie Barcelona, wo du nicht mehr hinschauen kannst, weil sie auch auf der Torlinie den Ball noch rückwärts spielen", sagte Bayerns Legende Franz Beckenbauer letzten Monat.

Den Tiefpunkt erreichten die Bayern im Viertelfinale der Champions League gegen Manchester United. Bayern spielte mit dem Feuer, obwohl das Team in beiden Duellen einen Ballbesitz von fast 70 Prozent hatte. Das Spiel der Münchner war langsam und immer gleich - kurze Pässe von einer Seite auf die andere kurz vor dem Strafraum. Es gab keine Steilpässe und niemanden im Sechzehner, der für Gefahr sorgte, bis Mario Mandzukic eingewechselt wurde.

Bayern kann trotzdem in dieser Saison die Champions League gewinnen. Aber Guardiola war es, der die Fans dazu gebracht hat, sich ins Tiki-Taka zu verlieben. Jetzt tut er alles dafür, diese Liebe zu zerstören. Es ist für ihn an der Zeit, Tiki-Taka 2.0 nicht mehr spielen zu lassen.

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